Einige Präzisierungen zum Begriff des „kapitalistischen Reproduktionssystems“

Mai 2010, Jacques Wajnsztejn

Übersetzung aus dem Französischen : Bernd Beier

Originalartikel: Quelques précisions sur le “système de reproduction capitaliste”

Veröffentlicht im : Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (AGWA), 15 (1998)


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Während der Marxismus die Geschichte der Gesellschaften als die einer Abfolge von Produktionsweisen sieht, repräsentiert für mich das kapitalistische System, in seiner ursprünglichen und bürgerlichen Form, die einzige Produktionsweise der Geschichte im strengen Sinne. Wenn auch in den meisten Gesellschaften eine produzierende Tätigkeit bekannt war, so hat doch einzig der Kapitalismus dieser Aktivität zur Autonomie verholfen, ihr sodann die anderen untergeordnet und schließlich die Herrschaft des Ökonomischen gesichert. Insoweit kann man dann von „Produktionsweise" reden, wobei der Begriff „Weise" zugleich auf den Zweck des Systems Bezug nimmt (Akkumulation von Kapital, Ausdehnung des Austauschs, Wachstum der Produktion) als auch auf die Gestalt, die die gesellschaftlichen Verhältnisse annehmen (Privateigentum, Profit und Lohnarbeit). Damit stellt sich übrigens nicht ohne weiteres die Frage der Gesamtreproduktion des Systems, allenfalls auf eine vollkommen sekundäre Weise, denn der Kapitalismus hat die frühere Gesellschaftsordnung vor allem zerstört. Er befreit die gesellschaftlichen Kräfte durch die und mit der Individualisierung. Das scheint klar und deutlich in der liberalen Idee auf, nach der die Verschiedenheit der individuellen Interessen dem Allgemeininteresse nicht schaden kann. „Contrat social" und „unsichtbare Hand" der Marktgesetze sind die einzigen Garanten einer quasinatürlichen Harmonie des Ganzen, die auf der freien Arbeit, der Freiheit des Tausches, dem Privateigentum und dem ökonomischen Mehrwert beruht.

Bei der Sklavenhaltergesellschaft und dem Feudalismus oder bei den Formen „asiatischer" Produktion1 kann man nicht von Produktionsweise sprechen. Die Sklavenhalter-gesellschaft und der Feudalismus sind eher Systeme der Unterordnung von Personen unter Personen, deren Ziel die Reproduktion dieser Unterordnung ist. Man könnte soweit gehen und sagen, daß die Vermehrung von Dienern oder Untertanen ihnen wichtiger ist als die Vermehrung von Produkten. In den seltenen Fällen, in denen die Produktion starke Fortschritte machte, handelte es sich eher um Produktion für die Konsumtion als für die Akkumulation (vgl. das römische Kaiserreich). Es ist also nicht überraschend, daß diese Gesellschaften, während sie einen gewissen Reichtum produzierten und ihnen auch das Geld und der Markt bekannt waren, kein „Wachstum" produzierten.

Die kapitalistische Produktion stellt hingegen durch ihre vorherrschende Beziehung zu den Dingen und durch ihre besondere Beziehung zur Natur zum ersten Mal eine Konzeption der Welt her, die

- die Frage nach der Herkunft des Reichtums stellt und sie in der Arbeitsteilung, den Produktivitätsfortschritten und dem generalisierten Tausch findet (vgl. Adam Smith, Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Nationen),

- die Zukunft in einer dynamischen Sichtweise begreift. Es geht darum, zusätzlichen Reichtum zu produzieren und nicht darum, ihn wie in den Zeiten des Feudalismus einfach als Attribut eines Status zu erwerben.

Der offensichtliche Triumph des homo oeconomicus, der Marktökonomie, der „unumgänglichen ökonomischen Notwendigkeit", scheint auf den ersten Blick im Sinne einer Festigung der Produktionsordnung im Herzen der kapitalistischen Produktionsweise zu verlaufen. Ich werde mich jedoch bemühen, verschiedene Elemente freizulegen und herauszustellen, die gegen diese Evidenz sprechen und die für die Hypothese eines Bruchs mit dem Begriff Produktionsweise sprechen und einen Schritt vorwärts zu dem erkennen lassen, was man eine „Reproduktionsweise" oder, besser noch, ein „Reproduktionssystem" nennen kann. Trotz des Anklangs von Rigidität ziehe ich den Begriff „System" vor, denn er gibt sowohl die wachsende Abstraktion der gesellschaftlichen Beziehungen besser wieder als auch den Vorrang, der dem Gesamtzusammenhang im Herzen einer Gesellschaft eingeräumt wird, die viergeteilt ist zwischen Vollendung der Individualisierung und „Kompaktheit" der Strukturen sowie zwischen Globalisierung der Sachzwänge (die berühmte Weltordnung) und Verwaltung des Alltäglichen (die private Freiheit unter diffusem staatlichen Blick). Der Begriff „Reproduktion" muß in dieser Verwendung unterschieden werden:

- von dem Begriff „Reproduktion des Systems", der immer ein wenig tautologisch ist, weil sich letztlich jedes System reproduziert,

- von den Marxschen Begriffen der einfachen und erweiterten Reproduktion, die nur in Bezug auf eine Theorie des Werts verstanden und gebraucht werden können, der wir nicht mehr anhängen,2

- und von dem soziologischen Begriff gesellschaftliche Reproduktion bei Bourdieu, dessen Tragweite auf die Kritik der Theorien der sozialen Mobilität beschränkt ist.

Unter dieser Bedingung ist der Begriff „kapitalistisches Reproduktionssystem" besser geeignet als der der Produktionsweise, um einen Standpunkt der Kritik des Regimes und der Kräfte der Herrschaft einzunehmen.

Es geht nicht darum, den Übergang von der kapitalistischen Produktionsweise zum Reproduktionssystem exakt zu datieren. Es handelt sich um eine Tendenz, die von Phasen des Vorstoßes, von Phasen der Stabilisierung und sogar von Phasen des Rückgangs gekennzeichnet ist. So unterschiedliche Erfahrungen wie der New Deal unter Roosevelt, der faschistische Korporatismus, die französische neo-sozialistische Planwirtschaft (Mischung aus Vichyismus à la de Man und Keynesianismus), das schwedische sozialistische Modell und die Breschnew-Ära in der UdSSR können als Momente des Vorstoßes betrachtet werden, der Ultra-Liberalismus unter Thatcher und Reagan als Bewegungen des Rückgangs und der gemäßigte und konsensuelle Liberalismus von heute als eine Phase der Suche nach Konsolidierung der „Errungenschaften", ohne unbedachte Risiken einzugehen. Es geht also eher darum, die Elemente freizulegen, die diesen Übergang zu einem Reproduktionssystem kennzeichnen.

1. Das gegenwärtige System ist nicht mehr eine Produktionsweise im bis heute verwendeten üblichen Sinne des Wortes (kapitalistische Produktionsweise), denn was es wesentlich lenkt, ist gerade nicht mehr die Produktion.

Ein immer größerer Teil der im heutigen System eingesetzten Mittel ist dazu vorgesehen, das Funktionieren des Ganzen zu garantieren. Dieser Teil ist somit fast vollständig von den ökonomischen Begriffen des Werts und des Profits abgekoppelt, was keine Indifferenz gegenüber der Frage der Kosten beinhaltet. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die internationale Arbeitsteilung, die sich heute via GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) durchsetzt, bezweckt eingestandenermaßen, die Preise der Waren zu senken, unausgesprochen zugunsten der Konsumenten in den westlichen Ländern, ohne sich groß Gedanken zu machen, wer die Waren produziert und ob es weiterhin in bestimmten Zonen noch Produzenten geben wird. Es existiert der Wille, eine Konzeption der ökonomischen Ordnung durchzusetzen, die nicht mehr viel mit der der Vorläufer des kapitalistischen Systems zu tun hat. Die klassische Theorie des Nutzenausgleichs wird gerade dadurch vergewaltigt, daß sie wörtlich genommen wird, obwohl Smith und Ricardo, die Partisanen des freien Tauschs, darauf bestanden, daß dieser eingeschränkt werden müsse, wenn seine Praxis dazu führte, große Teile der Industrie den ausländischen Produkten preiszugeben.

Dieses System ist der Freiheit entgegengesetzt, die es angeblich fördert. In seiner modernen Form läßt es nur die Möglichkeit zu, sich an Zwänge (monetäre Zwänge, Wettbewerbszwänge) anzupassen. Die neo-klassische politische Ökonomie vom Ende des 19. Jahrhunderts hatte schon die Definition preisgegeben, die ihr die Klassiker gaben - als Wissenschaft zum Studium der Ursachen und Bedingungen des Reichtums der Nationen -, um aus ihr das Fach des Kampfes gegen den Mangel zu machen. Die modernen Liberalen mußten das Werk nur vollenden. Die Betonung, die auf den Mangel gelegt wird, signalisiert einen ersten impliziten Bruch mit den Ideen von Überfluß und Fortschritt, die in der Aufklärung geboren und durch die Auswirkungen der industriellen Revolution auf die Lebensbedingungen verstärkt wurden. Der Reichtum wird nicht mehr durch die Akkumulation von Kapital und den Einsatz von Arbeit hervorgebracht, sondern durch die Beherrschung der Kapitalflüsse. Nicht mehr Schaffung von Reichtum, sondern Absaugen oder Transfer von Kapital ist vorrangig angesagt; Akkumulieren, Sparen und Investieren sind nicht mehr so wesentlich. Der manchmal zu gewinnende Eindruck einer durch technischen Fortschritt bedingten Flucht nach vorn steht nicht im Widerspruch zu dieser Bewegung. Auf der Ebene der Unternehmen besteht das Ziel meist darin, sich durch punktuelle Monopolpositionen mit einem Produkt auf einem Segment des Marktes Profitnischen zu schaffen. Auf der makroökonomischen Ebene jedoch sind die Konsequenzen eine wachsende Abnahme der Akkumulation von Kapital durch beschleunigtes Veralten (Entwertung im marxistischen Vokabular).

Im übrigen verweisen der Vorrang, der den Finanzstrategien eingeräumt wird, und das Phänomen von aufgeblähten Finanz- und Börsenspären auf die Existenz einer Überakkumulationskrise (Krise der produktiven Verwertung), und die gegenwärtige Angst vor der Inflation signalisiert auch, daß die schüchternen Andeutungen eines neuerlichen Wachstums sich auf neuen Grundlagen abspielen (Wert ohne Arbeit). Man könnte so das Wort von Bertrand Russell umdrehen, der unsere Gesellschaft als eine definierte, in der man es versteht, eher doppelt so viele Nadeln in einer bestimmten Zeit herzustellen als eine gleichbleibende Quantität Nadeln in der halben Zeitspanne. In den gegenwärtigen Strategien der Hyper-Wettbewerbsfähigkeit gibt der berühmte „äußere Zwang" den neuen Rahmen der Produktion und des Tauschs vor, in dem die Produktivitätsfortschritte in unbrauchbare zeitliche Ressourcen umgewandelt (Arbeitslosigkeit, Ausschluß der Arbeitskraft) und nicht in effektive Ressourcen umgeformt werden, wie es ein Wachstum der Produktion erfordern würde. Der Rahmen von Reflexion und Aktivität hat sich geändert. Die „human resource"-Theorien haben die Kategorien von Arbeit und Arbeitern ausgedünnt und verdrängt.

Die „human resource"-Theorien sind nicht von der Idee des Humankapitals zu trennen, selbst wenn dieser letztere Begriff nicht im stalinistischen Sinne verwendet werden darf, der von Mao wiederaufgenommen wurde („der Mensch, das wertvollste Kapital"). Er bedeutet nicht, daß der Mensch Kapital ist, sondern daß sein „savoir-faire", seine erworbenen Kenntnisse einen Teil davon bilden. Es handelt sich also nicht um die gleiche Idee wie in der traditionellen Sicht des Arbeiters und der Lohnarbeit. In dieser markierten der Arbeitsvertrag und der auf das Unternehmen beschränkte Ort der Arbeit ein Innerhalb und ein Außerhalb der Arbeitsbeziehung. In der Verwaltung der „human resources" jedoch gibt es tendenziell kein Außerhalb mehr. Man verfolgt den Lohnabhängigen dank der modernen Kommunikationsmittel bis nach Hause; man verwandelt die Studierenden in potentielle Lohnarbeiter (Darlehen auf die Zukunft, die die Stipendien ersetzen). Aber mit dieser dichten zeitlichen Überwachung der Individuen trachtet man nicht so sehr danach, sich ihre produktiven oder kreativen Fähigkeiten anzueignen als vielmehr danach, sich absolut alle menschlichen Aktivitäten einzuverleiben. Das System ist dermaßen instabil geworden, die geschaffenen Kräfte sind so zentrifugal (beispielsweise gewisse Auswirkungen der Informatik), daß permanent zentripetales Gegenfeuer gegeben werden muß. Ob das Ganze von einem wirklichen Bewußtsein und somit von einer klaren Strategie abhängt oder nicht, ist ein anderes Problem. Das einzige Ziel des Ganzen ist die Aufrechterhaltung der Herrschaft, und dieses Ziel hängt von kurzfristigen Erwägungen ab, denn es gibt keine herrschende Klasse mehr, die Trägerin eines „Gesellschaftsprojekts" wäre. Man muß sich somit nicht von humanistischen oder sozialen Sorgen hindern lassen. Die Vergeudung und Plünderung der „human resources" spielt sich nach dem nunmehr vollendeten traditionellen Modell der Plünderung der natürlichen Ressourcen ab. Allerdings sind die „human resources" nicht rar, sondern im Überfluß vorhanden. Die „resources" gebrauchend und mißbrauchend kann das System sie voll ausschöpfen, wie es das gegenwärtige Bestreben der Großunternehmen zeigt, das Durchschnittsalter ihrer Lohnabhängigen zu senken oder ihre Bedürfnisse nach Beschäftigung so zu definieren, daß immer mehr Individuen in solche „ohne Ressourcen" verwandelt werden.

Was die dominant gewordene Rolle der Finanzpolitik angeht, muß man anmerken, daß sie weder einer ökonomischen Verirrung entspricht - Finanzen gegen produktive Ökonomie -, noch einem bösen Streich, der der Arbeiterklasse gespielt wird - das Ökonomische gegen das Soziale; sie ist vielmehr eine Warnung vor den exorbitanten Kosten der Reproduktion. Der Kern des Problems ist, daß man aus nichts keinen Reichtum schaffen kann und daß man Ersparnisse braucht, um zu investieren. Heute aber hat man die Ersparnisse, die logischerweise ein Überbleibsel des produzierten gesellschaftlichen Reichtums sind, durch den Kredit mit kurzer Laufzeit ersetzt, der selbst dazu dient, den mit langer Laufzeit zu finanzieren - oft in Form von Staatsobligationen -, woraus das Phänomen der aufgeblähten Finanzspähre resultiert. Die „Konsumgesellschaft" ist ebenfalls ein wesentliches Element dieser Reproduktion. Ein immer größerer Teil der Aktivitäten der Menschen dient nur dazu, das zu reproduzieren, was zerstört wurde. Der ideologische Vorrang, der dem individuellen Konsum eingeräumt wird, verstärkt dieses Phänomen noch, denn er sorgt für eine schnellere Zerstörung.3

Auf der globalen Ebene rechtfertigen das GATT und die neue WHO (Welthandelsorganisation) auf dem Weg über die Konsumtion die Herrschaft vom Gesichtspunkt der Reproduktion. Die kapitalistische Reproduktionsweise ist ein System, in dem der erlöste Mehrwert nur noch in zweiter Linie zur Akkumulation dient.4 Heute versucht jedes Land, Devisen anzuziehen und somit mehr zu exportieren als zu importieren, aber die gebildeten Reserven sind unproduktiv und stellen eine Art des Hortens dar (Wiederauftreten des „Bullionismus").5

2. Der technologische Entwicklungsprozeß nimmt im „kapitalistischen Reproduktionssystem" eine zentrale Stellung ein

Die menschliche Arbeit, als (gegenwärtige) lebendige Arbeit, interveniert nur um diesen technologischen Entwicklungsprozeß herum, nicht aber in den Prozeß. Es geht nicht um die Beherrschung der Technik, sondern darum, an offensichtlich untergeordneter Stelle an diesem Entwicklungsprozeß teilzunehmen. Die intellektuellen Kräfte der Gesellschaft werden ein wahrhaft kapitalisiertes Wissen, das Front macht gegen das, was man noch gewohnheitsmäßig die gesellschaftlichen Kräfte nennt. Diese „gesellschaftlichen Kräfte" ziehen sich auf die Verteidigung von Errungenschaften oder Rechtsstandards zurück und lösen sich parallel dazu in die Privatsphäre auf. Paradoxerweise findet sich das, was man heute, zumindest potentiell, gesellschaftliche Kräfte nennen kann, in den Sektoren, die am geringsten von den Technologien erfaßt wurden (Lehre, Gesundheitswesen), oder im Herzen der Organisation der Reproduktion (Transporte). Die Verbindung zwischen Produktion und Konsum nimmt ebenfalls eine neue Wendung. Wenn es auch notwendig ist, die Logik der „Konsumgesellschaft" beizubehalten, so müssen sich deren Charakteristika doch weiterentwickeln. In der ersten Phase hatte man es mit einem Massenkonsum dauerhafter Güter und Ausstattung zu tun, die unmittelbar die Lebensbedingungen veränderten. Dieser Konsum erschöpft sich zwangsläufig durch Übersättigung mit Grundprodukten und psychischen Überdruß der Konsumenten. Was die Ökonomen und Journalisten Qualitätsverbesserung durch Diversifizierung der Produkte nennen, kann nicht verbergen, daß der Großteil der Neuerungen bei den traditionellen Produkten nur Detail-Innovationen sind, Veränderungen „am Rande".

In der gegenwärtigen Phase ist der Konsum um die technologische Entwicklung zentriert; er ist mehr und mehr immateriell, selbst wenn er auf die Verwendung materieller Hilfsmittel angewiesen ist. Kommunikation zu konsumieren hat weder die gleiche Bedeutung noch die gleichen Folgen wie der Konsum eines Kühlschranks (oder selbst eines Mikrowellenherdes als ziviler Frucht der militärischen Technologie). Hier geht es darum, eine neue, künstliche soziale Bindung zu schaffen, die es erlaubt, durch eine zentralisierte Überwachung des Sozialen eine direkte Aktivierung an der Basis durch die Individuen selbst und damit die Reproduktion einer Gesellschaft zu sichern, deren ganze Funktionsweise zur Auflösung der früheren gesellschaftlichen Beziehungen, die auf der Arbeit beruhten, geführt hat. Das Problem, was die Henne und was das Ei ist, ist sekundär. Es genügt, das Zusammentreffen zwischen technologischem Entwicklungsprozeß und Erfordernissen der Mächte vor Ort zu registrieren, ohne in eine machiavellistische Konzeption des Politischen einerseits oder die technokratische Sichtweise der Ankunft des Virtuellen andererseits zu verfallen. Nichts wird total beherrscht: weder die Weltordnung noch die „Highways der Information".

Dieser technologische Rahmen wird von einer bürokratischen Struktur kommandiert, von der das große Unternehmen nur ein untergeordnetes Ensemble ist. Zwar existiert noch ein kapitalistisches Kommando, aber seine Rechtfertigung liegt nicht mehr in der Optimierung der Kombination der Produktionsfaktoren oder im Ausdruck des „Unternehmergenies" (Schumpeter). Verwaltung, Rationalität und Produktivität ersetzen Produktion und Wert, und die großen öffentlichen Verwaltungen und Privatunternehmen teilen sich die wichtigen Entscheidungen, die Profite und die enormen Aufträge. Die Ziele sind Macht und Reproduktion des Gesamtprozesses. Diese Macht ist nicht das Ergebnis irgendeines „Willens zur Macht", sondern das Produkt einer besonderen Kombination verschiedener, objektiver und subjektiver, Kräfte der Herrschaft.

Eine Rationalität der Optionen existiert nur in Bezug auf die Logik der Reproduktion. Wenn man das Beispiel der EDF (Electricité de France, staatliche, mittlerweile teilprivatisierte Elektrizitätsgesellschaft) nimmt, ist die nukleare Option eine politische und technokratische Entscheidung, bei der das Ineinandergreifen von technologischem Entwicklungsprozeß, technokratischer pressure group und Staatsapparat beeindruckend ist. Das Projekt EDF stimmt von Anfang an vollständig mit der französischen Sichtweise der Modernität überein. Es geht darum, Wissenschaft, ökonomische Rekonstruktion und politischen Zentralismus mit einem Bezug auf den öffentlichen Dienst, zugleich Ideologie und Ethik des Nationalstaats, in Einklang zu bringen.6 Das Ganze in einer Haltung, die fortschrittlich sein soll, im zugleich wissenschaftlichen wie politischen Sinn des Wortes. Aber was hat es heute damit auf sich? Heute muß man die Elektrizität um jeden Preis kaufen und sich damit die Überkapazität an nuklearer Energie vom Hals schaffen, darf jedoch niemals das in Frage stellen, was ein Pfeiler der Reproduktion in Frankreich ist (man verheimlicht die Auswirkungen von Tschernobyl vollständig, und man wird weiterhin die Schulkinder mit EDF-Reklame füttern und sie das schöne AKW von Bugey besichtigen lassen). Im 19. Jahrhundert entdeckte die politische Ökonomie, daß man die Techniken entsprechend den relativen Quantitäten der Produktionsfaktoren wählen konnte, die man einzusetzen wünschte. Es gab somit noch eine Unbestimmtheit, die die Möglichkeit einer Kontrolle und Beherrschung des Prozesses zuließ.

Seit dem Ende des 19. und vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts beseitigt die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts diese Unbestimmtheit, und die „kapitalisierte" Technik wird einem Bestreben integriert, die lebendige Arbeit zu eliminieren. Die Ricardianer Pietro Sraffa und Joan Robinson kritisierten dies, aber sie wiesen nur - wie die Kritiker der Technostruktur (John Kenneth Galbraith) - auf die ökonomische Irrationalität der Entscheidungen hin, während sie den sozialpolitischen Inhalt und die Herrschaftsfunktion der Ersetzung von Arbeit durch Kapital vergaßen. Man mußte sich schließlich dem Verhängnis der autonom gewordenen Technik beugen. Selbst die Wissenschaft scheint dieser Bewegung unterworfen zu sein. Schenkt man René Thom Glauben, so gibt es eine wahre „experimentelle Inflation", die die theoretischen Mängel der Wissenschaft maskiert. Thom unterscheidet zwischen der „wahren Forschung", die auf einem Einsatz im Hinblick auf Gewinn beruht (man kann den Vergleich ziehen mit dem Einsatz des Unternehmers im Hinblick auf den zukünftigen Gewinn in der Epoche des klassischen Kapitalismus), und der gegenwärtigen Praxis, die darin besteht, a priori den Einsatz damit zu rechtfertigen, daß die Experimentier-maschine um jeden Preis funktionieren muß, da man kostspielige Erfahrungen machen will.7

3. Das Verhältnis zum Fortschritt wird somit vollkommen unterschiedlich zu dem in der klassischen kapitalistischen Produktionsweise

Es gibt kein Gesamtprojekt und keine Konzeption der Welt und des Fortschritts mehr, mit denen alle Welt wie in den „guten alten Zeiten" des Fortschrittsglaubens übereinstimmt. Der Fortschritt wird wie ein Verhängnis erlebt: „Man muß mit ihm leben", „das ist der Fortschritt!" hört man von allen Seiten. Das soll nicht heißen, daß es keine Macht- und Herrschaftsstrategie gibt, aber die ganze Entwicklung verläuft in Abwesenheit sichtbarer Ziele. Im übrigen ist es symptomatisch, endlos von „perversen Auswirkungen" reden zu hören, als seien die einzig sichtbaren Auswirkungen nicht gewünschte Tatsachen. „Perverse Auswirkungen", „Teufelskreis" - diese Ausdrücke bevölkern unsere Sprache als Zeichen der Kreisförmigkeit des Systems.

Das Potential des Fortschritts hat sich in der falschen Dialektik von Mensch und Natur erschöpft. Die Produktivkräfte werden nicht mehr allein von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen gehemmt (Marx); sie entwickeln sich heute außerhalb jeder langfristigen Perspektive (genereller Fortschritt, Utopie anderer gesellschaftlicher Verhältnisse, eines anderen Entwicklungstyps). Die Marxsche Sichtweise einer Produktivkraft, die in ihrer Entwicklung all die bürgerlichen und kleinlichen Hindernisse fortreißt, ist weniger stark gewesen als die Produktivkraft selbst, die alles auf ihrem Weg fortreißt.

Die instrumentelle Relation ist die wesentliche Relation geworden, und die Technik wird dem menschlichen „Tun" entzogen, sei es, um sie als Reich der Notwendigkeit - da sie Produkt der Wissenschaft ist - zu konstituieren, sei es, auf kritische Weise, um sie als ontologische Frage zu konstituieren (Martin Heidegger, Jacques Ellul). Es wäre jedoch vorteilhafter, über diese Technowissenschaft insofern nachzudenken, als sie zugleich Hoffnung einer anderen Praxis sein soll, da sie ja die Gesamtheit unserer Umwelt, unserer Verhaltensweisen und unserer Sicht der Welt verändert hat.

Dabei dürfen Fortschritt und Technik nicht von einem rein subjektiven Standpunkt aus analysiert werden. Man kann endlose Diskussionen über die vergleichbaren Vor- und Nachteile des Hochgeschwindigkeitszugs, des Autos, über den walkman und tutti quanti führen. Man hat dann die Illusion des Aufeinanderprallens theoretischer oder politischer Positionen, obwohl es sich ziemlich oft nur um eine Überbewertung des Geschmacks handelt, die den Platz eines Prinzips einnimmt. Wenn man sich auf diese Ebene begibt, sieht man sich verpflichtet, auf bestimmte schädliche Auswirkungen hinzuweisen, die zu Feinden erklärt werden (die Atomenergie, die Politik der EDF - und nicht die Kohle!); man kann dann nur defensive und beschränkte Ziele präsentieren,8 die die Ungeheuerlichkeit der globalen Fragen vernachlässigen, die sich ohne weiteres stellen. Denn gerade dies sind Fragen, die mit der Reproduktion und nicht mit der Ökonomie verknüpft sind (beispielsweise kann die Herrschaft des technologischen Entwicklungsprozesses nicht darauf reduziert werden, daß es sich dabei letztlich um Warenbeziehungen handelt, wie der extreme Grad der Umweltverschmutzung in den Ländern des ehemaligen Sowjetblockes zeigt).

Es gibt kein Ziel des Fortschritts, das von einem rein subjektiven Standpunkt aus ermessen werden kann, der uns dann zu erklären veranlassen würde, daß man heute nur schlecht essen könne (Legebatterien, Hormone) und sich noch mehr abhetzen müßte (TGV), kurz, daß die Lawine der Veränderungen und Waren nur eine Demokratisierung durch Nivellierung auf der untersten Ebene hervorgebracht hätte. Es gibt eher eine materielle und objektive Blockade. Der Fortschritt ist mit der Produktion von Reichtümern verbunden gewesen, mit der Fähigkeit, die Welt zu verändern, also mit der Vorherrschaft der materiellen Produktion, die mit dem Projekt einer Klasse verknüpft war, deren besonderes Interesse dieser Veränderung entsprach. Jede auf ihre Art und aus unterschiedlichen Gründen, arbeiteten die Bourgeoisie und die Arbeiterklasse an einem solchen Projekt.

Aber in dem Maß, in dem sich der eigentlich produktive Teil im Verhältnis zur generellen Aktivität verringerte, drückt sich die Macht nicht mehr in der Veränderung der Welt aus, sondern in ihrer Herrschaft als Reproduktion. In diesem Sinne kann man die mißtrauische Reaktion der Finanzindikatoren gegenüber dem US-Aufschwung interpretieren. Alles, was einem prekären Gleichgewicht des Systems schaden kann, wird Objekt einer großen Aufmerksamkeit und einer präventiven Reaktion. Der gegenwärtige Vorrang, der den „großen Gleichgewichten" eingeräumt wird, bringt, jedoch auf eine moderne und apologetische Weise, die alte Furcht Ricardos vor einem „Gleichgewichtszustand" als Endergebnis des Kapitalismus zum Ausdruck.

4. Wenn die Logik der kapitalistischen Entwicklung auf der Abstraktion des Wertes (Marx) beruhte, ist diese so abstrakt geworden, daß sie einen Zerfall der Gesellschaft hervorgebracht hat

Man muß den Ausdruck „Herauslösung" wiederaufgreifen,9 zugleich aber gegenüber der ursprünglichen Analyse präzisieren. Wenn es „Herauslösung" gibt, ist es nicht mehr die des Ökonomischen in Bezug auf die gesellschaftlich-politische Ordnung, sondern die des Gesellschaftlichen in Bezug auf die öko-politische Ordnung, was den Ein-druck erzeugt, daß „das Gesellschaftliche" nirgends mehr ist und gleichzeitig überall. Es stellt sich eine zunehmende Autonomie der drei Sphären ein, der gesellschaftlichen, der politischen und der ökonomischen, obwohl diese zersplitterte Ordnung sich durch den Mund ihrer Führungskräfte explizit als zugehörig zur Herrschaft des Ökonomischen präsentiert.

In diesem Moment der tendenziellen Autonomie der drei Sphären kann man einen dreifachen Widerstand sehr unterschiedlicher Natur bemerken. Auf der Ebene des Staates geht ein Teil des politischen Personals auf Distanz zur hohen, nationalen oder europäischen, Verwaltung, die er des Technokratismus beschuldigt, der seelenlosen Verwaltung, in dem Bewußtsein, daß hiermit deren Legitimität und Nützlichkeit in Frage gestellt wird. Auf der Ebene der Individuen leben identitäre und kommunitaristische Strömungen wieder auf, die eine nostalgische oder (im strengen Sinn) reaktionäre Ablehnung dieser Entwicklung manifestieren. Schließlich führten die Kämpfe im Herbst 1995 in Frankreich zu ersten massiven Reaktionen, die sowohl eine Verweigerungshaltung als auch Möglichkeiten, voranzukommen, zum Ausdruck brachten.

Vorherrschend ist jedenfalls im Augenblick noch die Logik der Herrschaft aufgrund ökonomischer Imperative. Die Menschen reproduzieren noch wertschöpfende Arbeit, jedoch mehr und mehr als Fiktion. Um dies aufrecht zu erhalten, produzieren sie Arbeit - nicht zur Produktion von Gütern, sondern einfach zur Produktion von Zeit beanspruchenden Dienstleistungen: Information und Kommunikation - und suchen die letzten, nicht auf diese Weise verzeitlichten vitalen Aktivitäten in der Privatsphäre zu bewahren, was unter den gegenwärtigen Bedingungen mit der herrschenden Organisation der Zeit kollidiert, das heißt mit der Trennung von Arbeit und Freizeit. Nun macht aber diese Trennung auf diesen Grundlagen jede Aufhebung unmöglich. Es kann hier nur eine Ausdehnung der einen im Verhältnis zur anderen geben, immer aber auf der Basis der Arbeit als Wert. Das System seinerseits sucht sich eine universelle Zeit anzueignen, in der die Zirkulationsgeschwindigkeit (die berühmte „Echtzeit") im Verhältnis zur Akkumulation und zur Aneignung der Arbeit von anderen vorrangig wird.

Das fürchterliche im Bestreben einiger gesellschaftlicher Reformer ist, daß sie die Thesen der Marktökonomie absolut wörtlich nehmen wollen. Durch die Förderung der Nachbarschaftsarbeit beispielsweise suchen sie um jeden Preis das Gesetz von Say über die automatischen Absatzmärkte zu realisieren (das Angebot schaffe seine eigene Nachfrage); wenn also die Arbeiter von der Industrie mit Maschinen gejagt werden und sich arbeitslos wiederfinden, können sie demzufolge noch eine Beschäftigung und Löhne als neue Bedienstete finden.10 Das Resultat ist pervers: Tatsächlich findet in den Dienstleistungen Austausch von Zeit gegen Zeit statt, jedoch handelt es sich nicht um die gleiche Zeit. Sie hat nicht den gleichen Wert: Es ist die Freizeit (des leitenden Angestellten oder des Freiberuflers), die gegen Arbeitszeit (der Aufwartefrau) getauscht wird, und damit das in Gang kommt, muß man die gesellschaftlichen Beziehungen revolutionieren und müssen sich die ersteren in Arbeitgeber verwandeln. Die politischen und gesellschaftlichen Implikationen dieses Tatbestands sind wirklich komplett aus dem Blickfeld geraten.

Es wird nicht verstanden, daß ein System, dessen Entwicklung vor allem intensiv ist (gegründet auf den Produktivitätsfortschritten und dem Wettbewerbsbegriff), nicht mehr zum Ziel hat, zu produzieren und vor allem zu erschaffen, sondern zu reproduzieren und zu ersetzen.11 Die reproduktive Arbeit hat die produktive Arbeit zum großen Teil ersetzt, selbst wenn das Gesamtsystem noch immer vom produktiven Sektor aus seine Dynamik sucht. Diese reproduktive Arbeit darf nicht mit dem verwechselt werden, was man bei den Klassikern und bei Marx unproduktive Arbeit nannte. Der reproduktive Sektor umfaßt Arbeit, die man früher als unproduktiv bezeichnete, wie einige kollektive Dienstleistungen (Gesundheit, Unterricht, öffentliche Verkehrsmittel), ebenso wie Arbeit, die man als produktiv qualifizierte (öffentliche Arbeiten, Raumordnung, Energieproduktion).

Das Urbane ist in Bezug auf seine Instandhaltung und seine Herrschaft über den Raum vollständig von dieser reproduktiven Arbeit abhängig. Und die reproduktive Arbeit wird, wenn sie noch lebendige menschliche Arbeit ist - es ist schwieriger, sie durch Maschinen zu ersetzen -, zum großen Teil durch den erreichten Akkumulationsgrad und den infrastrukturellen Zuschnitt der Räume bestimmt. Daher entgeht ihr weitgehend das, worauf sie einwirkt, selbst wenn die Tatsache, im neuen Zentrum des Systems zu stehen (wie es die produktive Arbeit in den vorhergehenden Phasen hatte sein können), ihr ein lebendiges Bewußtsein des Widerspruchs zwischen Reproduktion für das System und Reproduktion des Lebens selbst gibt.12

Die Mehrzahl der Aktivitäten, die man Arbeit nennt, sind heute absurd, zumindest außerhalb ihrer Reproduktionsfunktion. Die Reproduktion bildet den Rahmen der Aktivität und bestimmt die Zwecke und somit die Nützlichkeit dieser Aktivitäten. Die Nützlichkeit ist qualitativ und objektiv reduziert, denn sie besteht nur innerhalb des Systems und wird als a priori gesetzt; aber es ist eine quantitativ unbegrenzt ausdehnbare Nützlichkeit, da man Nützlichkeit durch einfache Verwandlung einer privaten Tätigkeit in Arbeit herstellen kann, was die Garantie ihrer gesellschaftlichen Bestätigung ist. Gerade deswegen beschränkt sich die Mehrheit der Lohnabhängigen heute auf den Versuch, (sich) ihre Nützlichkeit und die Nützlichkeit ihrer Arbeit zu beweisen, während sie oft den Nachbarn und die Lohnabhängigen anderer Sektoren als Nutzlose, Faulenzer und Beamte angreifen.

Es mag überraschend erscheinen, in der Terminologie der Nützlichkeit zu reden, denn dies scheint, ausgehend von einem Subjektivismus ohne Grundlage, eine Art moralischen Urteils und damit eine Klassifizierung über die Aktivitäten einzuführen. Erinnern wir uns, daß die Marxisten und die Liberalen nichts dergleichen tun, da sie objektiv als zynische Diener der Ökonomie vorgehen: Für die ersteren ist all das nützlich (= produktiv), was Wert schafft; für die zweiteren ist all das nützlich, was Bedürfnisse befriedigt.

Mein Gebrauch des Ausdrucks Nützlichkeit funktioniert einzig und allein in der Art einer Kritik, die ein System hinterfragt, dessen Undurchsichtigkeit eines seiner Hauptmerkmale ist. Dieser Gebrauch ist somit zunächst ein Faktor der Kritik der Arbeit, weil er sich der Ansicht widersetzt, daß alles in Arbeit verwandelt werden soll. An zweiter Stelle enthält er eine utopische Dimension, da er die Frage nicht in der Sprache des Systems stellt (Verteilung der Arbeit, 37 Stunden, 32 Stunden, 30 Stunden - wer bietet mehr!), das heißt immer auf den Grundlagen der Arbeit, sondern weil er fragt: Was ist zu tun, um da herauszukommen?

Marx ging davon aus, daß es nicht allzuviel Sinn macht, sich die Frage nach dem Danach, dem Kommunismus, zu stellen und daß die Geschichte uns den Weg weisen würde. In einem Punkt hatte er recht: Wir sind heute bestimmt durch das und gefangen in dem, was die kapitalistische Produktionsweise produziert hat. Und mir scheint, daß es nicht einfach darum geht zu entscheiden, sie nicht mehr oder so wenig wie möglich zu reproduzieren,13 sondern zu wissen, was man will und wohin man will, wenn man verstanden hat, daß wir nicht wirklich frei in unseren Bewegungen sind. Das ist eine theoretische Frage, aber ebenso eine eminent praktische, die ich hier nicht entfalten kann (und auf die ich nicht ganz alleine antworten kann).

5. Die Bedeutung der ökologischen Frage und genauer noch der Natur und unserer Beziehungen zur Natur erweist sich in der Charakterisierung der gegenwärtigen Gesellschaft als Reproduktionssystem als fundamental

Die ökologische Bewegung hat sich zu Beginn in die Reihe der Protestbewegungen der sechziger und siebziger Jahre eingereiht. Heute kann man sagen, daß sie, indem sie sich institutionalisierte und mediales und politisches Gehör gewonnen hat, von dem aufgesaugt wurde, was man als einen gesunden ökologischen Menschenverstand bezeichnen könnte; dies zeigt nicht allein, daß sich diese „Sensibilität" in den Bevölkerungen der herrschenden industrialisierten Länder durchgesetzt hat, sondern auch, daß sie die führenden Kreise durchdringt und daß der Staat ihr Rechnung tragen muß. Seit den sechziger Jahren hatten die Theoretiker des „Club of Rome" Alarm geschlagen, indem sie auf den Widerspruch hinwiesen, der zwischen einer unendlichen Produktion und erschöpfbaren Ressourcen besteht. Ihr Vorschlag eines „Nullwachstums" stellt das erste Beispiel eines Willens zur Reproduktion eines gleichbleibenden Zustands dar. Diese Ansicht schien dann an Boden zu verlieren, denn mit der Krise der siebziger Jahre wurde die Rückkehr zu einem quantitativen Wachstum wieder zum einzig möglichen Horizont für eine herrschende ökonomische Theorie, die die Krise nur unter dem Blickwinkel der Kosten begreift. Der Produktivismus zog in sein letztes Gefecht, bevor er seinen Platz einer neuen Gleichgewichts-Theorie überließ. Heute - mit der Konferenz von Kairo (1995) - bemerkt man, daß der kritische Gesichtspunkt einer kleinen Gruppe von Intellektuellen und Technokraten gesiegt hat. Es geht nicht mehr um Entwicklung und Fortschritt, es geht darum zu schützen: Polizei gegen die Umweltverschmutzung und für die Rettung der Erde, demographischer Malthusianismus für die Verwendung der Armen des Planeten und „Verteilung der Arbeit" in den reichen Ländern sind die neuen Prioritäten der weltweiten Assoziation der Regierenden. Für diese letzteren geht es nicht um die Veränderung der Ordnung der Dinge, man muß sie nur einfach in Rechnung stellen und die Haltung ändern (im psychologischen Sinn des Ausdrucks), ohne daß sich die Haltung ändert (im Sinn von Verhältnis zur Natur).14

In die gleiche Richtung weist die „Behandlung" von Aids, durch die eine Gesellschaft des Schützens und einer Hygiene-Ideologie Kontur gewinnt. Die Polemiken zur Abtreibung und die Fragen der Bio-Ethik sind ebenfalls in dieses weite Ensemble von Fragestellungen und von Veränderungen rund um das Leben eingeschlossen. Die Niederlage der revolutionären Bewegungen, auch unsere Niederlage, heißt, darauf reduziert zu sein, über Rechte zu diskutieren wie vulgäre Reformisten, ohne neuen Perspektiven den Weg bahnen zu können. In diese Leere stürzen sich all die reaktionären Bewegungen, die das Menschliche für sich in Anspruch nehmen können, sei es in der demokratischen Tradition der Menschenrechte und des Humanitären oder in der Tradition der konservativen Revolution: puritanische Moral, Kampf gegen die Abtreibung und für das Recht auf Leben.

Der Niedergang der Ökologen als politische Kraft (sichtbar überall außer in Deutschland) hat folglich nichts Beruhigendes. Er zeigt einzig und allein, daß das Problem des Bewahrens so wichtig ist, daß es nicht in Frage kommt, es den Ökologen zu überlassen. Man muß allerdings auch darauf hinweisen, daß die Ökologen ihre Kritik nicht weit vorangetrieben haben. Auf der Ebene der Technik haben sie oft „sanfte Technologien" gepriesen, ohne daß die Technologie und die „technologische Haltung" selbst hinterfragt wurden. Auf der politischen Ebene haben sie sich damit zufrieden gegeben, sich in Sozialdemokraten zu verwandeln, die ihren Diskursen ein wenig Umwelt beigemengt haben (Lalonde in Frankreich, Fischer in Deutschland). Durch ihre unzureichenden Kritiken und ihre politischen Kompromisse sind sie dazu gebracht worden, ohne richtungweisende theoretische Sichtweise zwischen einem new-look-Produktivismus und dem Rekurs auf eine Philosophie der Authentizität (die wahre Natur des Individuums) zu navigieren. Man geht so von einer Herrschaft über die Natur, die charakteristisch für die Produktion ist, zu einer Trennung von Mensch und Natur über, die charakteristisch für die Reproduktion ist. Nichts wird mehr in Beziehung zueinander gedacht. Es genügt, Authentizitäten in einem pauschal akzeptierten politischen Rahmen auszudrücken.

Schließlich jagt das „Prinzip Verantwortung" von Hans Jonas das „Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch. Das Reproduktionssystem jagt jede Utopie, sogar im Innern dessen, der es bekämpft. Es ist grundlegend konsensuell und retrospektiv. Die ganze Vergangenheit wird im Lichte der Gegenwart gesehen, was nebenbei erlaubt, auf abstrakte Weise sowohl die Wissenschaft zu kritisieren (indem man sie für die ganze Wirklichkeit verantwortlich macht) als auch die Kämpfe und die Revolutionen (unverantwortliche Verirrungen der Menschen, die allmächtig sein wollten). Gescheitert in der Erwartung des guten Lebens, eingeholt von der Zeit und den Folgen ihrer Handlungen bliebe den Menschen nur die Rettung des Hausrats, indem sie das Überleben organisieren. Erhaltung der Welt und Erhaltung von sich selbst (und damit der anderen) werden aktive Prinzipien, die dazu führen, die Homogenität der Individuen zu verstärken, ihre Freiheit im Namen der Angst immer mehr zu planen und zu reglementieren: Angst vor Katastrophen und, allgemeiner, Angst vor dem Tod. Aus dieser Angst kann nichts anderes resultieren als Kontrolle und eine Verantwortung für die Auswirkungen, die nichts mehr in Frage stellt. Ein erneutes In-Frage-Stellen ist jedoch notwendig, will man nicht der Illusion einer unendlichen Reproduktion erliegen (deren Realisierung Jean Baudrillard in der Entwicklung einer Industrie zur Beseitigung von Umweltverschmutzung sah). Gerade dies wollen einige Strömungen, die im Gefolge von Murray Bookchin versuchen, Ökologie, Freiheit und Anarchismus zu verknüpfen.

6. Das System kapitalistischer Reproduktion ist ein System, das grundlegend unmoralisch erscheint, während es amoralisch ist.

Die Wirklichkeit des kapitalistischen Reproduktionssystems ist zynisch, wie schon beim Primat der Finanzpolitik in den ökonomischen Entscheidungen zu sehen war. Es gibt heute jedoch keine andere Wirklichkeit der kapitalistischen Ökonomie als die monetäre, wie es das Ausmaß der Kredite in der zirkulierenden monetären Masse sowie das Ansteigen der Kapitaltransaktionen im Verhältnis zu den Transaktionen von Waren zeigen (etwa vierzig Mal so viel), ohne von den Hunderttausenden zu reden, die auf dem Finanzsektor arbeiten. Die Macht dieses Systems ist treuhänderisch im wahrsten Sinne des Wortes, das heißt, sie beruht auf Vertrauen, wie die Schwankungen des Dollars und die amerikanische Verschuldung, aber auch die „Skandale" zeigen: Maxwell und die Pensionsfonds, Tapie und die Banken, die Bank Crédit Lyonnais und ihre Abenteuer sind ebenso Produkte dieses Systems wie die „junk-bonds" („faule" Obligationen) der New Yorker yuppies. Wenn die Akkumulation in die Zirkulation übergeht (vgl. die Bedeutung der Deregulierungen, der GATT-Abkommen, aber auch des Schengener Abkommens), triumphiert die Währung, denn ihrer Natur nach ist sie nicht zum Erwerb gedacht, sondern zirkulatorisch.15

Selbst wenn die Produktion weiterhin die Konsumtion lenkt, werden die Preise eher auf dem Markt festgesetzt. Allerdings nicht im Sinne der klassischen Begrifflichkeit des Wertgesetzes, das heißt als Kreisen um den natürlichen Preis (i.e. Produktionskosten) in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage, sondern auf der Grundlage eines Kräfteverhältnisses zwischen Produzent und Verkäufer sowie zwischen Verkäufer und Käufer (vgl. den beispielhaften Konflikt zwischen B.S.N., dem französischen agro-industriellen trust und den Supermärkten). Der Preis hängt somit immer weniger von der im Produkt vergegenständlichten Arbeit ab - ihr Anteil geht zurück -, selbst wenn die Unternehmen die Kosten der Arbeit zu minimieren suchen, da dies die einfachste Methode im Rahmen der gegenwärtigen Kräfteverhältnisse ist (einfacher als die Werbungskosten zu senken!).

Die schon seit einem Dutzend Jahren wieder aufkommende und sich verstärkende Polemik um den Gegensatz zwischen der „realen Ökonomie" (ein journalistischer und politischer Begriff), die die Aktivitäten zur Produktion des „wahren Reichtums", und dem aufgeblähten Finanzsektor, der die Aktivitäten von Zirkulation und Distribution verschleiern würde, trägt dieser Entwicklung nicht Rechnung, denn sie versteht sie nicht, aus gleichermaßen ideologischen wie moralischen Gründen.16

Man kann dies als die letzte Schlacht im Namen der Ideologie der wertschöpfenden Arbeit und der Produzenten-Moral verstehen. Sie geht sowohl von den Sozialisten aus, deren Unglück es ist, die Unternehmen in einer Epoche legitimieren zu wollen, in der ihre Legitimität noch geringer ist als zuvor, da sie ihre Sozialisationsrolle nicht mehr spielen (vgl. Mitterrands Polemik während des letzten Börsenkrachs gegen die bösen profitraffenden Kapitalisten im Gegensatz zu den guten industriellen Unternehmern), als auch von den Resten der westlichen kommunistischen Parteien, aber auch von verschiedenen Strömungen der extremen Rechten oder der neuen Rechten. Aber diese Ideologie und diese Moral werden nicht mehr von der Arbeiterklasse getragen, und somit verfällt das (durchaus begrenzte) kritische Potential, das sie enthalten konnten, in einen ohnmächtigen Populismus des Ressentiments.

Da alle Individuen das System mehr oder weniger reproduzieren - bis auf die Ausgegrenzten -, ist es nicht überraschend, daß die Enthüllungen von Skandalen und Affären nicht die erwarteten Wirkungen zeitigen. Am Ausgang wäscht das System nicht weißer: Mani Pulite bringt Berlusconi hervor, und in Frankreich bedarf es medialer und justizieller Verbissenheit, um die Popularität von Tapie zu zerstören. Die Leute kritisieren nur die perversen Auswirkungen - das kontaminierte Blut oder den Konsumenten, der in einen Arbeitslosen verwandelt wird -, und ansonsten ducken sie sich.

Da das System amoralisch ist, ist es ein Irrtum, sich auf der Basis einer moralischen oder gar einer metaphysischen Kritik des Sinns oder der Werte zu engagieren. Das hieße, die Probleme und die Möglichkeiten von Kämpfen zu verkennen. Die Schwierigkeit besteht darin, die Objektivität des Systems (es gibt zum Beispiel nicht eine reale Ökonomie und eine andere irreale oder künstliche, weil die eine uns als das schlimmste erscheint oder weil sie uns stört) und die notwendige Subjektivität in Rechnung zu stellen, was zu einer praktischen Kritik führen kann, die eine andere Entwicklung vorwegnimmt. Die utopische Projektion ist wichtiger als die Schaffung von Bewußtsein, denn dieses ist vorhanden. Die marxistische Perspektive, derzufolge als Voraussetzung für den Umsturz Bewußtsein geschaffen werden muß, gilt nicht mehr. Bewußtsein hat sich im Kontext der Vorstöße und Rückschläge der Geschichte der Klassenkämpfe entwickelt; wenn man heute alles neu und von vorne beginnen müßte, wenn es wirklich kein objektives Gedächtnis gäbe, wäre dies zum Verzweifeln. Nein, es gibt wohl Bewußtsein (was nicht heißen soll, daß alles transparent ist), aber Realitätsprinzip und Zynismus betäuben die Proteste.17 Es geht also nicht darum, Bewußtsein zu schaffen, sondern darum, Aktionsfelder zu finden und eine Interventionsmacht zu schaffen, die eine politische Praxis sein sollte, ohne von dem politischen Feld einverleibt zu werden, wie es beispielsweise der ökologischen Bewegung schließlich wiederfahren ist.

7. Die Prekarität, die sich generalisiert, verstärkt die Vorherrschaft der Reproduktion

Die gegenwärtigen Versuche zur Übernahme der „Armen" (RMI zum Beispiel; Revenu Minimum d'Insertion, Mindesteinkommen zur Eingliederung, entspricht der Sozialhilfe in Deutschland) sind identisch mit denen, die Karl Polanyi beschrieben hat. Das von ihm beschriebene „System von Speenhamland" favorisierte den öffentlichen Unterhalt des Armen zu Lasten des Arbeitslosen, der nicht abgesichert werden sollte, um Druck auf die Löhne auszuüben. Als die Löhne sanken, hatte niemand mehr Interesse, Arbeit zu suchen, und die Arbeitslosen schlossen sich der Masse der Bedürftigen an, die Beihilfen kassierten. Ein Gesetz von 1834 setzte dem System ein Ende; der industrielle Kapitalismus konnte sich entwickeln, indem die Arbeitskraft zum Äquivalent einer Ware auf einem neuen Markt wurde: dem Arbeitsmarkt.18

Was aber erleben wir heute? In Frankreich werden die Leistungen für Arbeitslosigkeit mehr und mehr eingeschränkt, sowohl was die Anzahl der Begünstigten betrifft als auch auf der Ebene des Gesamtaufkommens und in Bezug auf die Abnahme der Unter-stützungsleistungen. Man führt sogar den Begriff „chômeurs en fin de droits" (Arbeits-lose, deren degressive Unterstützung ausgelaufen ist) ein! Und was gibt es diesseits der Rechte in einem Rechtsstaat? Fürsorge offensichtlich! Das auf den Stand unprodukti-ven Abfalls reduzierte Individuum wird von den „Sozialarbeitern" übernommen wer-den müssen. „Die zukünftige Beschäftigung wird den Tod bearbeiten", heißt es bei Jacques Broda.19 Vor diesem Hintergrund wurde das RMI eingeführt. Er sollte nur für eine begrenzte Anzahl von Beihilfebeziehern gelten, es werden aber immer mehr (über eine Million Personen), obwohl die Leistungsvoraussetzungen (Eingliederung) ver-schwinden. Die Übergangsmöglichkeiten zwischen Ausgrenzung und Arbeit funktio-nieren im umgekehrten Sinn (von der Arbeit zur Arbeitslosigkeit, dann zur Inaktivität). Wenn das System noch nicht implodiert, dann deshalb, weil man umsichtigerweise die unter 25jährigen von den möglichen Beihilfen ausgeschlossen hat. RMI-Empfänger zu sein wird zu einem Status, was bei Arbeitslosigkeit nicht der Fall ist (man kann sich grundsätzlich nicht darin einrichten). Tatsächlich zielt die herrschende Analyse auf die Aufrechterhaltung der Herrschaft der großen Unternehmen, die, sind sie erst einmal restrukturiert, über weniger festangestellte Lohnabhängige und mehr Prekäre verfügen, die um sie herumkreisen. Man muß einfach eine „soziale" Lösung für die endgültig Ausgegrenzten finden.

Diese Sichtweise beruht auf der Dichotomie zwischen dem Ökonomischen und dem Gesellschaftlichen, die selbst die Konsequenz des im Kapitalismus traditionellen Vorrangs ist, der der Produktion über die Reproduktion eingeräumt wird. Aber dieser Vorrang ist heute eher ideologisch (die berühmte puritanische Arbeitsmoral) als real. Schon im Fordismus der vergangenen „glorreichen dreißig Jahre" war das Einkommen weitgehend von der konkreten Arbeit abgekoppelt und wurde mehr und mehr gesellschaftlich. Selbst wenn die Angst vor der Arbeitslosigkeit unter den „garantierten" Arbeitern dem Slogan „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" wieder Leben einzuhauchen scheint, steht doch die Vergesellschaftung der Einkommen als allgemeine Reproduktionsweise auf der Tagesordnung. Wenn es einen Bruch mit der fordistischen Wachstumsperiode gibt, so nicht so sehr auf der Ebene des Verhältnisses zwischen Arbeit und Einkommen als hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Arbeit und Kapital. Die neue gesellschaftliche Produktivität ist vor allem die Sache der maschinellen Einrichtungen, die durch den „general intellect" produziert werden; der Tod ergreift das Lebendige und reduziert die Bedeutung der lebendigen Arbeit.

Die Liberalen haben, sich dessen bewußt, als erste die Idee eines garantierten Einkom-mens (Milton Friedman höchstpersönlich) vorgeschlagen, und paradoxerweise suchen sie es durch den Staat durchzusetzen. Jedenfalls schlägt eine Maßnahme wie das RMI eine zweideutige Bresche in die Ideologie der Arbeit, wie es die gegenwärtigen Pole-miken rund um einklagbare Gegenleistungen der Bezieher zeigen.20

Die reformistischen Projekte einer allgemeinen Beihilfe oder eines Bürgereinkom-mens (André Gorz, MAUSS,21 Club Fourier) heben den Widerspruch nicht auf, der da-rin liegt, die Arbeitslosen absichern zu wollen, während man die Arbeit unverändert läßt. Um die Frage zu vermeiden, warum man arbeiten soll, wenn man mit einem Ein-kommen abgesichert ist, sind sie gezwungen, sich komplexe Systeme zusätzlicher Ver-gütungen auszudenken, die auf die Realität einer Gesellschaft unterschiedlicher Zeit-rhythmen verweisen.

8. Das staatliche Reproduktionssystem

Um seine Funktion als Repräsentant des Allgemeininteresses in der kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehung zu erfüllen, muß der moderne Staat aus seiner relativen Autonomie Nutzen ziehen. In der traditionellen Klassenanalyse erlaubt ihm diese relative Autonomie, ein Gleichgewicht der Kompromisse zu realisieren: der Staat als Ver-mittlung der Vermittlungen (Klassen, Gewerkschaften, etc.) oder als Super-Vermitt-lung (illusorische Gemeinschaft) zwischen der Gesellschaft und den Individuen.

Seit den siebziger Jahren aber verliert der Staat seine Autonomie, indem er das zentrale Element der Gesamtreproduktion dieses Systems wird, während der Wert autonom wird (Wert ohne Arbeit) und das Kapital seine erste Zweckbestimmung, die Akkumulation, aus den Augen verliert (Ausweitung der fiktiven und spekulativen Formen des Kapitals). Die Funktion des Staates kann somit nicht mehr darin bestehen, Interessen antagonistischer Klassen zu versöhnen (demokratischer Staat in seiner ersten Form, der liberalen), und auch nicht darin, ein adäquates Verhältnis zwischen den zwei großen Klassen herzustellen (demokratischer Staat in seiner zweiten Form: Wohlfahrtsstaat). Mit dem Ende der Klassen als antagonistische Subjekte muß er nicht mehr Kräfte oder gar ein Schiedsgericht der Kräfte repräsentieren. Er muß nicht einmal mehr das Allgemeininteresse repräsentieren,22 weil er es direkt verkörpert.23 Am 25. Mai 1995 äußer-ten sich 88 Prozent der Franzosen positiv gegenüber Autobahnen. Daß diese Umfrage existieren kann, zeigt, unabhängig von den Resultaten, wie man jede Befragung über die Ziele der Produktion liquidiert, und das verweist unter anderem darauf, wie sich der Staat der Reproduktion ankündigt. Mehr noch als ein Rechtsstaat ist dies ein Staat der unverrückbaren Fakten.

Künftig verfestigt sich der Staat als Verkörperung einer neuen objektiven Ordnung, an-gepaßt an die unantastbaren Gesetze der Ökonomie und getrieben von einem technologischen Entwicklungsprozeß, der als unausweichlich präsentiert wird. Als solcher kann er nicht mehr als Staats-Subjekt betrachtet werden wie der klassische Nationalstaat „à la francaise", der aus der Revolution hervorgegangen ist. Er produziert keine Projekte mehr (es gibt weder Ziel noch Sinn, es gibt nur Probleme) und auch keine Moral (wie es keinen politischen Verstand mehr gibt, sorgen doch die Politiker für „Affären", ohne daß dies bedeutet, daß sie „verdorbener" als früher seien). Auf einen Wohlfahrtsstaat, der Wachstum und Wohlstand sichern mußte, folgt ein Staat, dessen Rolle es ist, den Mangel auf nationaler Ebene (z.B. Preisgabe großer Flächen für die Industrie) zu verwalten - für den größten Profit der Gesamtreproduktion auf Welt-ebene. In dieser Logik sind die Gesetze des Marktes die konkrete, durch die „Not" angenommene Form. Sie setzen die Konkurrenz unter den Staaten durch und in letzter Instanz das Ende ihrer nationalen Unabhängigkeit.

In dieser Bewegung könnte man, auf innerstaatlicher Ebene, nichts anderes als ein totalitäres Abdriften des Staates sehen. Dies wäre, glaube ich, ein Irrtum, denn die Individuen erkennen sich zum Teil in seinen Handlungen wieder. Sie akzeptieren wohl die Idee von sozialer Sicherheit und werfen ihm vor, nicht genug gegen „die Unsicherheit" zu tun. Mit der Aufhebung der alten Vermittlungen (Familien, Stadtteile, Klassen) ist der Staat der Hauptagent der Vereinigung der demokratischen Individuen geworden. Daher existiert eine starke Nachfrage nach ihm; er hat sogar einen neuen „contrat so-cial" installiert, verschieden von dem von Hobbes beschriebenen. Es vollzieht sich eine Art Austausch von Dienstleistungen: Die Individuen fordern die Erhaltung oder Aus-dehnung von Forderungen und Rechten gegen ihre Akzeptanz eines „Notstandsstaa-tes". Im Gegensatz zu den Freiheitsrechten, die die Autonomie der „Zivilgesellschaft" und somit die Legitimität des demokratischen Staates begründeten, fundieren die so-zialen Rechte einen totalen Staat - nicht einen totalitären Staat im eigentlichen Sinne - mit einer maximalen Ausdehnung seiner Vorrechte, auch in den Bereichen, die vom Privaten oder vom „Gesellschaftlichen" abzuhängen schienen.24 Der totale Staat eignet sich die Gesellschaft selbst an, aber zum Preis einer Auflösung des Politischen im Ge-sellschaftlichen. Jedes Problem wird ein gesellschaftliches Problem, das gesellschaft-liche Maßnahmen nach sich zieht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das republikanische politische Prinzip des Laizismus tritt hinter das „Problem" der Integration über den Umweg der Diskussion der Frage des islamischen Schleiers zurück.25

Es ist besonders symptomatisch, aber widersprüchlich, daß die gegenwärtige Krise des Wohlfahrtsstaates von einem Wiederaufleben des Themas „Zivilgesellschaft" begleitet wird, wie es auch manchmal der Staat ist, der versucht, sie wieder zu erschaffen, sie wiederzubeleben, während er sie zugleich als totaler Staat absorbiert hat. Es kann somit keine unterschiedene Zivilgesellschaft existieren, und das ganze System beruht auf einer besonderen Konstruktion der Macht aus Kodierung und Kontrolle: Normalisierung, direkte und indirekte Beanspruchung, Zwang.

Im Staat verwirklicht sich also die globale Reproduktion. Man hat ein schönes Beispiel für diesen reproduzierenden Aspekt in dem Übergewicht, den er der räumlichen Dimension der Herrschaft im Verhältnis zur historischen Dimension verschafft, die der klassischen kapitalistischen Produktionsweise eigen war. Kommunikation-Information-Netz, all das zirkuliert in einem Raum, der vom Staat konstruiert und abgegrenzt wird (Sendefrequenzen, Programmierung und Zirkulation der Information, Kommunikationswege). Diese Räumlichkeit der staatlichen Reproduktionsweise drückt sich auch, wie bereits erwähnt, in der Integration der ökologischen Bewegungen im Innern eines Staatsökologismus aus. Während diese reproduktive Rolle zunächst zu internem und nationalem Gebrauch bestimmt war, ist sie heute jedoch zum großen Teil den externen Anforderungen unterworfen, die die Reproduktion eines globalisierten (keines-wegs vereinheitlichten) Systems kommandieren. Dies produziert Dysfunktionalitäten, und wichtige Personengruppen werden nur noch sehr partiell reproduziert. Während er auf Lösungen wartet, versucht der abstrakte und entkörperte Staat, eine neue Quelle ideologischer Legitimation in seiner Gestalt als Rechtsstaat zu finden (Menschen-rechte, aber auch Recht auf Arbeit und umfassende Tätigkeit).

9. Die Marktökonomie als Ideologie des Reproduktionssystems oder der Rekurs auf die Magie

Die Idee des Marktes als zweiter Natur ist rein ideologisch, denn:

a) Im Gegensatz zu dem, was die klassischen Ökonomen dachten, die den symbolischen Tausch verkannten, existierte der Tausch vor dem Markt.

b) Die Weiterentwicklung des Tausches ist nicht die Marktökonomie, wie es die Existenz der Handelsvölker im Herzen einer verwalteten Ökonomie (Antike, Mittelalter) zeigt, dann die Existenz von Händlern, die sich dem „Spiel des Tausches" (Fer-nand Braudel) hingaben, ohne zu versuchen, ein Klassenprojekt zu entwickeln und ohne die Macht zu suchen (16. und 17. Jahrhundert).

c) Historisch ist es der Staat, der die Marktökonomie schafft und die „Herauslösung" (an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert) des Ökonomischen aus der gesell-schaftlichen Ordnung sichert, sein Autonom-Werden als herrschende Sphäre.

d) Der schützende Staat, das Individuum und der Markt entwickeln sich zusammen.

Die Marktökonomie ist die Ideologie eines Kapitalismus, der verschämt geworden ist, der

- den Begriff Profit hinter Ausdrücken wie „cash flow" und „konsolidierter Gewinn" verschwinden läßt,

- die gesellschaftlichen Verhältnisse verschwinden läßt, indem er den Markt als Ort sozialer Bindungen präsentiert,

- den Wert hinter der Theorie der Bedürfnisse verschwinden läßt,

- sich als eine Selbstkritik der kapitalistischen Produktionsweise präsentiert, die ebensogut die amerikanischen „Libertären" wie die europäischen Ultra-Liberalen befriedigen kann.

Die Marktökonomie ist kein System und auch keine Produktionsweise, sondern eine Technik, die das, was getrennt gewesen war und was sie als privat betrachtet, gesellschaftlich und also gültig macht. Vor allem gilt dies im übrigen für die leistungsschwächsten Unternehmen und Individuen, die sich davon fortschreitend, sogar brutal ausgeschlossen sehen. Aber für die anderen (große Firmen, Staaten) werden die Entscheidungen außerhalb des Marktes getroffen, und sie sind es übrigens, die deren Re-geln festsetzen.

Die scheinbare Herrschaft des Marktes ist ein Anzeichen der Krise der kapitalistischen Produktionsweise. Wenn alles gesellschaftlich notwendige Arbeit für das Kapital wird, ohne daß dies zwangsläufig Mehrwert (einen gesellschaftlichen Reichtum) produziert, dann können „Nützlichkeit" und „Produktivität" nur noch nach ihrer Konfrontation auf dem Markt ermessen werden. Die Verwandlung nicht entlohnter Aktivitäten, die in einer Sphäre außerhalb des Marktes ausgeübt werden, in Lohnarbeiten, die sich auf dem Markt austauschen (Nachbarschaftsarbeit, Umwandlung von Solidarität und sozialer Animation in Waren), ist ein Zeichen für die Ausweitung der Lohnarbeit als Herr-schaftssystem in der Epoche ihrer Krise als Produktionsbeziehung: Man muß jede und jeden darin einschließen, um die Krise der menschlichen Aktivität in ihrer Form als Arbeit richtig zu maskieren.

Hier gibt es reichlich Material für Überlegungen hinsichtlich dessen, was die Definition des gegenwärtigen Herrschaftssystems betrifft, aber auch, was den Sinn betrifft, den man eventuellen praktischen Kämpfen zu geben hat. Muß man sich beispielsweise an Kämpfen beteiligen, deren primäre Konsequenzen nur zu einer Verstärkung der Lohnarbeit oder des Staatsapparates führen? Wenn man nicht versteht, daß Markt und Staat zwei Momente der Gesamtreproduktion sind, läuft man Gefahr, sich auf eine Verteidigung des Systems kapitalistischer Reproduktion „von links" zurückzuziehen. Aber vor allem den Staat anzugreifen, heißt das heute, sich am Unmittelbarkeitsfetisch des Marktes zu beteiligen, oder ist es schließlich die bessere Art, die Frage der Politik zu stellen?

10. Einige Aporien zum Begriff der Reproduktion

1. Wie soll man über ein Reproduktionssystem in Einklang kommen, das zur Voraussicht, zur Kontrolle und zu einer Praxis führt, die oft einer Flucht nach vorn gleicht?

2. Wie kann die Reproduktion ein Projekt sein? Einzig ein Subjekt kann sich ein solches Ziel setzen. Man muß somit präzisieren, daß das, was reproduziert wird, ein Verhältnis von Herrschaft und von Entfremdung der menschlichen Fähigkeiten ist. Man kann auch sagen, daß es keine Reproduktion eines Systems ohne eine Produktion gesellschaftlicher Verhältnisse gibt (kein rein repetitiver Prozeß).

3. Es existiert nicht einfach eine Verschleierung und Verhüllung der ausbeutenden Produktion durch die egalitäre Zirkulation der Waren oder des Despotismus der Fabrik durch die Republik des Marktes. Verschleierung und Verhüllung wenden sich noch an eine Sichtweise in der Terminologie der Ideologie und der Mystifikation. Bliebe man dabei stehen, brächte uns das nicht weiter als das, was John Kenneth Galbraith vor dreißig Jahren in seiner Kritik des Begriffs Konsumgesellschaft sagte (Theorie der umgekehrten Reihenfolge, derzufolge die Produktion der großen Un-ternehmen die Nachfrage bestimmt).

4. In „Wert ohne Arbeit" habe ich, mit Anklängen an John Kenneth Galbraith, eine Analyse zur Fähigkeit der großen Unternehmen entwickelt, die Gesetze des Marktes zu begrenzen oder zu umgehen.26 Man müßte dies dahingehend präzisieren, daß auch eine Art Revanche der Aktionäre, die von den Aufsichtsratvorsitzenden ab-rücken und eine unmittelbare Rentabilität der Handlungen fordern, die Analyse auf der Basis des Begriffs Reproduktion keineswegs für ungültig erklärt. Denn dies macht das Auftauchen erneuerter Fähigkeiten von Unternehmern, was nach Joseph A. Schumpeter den Geist des Kapitalismus definiert, noch unmöglicher.

5. Die kapitalistische Produktionsweise beruhte auf Dynamik, somit auf der Akzeptanz von Konflikten, wobei gesellschaftliche Konflikte als Motor ihrer Entwicklung fungierten. Das ist im kapitalistischen Reproduktionssystem nicht mehr der Fall, in dem die Suche nach dem Konsens an die Stelle der Politik tritt. Aber parallel dazu wird die Entfesselung des „general intellect" und der materiellen Kräfte nur partiell durch Stabilitätsfaktoren kompensiert. Die Angst vor einer unbekannten Bedrohung (Giftgas in der U-Bahn von Tokio, Attentate rechtsextremer Milizen in den USA) und die soziale Unsicherheit werden nur für bedauerliche Umstände gehalten, die kein wirkliches Infragestellen des Systems nach sich ziehen.

6. Die Tendenz, den Konsum zu privilegieren, beinhaltet konstante Zerstörung und Vergeudung. Ein immer größerer Teil der Aktivität besteht folglich darin, einfach zu ersetzen, was einer reinen Reproduktion gleichkommt. Zur gleichen Zeit versucht das System, sich zu schützen: Die Idee einer Kontrolle des Wachstums erfordert, gerade den Konsum zu kontrollieren. Auch wenn diese Tendenzen beide von der Re-produktion abhängen, sind sie nicht weniger widersprüchlich!

7. Die triumphale Rückkehr der neo-klassischen politischen Ökonomie in ihrer ultra-liberalen Form ist nicht nur ihrer Übereinstimmung mit der individualistischen Ideo-logie und mit der „Konsumgesellschaft" geschuldet. Sie ist auch der Krise der Arbeit geschuldet. Auf ihre Weise, oft hedonistisch und libertär („libertarienne"), verkündet diese Strömung das Ende der Zentralität der Arbeit. Wenn man ihr nur eine Produzenten-Moral oder, schlimmer noch, einen simplen Moralismus entge-gensetzt, ist eine Niederlage von vorneherein besiegelt. Dieser Ultra-Liberalismus repräsentiert die Ideologie der Flucht nach vorn; er bildet sich auf Zynismus und Non-Konformismus etwas ein. Er ist somit nicht mit einer anderen Rückkehr zu verwechseln, die mit allen Mitteln betrieben wird, jener der Integrismen und der konservativen Moralismen.

8. Es ist nicht möglich, die Theorie des Wertes zu kritisieren, ohne zugleich auch die Theorie der Bedürfnisse und die „Konsumgesellschaft", die mit ihr verknüpft ist, zu kritisieren, da sie ja schließlich versucht hat, die Marxsche Prophezeiung „Jedem nach seinen Bedürfnissen" zu verwirklichen. Die Konsumgesellschaft verläßt sich auf die Passivität und die Abhängigkeit von der Produktion, obwohl es nötig ist zu wissen, welche Aktivität man entwickeln will, um auf eine bestimmte Art, und vor allem anders, zu leben. Es steht nicht zur Debatte, die Existenz der Bedürfnisse und somit die menschliche Beziehung zur Natur zu leugnen, aber man muß zwischen Bedürfnissen und einer Theorie potentiell unbegrenzter menschlicher Bedürfnisse zu unterscheiden wissen, der wahren Kriegsmaschine des Reproduktionssystems.

9. Wir erleben einen Niedergang der Lohnarbeit (die Prozentzahl der Lohnabhängigen hat Ende der achtziger Jahre einen Gipfel erreicht und beginnt in den westlichen Ländern wieder zu sinken) als System zur Regulation des Tausches auf dem Arbeitsmarkt, während sich das Lohnmodell mit Beihilfen wie dem RMI noch ausdehnt.27 Viele Schmeichler des Systems freuen sich über die erneute Ausbreitung nicht-entlohnter Arbeit oder neuer, halb-unabhängiger Formen von Arbeit. Man kann diese Freude auch darauf zurückführen, daß es in diesen Fällen keine Arbeitsverträge gibt.28 In den Ländern der Peripherie geht es nicht mehr einfach darum, eine Analyse nach Dritt-Welt-Art in der Terminologie dualer Ökonomie durchzu-führen, sondern darum, zu erkennen, daß sich diese Zweiteilung auf weltweiter Stu-fenleiter durch die Koexistenz ungleicher Sektoren realisiert und daß eine Stabili-sierung auf dieser Grundlage stattfindet. Wenn die kapitalistische Produktionsweise sich durch die fortschreitende Zerstörung der alten Formen entwickelt hat, so ruft das gegenwärtige System, ebenso, wie es ihn aussaugt, diesen absoluten Wert (Marx) hervor, jedoch um alle Arten gesellschaftlicher Beziehungen aufzusaugen, die fähig sind, Macht, Herrschaft und Stabilität zu begründen oder zu reproduzieren. So können die Lohnarbeiter der Großunternehmen der Heimarbeit und der mafiösen Organisation sehr nahe sein.

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Anmerkungen

1 - Die Gesellschaften mit „asiatischer Produktionsweise" (Karl Marx) oder die „hydraulischen Gesellschaften" (Karl August Wittfogel) hatten wohl eine Kenntnis der Ökonomie, und die gigantischen Arbeiten, die von diesen Staaten in Angriff genommen wurden (das alte China, das Ägypten der Pharaonen), zeigen dies gut; dies war keine Produktion zum Zwecke des Wachstums, sondern zum Zwecke einer simple Reproduktion der Macht. Im übrigen nahmen die symbolische Produktion und die Luxusproduktion dort einen großen Platz ein. Man kann sogar sagen, daß die „herrschende Klasse" der ökonomischen Entwicklung feindlich gegenüberstand, wenn sie die Destrukturierung der dortigen Ordnung beinhaltete, wie es in China der hundertjährige Kampf der Mandarine gegen die Erweiterung des privaten Austauschs und gegen die Entwicklung einer sozialen Schicht unabhängiger Händler zeigt.

2 - Vgl. Jacques Wajnsztejn, Wert ohne Arbeit, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit 14/1996, S. 311-337.

3 - Vgl. Paul Fabra, L'Anticapitalisme: essai de réhabilitation de l'économie politique, Paris 1978.

4 - Was gegenwärtig in den neuen industrialisierten Ländern Asiens und sogar Osteuropas geschieht, schreibt sich global in das Phänomen der Gesamtreproduktion der Weltordnung ein und scheint (trotz gewisser Rekord-Wachstumsraten) kein Beispiel für die Ausweitung der kapitalistischen Produktionsweise durch die Peripherie zu sein, da diese Entwicklung keine Autonomie in Bezug auf die Gesamtbewegung hat. Die Tatsache, daß die herrschenden industrialisierten Länder in diesem Kontext qualifizierte Arbeitskräfte und nur wenig lebendige Arbeit im Verhältnis zu dem vor Ort getätigten Investitionsaufkommen einsetzen, weist im übrigen in diese Richtung. Darüber hinaus geht die Beschäftigtenzahl in den fortgeschrittensten neuen industrialisierten Ländern wie in Südkorea schon wieder zurück, indem die Aktivitäten, die den Tätigkeiten in den herrschenden Länder komplementär und untergeordnet sind, aufgegeben werden zugunsten konkurrierender Aktivitäten und einer Teilnahme am weltweiten großen Spiel des Nullsummentauschs.

5 - „Bullionismus" (vom englischen bullion: Barren) bezeichnete die Tendenz der iberischen Länder (16. bis 17. Jahrhundert), eher das aus den Kolonien gezogene Gold anzuhäufen als Kapital zu akkumulieren und sich der Industrie zu öffnen, wie es Colbert predigte. Man geht heute ein wenig auf die merkantilistischen Theorien vor Smith zurück. Die Ideologie des „Gewinners" und der Wettbewerbsfähigkeit durch die Preise geht im strengen Sinne nicht auf das ricardianische Modell des Nutzenausgleichs zurück, das ein Spiel des Tauschs mit positiver Summe voraussetzt. In der kapitalistischen Reproduktionsweise tendieren die Spiele des Tauschs gegen eine Nullsumme: Der Krieg um die Wettbewerbsfähigkeit führt zum Phänomen kommunizierender Röhren. Das GATT unter US-Dominanz wie auch die aggressive Politik Clintons gegenüber den Europäern und den Japanern markiert diese Rückkehr zum Staatsmerkantilismus.

6 - Vgl. Michel Wieviorka/Sylvaine Trinh, Le Modèle EDF: essai de sociologie des organisations, Paris 1989.

7 - Vgl. René Thom, Paraboles et catastrophes: entretiens sur les mathématiques, la science et la philosophie, Paris 1989.

8 - Das soll nicht heißen, daß man sich nicht an einigen dieser Bewegungen gegen schädliche Auswirkungen beteiligen soll, jedoch ohne Illusionen über die Tragweite der fraglichen Aktion.

9 - Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt am Main 1978. Der Fordismus und der Wohlfahrtsstaat hatten eine demokratische „Antwort" auf die „Herauslösung" in der Epoche des „wilden" Kapitalismus vorgeschlagen; die faschistischen und nazistischen Korporatismen hatten den autoritären und brutalen Weg der Rekonstitution der organischen Gesellschaften gewählt.

10 - Vgl. Serge Latouche, La Planète des naufragés: essai sur l'après-développement, Paris 1991.

11 - S. als Beispiel den von Ricardo d'Este thematisierten Übergang vom Fiat Uno zum Fiat Punto: Ricardo d'Este, Quelque chose. Quelques thèses sur la société néomoderne, in: Temps critiques 8/1994, S. 24-32.

12 - Es ist kein Zufall, wenn einige dieser Sektoren an der Spitze der sozialen Kämpfe der letzten zehn Jahre standen (Krankenhäuser, Transport, Schulen). Siehe zu dieser Frage auch die Beiträge in Heft 4/1991 der „Temps Critiques". Dieses Bewußtsein nimmt oft die Minimalform der Verteidigung des öffentlichen Dienstes an, mit all den Zweideutigkeiten, die ihm dabei zukommen (vgl. „Le sens du tous ensemble. Le mouvement de l'automne 95", Beilage vom Januar 1996 zu „Temps critiques" 8/1996 - eine revidierte und korrigierte Fassung ist abgedruckt in „Temps critiques" 9/1996, S. 97-110 - und das Flugblatt „Avis au public").

13 - Vgl. Ricardo d'Este, Quelque chose, a.a.O.

14 - Die kommunistische oder revolutionäre Theorie ist von dieser Ideologie des Schutzes nicht frei geblieben, und Autoren wie Amadeo Bordiga (ehemaliger Führer des PCI, dann der italienischen Linken) oder die Zeitschrift „Invariance" haben die Idee befördert, daß der letztlich fundamentalste Widerspruch der zwischen der Entwicklung der menschlichen Gattung (unter den Bedingungen des Kapitalismus) und der Bewahrung der „Erdoberfläche" sei. In dieser Optik zielte der Bezug auf die menschliche Gemeinschaft nicht auf eine andere Beziehung zwischen den Individuen und allgemeiner auf eine andere Beziehung zur Welt, sondern eher auf die Rückkehr zu etwas Verlorenem, auf das Ende der geschichtlichen Irrfahrt und die wiedergefundene Gattung.

15 - Man muß Währung, Geld und Kapital unterscheiden. Die Währung ist keine Ware (selbst wenn sie deren Form annehmen kann, Gold zum Beispiel); sie fließt oder ist Ausdruck eines Preises. Das Geld ist die Währung, die für sich selbst gewünscht wird (gehortet). Das Kapital ist das investierte Geld. Diese Unterscheidungen sind wichtig, denn heute ist die Währung im Überfluß vorhanden - in der Form des Kredits -, während das Geld es schon weit weniger und die Bildung neuen Kapitals eher selten ist. Damit die Geldmasse wächst, sind alle Mittel gut, einschließlich der riskantesten in unvorhersehbaren Bewegungen („junk bonds", „Derivate-Märkte", die Situationen herstellen, in denen die Banken nicht einmal mehr die Höhe ihres Engagements kennen und noch weniger die wirklichen Risiken - vgl. den Skandal der Barings Bank 1995). Diese Geldmasse ist nicht in erster Linie dazu bestimmt, produktiv investiert zu werden oder Kapital zu akkumulieren, selbst wenn man ihr auf vermittelte Weise den Namen „flottierendes Kapital" anhängt. Unter diesen drei Größen fixieren die tatsächlichen Zinsraten und die erreichte Profitrate die Positionen und Schwankungen. Was den Buchungsbegriff „hinzugefügter Wert" betrifft, so markiert er die Verwechslung von Wert und Reichtum. Ein Beispiel dafür ist, wenn die Unternehmen akzeptieren, ihre Kosten zu erhöhen, um ihre Preise erhöhen zu können - es ist dies eine Verwechslung von Preissteigerung und Steigerung des Reichtums.

16 - Dieses Unverständnis ist in Ländern wie Frankreich, Italien oder sogar Deutschland stärker ausgeprägt als in den angelsächsischen Ländern, die enger mit dem verbunden sind, was Max Weber „die protestantische Ethik des Kapitalismus" genannt hat. Die Frage des Darlehens, des Geldes, das ganz alleine Reichtum schafft - die „Geldwirtschaft" von Aristoteles -, ist eher moralisch als pragmatisch beurteilt worden. So fand man in der sozialistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Anarchisten (Proudhon zum Beispiel) eine moralische Denunziation des Geldes, der Finanz, der Händler und der Juden! Jedenfalls kann als Entschuldigung dieser Epoche gelten, daß dieser Sektor im Verhältnis zu den gigantischen Veränderungen, die in der industriellen Revolution stattfanden, peripher und parasitär zu sein schien. Das ist heute nicht mehr der Fall, wo die Arbeit peripher wird und das pauschale Einkommen der Leute immer weniger mit ihr verknüpft ist.

17 - Vgl. Charles Sfar/Jacques Wajnsztejn, L'individu démocratique ou le miroir du salariat, in: Temps critiques 2/1990, S. 81-94, wo wir darüber in nichtfreudianischer Terminologie im Bild von Gewichten und Gegengewichten gesprochen haben.

18 - Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation, a.a.O., S. 113ff.

19 - Jacques Broda, De l'exploitation à l'auto-extermination, unveröffentlichtes Manuskript.

20 - Zu dieser Frage lese man die interessante Broschüre von Thierry Baudouin et Allii, Mouvement des chômeurs et des précaires de France. La revendication d'un revenu garanti. I.R.T.S. - B.P. 5, route de Duclair, 7630 Canteleu (70 F).

21 - Im Verhältnis zu anderen Vorschlägen hat die Arbeit des „mouvement anti-utilitariste dans les sciences sociales" (MAUSS, anti-utilitaristische Bewegung in den Sozialwissenschaften) ein Interesse daran zu bekräftigen, daß die Gesellschaft zunächst eine Assoziation von Individuen und nicht eine Gemeinschaft von Arbeitern ist. Es ist nicht die Arbeit, die das soziale Band und damit die Gesellschaft stiftet, im Gegensatz zu dem, was Smith und jede klassische politische Ökonomie, Marx inbegriffen, dachten.

22 - Er hat übrigens immer mehr Mühe, glauben zu machen, daß er es repräsentiert, und auch dieser Aspekt verstärkt die Attacken, die gegenwärtig gegen den Wohlfahrtsstaat gerichtet sind. Wenn der Staat beispielsweise neue Steuern „für soziale Bereiche" erhebt, wagt er es nicht einmal mehr, seine Handlungen politisch zu rechtfertigen, was dazu führt, daß selbst die, die mit diesem Beitrag einverstanden sein könnten, nicht mehr einsehen, warum sie ihn bezahlen sollen.

23 - Was sich deutlich zeigt, wenn die gleichen, die ihn für seine Unzulänglichkeiten kritisieren, ihm gegenüber Maximalforderungen nach Kostenübernahme aufstellen. Die Bauern mit dem Rinderwahn sind dafür ein weiteres Beispiel.

24 - Während sich einerseits der Staat verfestigt und die Form eines totalen Staates annimmt, manifestiert er andererseits seine politische Schwäche, wie es die Kämpfe Ende 1995 gezeigt haben (Präzisierungen dieser Schwäche finden sich in dem Text „Le sens du tous ensemble", a.a.O.).

25 - Es geht hier nicht darum, diesbezüglich eine Position zu beziehen, sondern konkret die Konsequenzen schwerwiegender Entwicklungen aufzuzeigen, denn zumindest im Moment, da wir diese Entwicklungen schlecht beherrschen, meistern wir die neue Dialektik des Politischen und des Gesellschaftlichen noch schlechter. Es folgt, bei dieser Frage wie bei anderen, die Affirmation von Positionen im schlechtesten Sinne des Wortes: Die Individuen beziehen Positionen, die nur über Prinzipien begründet sind, deren Preisgabe gerade die Quelle der Frage ist.

26 - Jacques Wajnsztejn, Wert ohne Arbeit, a.a.O.

27 - Mit dem Gesetz Madelin von 1994 über die Schaffung von Unternehmen und die juristischen Formen von Arbeit hat das Handelsrecht die Tendenz, das Arbeitsrecht zu ersetzen. Dieses Gesetz geht in die Richtung der Entwicklung vermittelnder Rechtsstandards (zwischen Lohnarbeit und unabhängigen Berufen), geregelt durch eine Art von Handelsverträgen zwischen Befehlenden und Ausführenden.

28 - Die Entwicklung der „kleinen Jobs" und der Schwarzarbeit führt zu einer Situation, die sich an die in den Dritt-Welt-Ländern annähert, in denen Entgelte zu niedrig sind, als daß sie die Leute reizen könnten, Lohnarbeiter zu werden.