Einige Überlegungen zu Kapitalismus, Kapital, kapitalisierte Gesellschaft1

Juni 2012, Temps critiques

Übersetzung aus dem Französischen : Andreas Löhrer

Originalartikel: Quelques précisions sur Capitalisme, capital, société capitalisée

Veröffentlicht im : Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (AGWA), 19 (2011)


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Die aktuelle Krise hatte uns ange­regt, das Buch „Crise financiére et capi­tal fictif“2 zu schrei­ben, wobei wir von Marx aus­ge­gan­gen sind, aber ver­sucht haben, uns eher auf eine dyna­mi­sche3 als auf eine archäolo­gi­sche4 Auffassung der Analyse des Kapitalismus zu stützen. Deshalb woll­ten wir eine solche Analyse auch, im Zuge einer Klärung der von uns ver­wen­de­ten „Kategorien“, in den Kontext einer langen his­to­ri­schen Bewegung („longue durée“) ein­bet­ten, während die Marxsche Analyse auf die his­to­ri­sch kurze Periode der indus­triel­len Entwicklung des Kapitalismus kon­zen­triert bleibt.

Der Wert als Repräsentation

Bis etwa zum ersten Jahrtausend vor unse­rer Zeitrechnung gab es in den men­schli­chen Gesellschaften keine Abspaltung5 der Ökono­mie und keine Einrichtung eines Marktes. Vom Altertum bis ins Mittelalter war die Arbeit nur ein Dienst, der mit einem oft nie­dri­gen Status und einer ents­pre­chen­den sozia­len Lage ver­bun­den war. Die häusli­che Ökono­mie war eine Kunst der Ausgabe im Hinblick auf die Befriedigung beson­de­rer kon­kre­ter Bedürfnisse.

Die Ökono­mie machte sich schließlich von der häusli­chen Tätig­keit unabhängig, von der sie nur ein Aspekt war (oiko­no­mos bedeu­tet Verwaltung des Hauses), und zwar aus­ge­hend von einer dop­pel­ten Bewegung der Abstraktion der unmit­tel­ba­ren Gesellschaft­lichkeit und der Trennung in unter­schied­li­che Tätig­kei­ten, die die Basis für die Arbeit, den Tausch außerhalb ihres sym­bo­li­schen Rahmens und des Eigentums begründete. All dies ges­chah im Laufe eines Prozesses, der seine „Früchte“ in Produkte ver­wan­delt sah, die nicht aus einem Füllhorn fielen, son­dern das Ergebnis einer Anstrengung (der Arbeit) waren, die durch die Existenz des Privateigentums von der Nutznießung getrennt wurde. Die Einführung von letz­te­rem hatte einen juris­ti­schen und poli­ti­schen Charakter, der seine Legitimation durch die Intervention eines Staates erfuhr, der in der Akkumulation von überschüssigem Reichtum die mate­rielle Basis für die Ausübung seiner Macht finden sollte. Doch dieser Reichtum wurde nicht als Grundlage für die Akkumulation von Kapital genutzt, was die vorhe­rige Umwandlung der Produkte in Waren voraus­ge­setzt hätte, eine Bedingung, damit das Geld zum Kapital wird. Es han­delte sich bis dahin nur um ver­sch­wen­de­ri­schen Verbrauch oder Hortung. Das Anwachsen der Reichtümer wurde in den meso­po­ta­mi­schen Reichen des 5. bis 8. Jahrhunderts v. Chr. (vor allem in Lydien) durch die Entwicklung des Seehandels6 und dadurch ermöglicht, daß eine Klasse von Menschen, die Sklaven, zu den Aufgaben gez­wun­gen wurde, die diese Akkumulation erfor­derte.

Diese erste Mögli­ch­keit den Wert zu messen wurde in den grie­chi­schen Stadtstaaten aus­ge­wei­tet und inten­si­viert. Aber eine solche Bewegung der Verselbständi­gung und Abstraktion des Werts ten­dierte zur Bildung eines Geldkapitals, das den Zusammenhalt der Gemeinschaft bedrohte, die noch auf der häusli­chen Ökono­mie beruhte, in der nur kon­krete „Werte“ exis­tier­ten. Die Stadt mußte dieses Geldkapital kon­trol­lie­ren, um der Verwertung des Geldes nicht freien Lauf zu lassen. Daher kam es zu dem von Aristoteles in seiner Chrematistik aus­gear­bei­te­ten poli­ti­schen Kompromiß: Die Verwaltung der Gemeinschaft kann das Geld für ihren lebens­not­wen­di­gen Tausch und für ihr Fortdauern benut­zen, aber die Akkumulation von Geld um des Geldes willen (Wucher, finan­ziel­ler Profit) ist zu verur­tei­len, denn sie schafft ein Ungleichgewicht in der Stadt und bedroht die Gesamtheit der Bürger. Die Ökono­mie darf also die Politik, die Ethik und die Philosophie nicht beherr­schen. Dieser Gedanke wurde im Mittelalter von Thomas von Aquin wieder auf­ge­grif­fen, für den der Profit des Seehändlers gerecht­fer­tigt ist durch das von ihm ein­ge­gan­gene Risiko und im Interesse des gemein­schaft­li­chen Nutzens seines Handels, der den Zugang zu exo­ti­schen Gütern ermöglicht.

Erst als sich das Tauschsystem ent­wi­ckelte und sich infolge einer größeren Produktion von Über­schuß für den Markt geo­gra­phi­sch aus­dehnte7 (aus Produkten wurden Waren), tauchte der Wert als Repräsen­ta­tion der Meßbar­keit des Getauschten und des Reichtums ganz all­ge­mein auf. Doch man kann noch nicht von einer Aufspaltung des Wertes in einen Gebrauchswert und einen Tauschwert spre­chen, denn letz­te­rer kann nur inne­rhalb einer mögli­chen Reproduzierbarkeit auf einer ziem­lich hohen Stufe pro­du­zier­ter Güter exis­tie­ren. Sein monetärer Ausdruck war also sehr fließend, weil das Gesetz von Angebot und Nachfrage keine aus­glei­chende Rolle spielte. Es herr­schte noch kein Gegensatz zwi­schen Wert und mate­riel­lem Reichtum. Der Preis ermöglichte eine Projektion des Wertes außerhalb des Gebrauchswerts nur in einem Händler­sys­tem, das noch nicht kapi­ta­lis­ti­sch war, selbst wenn dort der Wert zir­ku­lierte und das Kapital sich akku­mu­lie­ren konnte. Die Zirkulation ver­lief noch unabhängig vom Produktionsprozeß. Außerdem setzte dieser Produktionsprozeß nur ein wenig bedeu­ten­des fixes Kapital ein. Das Kapital stand für Eroberung der Welt und für Herrschaft, es war Quelle der Macht für den Souverän und seine Angehörigen, bevor es zum Ausbeutungsprozeß in der Produktionssphäre wurde. Die Arbeitsproduktivität war noch sch­wach und das Kapital, das sich dort vor­wagte, verlor Zeit und Geld gegenüber ande­ren Profitquellen und ins­be­son­dere im Verhältnis zu den Mögli­ch­kei­ten, die die Zirkulationssphäre bot.

Erst nach und nach dyna­mi­sierte eine Schicht von klei­nen Händlern und Handwerkern sowie zu Reichtum gekom­me­nen Arbeitern die zunächst lokale, dann natio­nale ländli­che Industrie, und inves­tierte dann, weil sie keinen Zugang zu den Überschüssen des großen Handels bekam, in die indus­trielle Revolution8. Für Frankreich datierte Georges Duby den Beginn dieses Prozesses auf das 13. Jahrhundert. Nicht daß es in den ande­ren Regionen keine mate­rielle Akkumulation der Reichtümer gege­ben hätte, aber diese Bereiche haben sich nicht von staat­li­chen und kir­chli­chen Kontrollen und auch nicht von der anfängli­chen Funktion des Geldes befreit. Es herr­schte eine Blockade, solange der Händler in seine wenig ange­se­hene Rolle als Zwischenglied zwi­schen Aristokratie und Bauernschaft gez­wun­gen war. Zu dieser Zeit bezeich­nete im Westen der Sinn des Wortes „Kapital“ ent­we­der einen Vorrat an Waren oder an zins­brin­gen­dem Geld oder es han­delte sich um Geldkapital. Erst in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Kapital zu pro­duk­ti­vem Geld (Turgot und die Physiokraten) und im 19. Jahrhundert zu Geld als Produktionsmittel (Marx).

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts kamen die klas­si­schen Ökono­men und später dann Marx selbst auf der Suche nach dem Ursprung des Reichtums dazu, ein Paradigma des Wertes auf­zus­tel­len, das einer Dichotomie zwi­schen Wert und Reichtum den Weg bahnte. Jetzt konn­ten die Theorie des Geldes als Schleier der klas­si­schen Ökono­men, die Dialektik des Wesens und des Scheins und fol­glich die Konzeption des Fetischismus bei Marx ent­wi­ckelt werden. Anstatt den Wert als eine Repräsen­ta­tion der Macht zuerst der Souveräne, dann der ökono­mi­schen Agenten, die Träger des Geldkapitals sind, zu betrach­ten, sahen sie darin das Wesen des gesell­schaft­li­chen Reichtums einer Nation und such­ten für diesen mit Hilfe von Ricardos Arbeitswerttheorie eine Substanz, die Arbeit. Marx griff in „Zur Kritik der poli­ti­schen Ökono­mie“ (1859)9 die bürger­li­che Sicht der Zeit als Ressource („Zeit ist Geld“) auf und machte daraus ein Instrument zur Messung des Werts - eines Werts, der nur Funktion einer objek­ti­ven Zeit sein kann, der Arbeitszeit. Das ver­gif­tete für mehr als ein Jahrhundert die Diskussionen über die Verwandlung des Werts in den Produktionspreis, und zwar von dem Moment an, an dem der Wert als eine his­to­ri­sch spe­zi­fi­sche Kategorie (ein „gesell­schaft­li­cher“ Reichtum) des Kapitalismus defi­niert wird, der von einem „reel­len Reichtum“ unter­schie­den werden müsse, der überhis­to­ri­sch sei. Als wäre der „reelle Reichtum“ etwas ande­res als ein Reichtum, der his­to­ri­sch unter spe­zi­fi­schen gesell­schaft­li­chen Bedingungen her­vor­ge­bracht wird! Doch das Wichtigste an dieser Behauptung einer Dichotomie zwi­schen Wert und Reichtum, nämlich die Tatsache, daß beide Begriffe zuneh­mend dazu ten­dier­ten, sich zu widers­pre­chen, wurde von den marxis­ti­schen Epigonen überhaupt nicht mehr auf­ge­grif­fen.10 Sie bezo­gen sich lieber auf den soge­nann­ten grund­le­gen­den Widerspruch zwi­schen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Enge der Produktionsverhältnisse (schließlich eine reine Frage des Eigentumswechsels) ans­tatt auf die Folgen der Krisen auf­grund eines Anwachsens des Reichtums, was einem „Verschwinden des Werts“11 entspräche.

Der Wert ist also, ent­ge­gen man­cher von uns benutz­ter Begriffe wie „die Bewegung des Werts“, kein Subjekt. Diese Formulierung kann allen­falls der Tatsache Rechnung tragen, daß der Tausch seine Natur ändert, wenn man vom nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Handelstausch zum kapi­ta­lis­ti­schen Handelstausch über­geht und daß in der kapi­ta­lis­ti­schen Produktionsweise Menschen nicht mehr für sie not­wen­dige Güter und Dienstleistungen unter sich tau­schen (in Tauschverhältnis­sen, die noch „Dienst“-Verhältnisse sind, die minutiös von kor­po­ra­ti­ven Organisationen gere­gelt werden und denen ein „gerech­ter Preis“ zuge­wie­sen ist, ist der Gebrauchswert vorherr­schend), son­dern durch die Vermittlung von pro­du­zie­ren­den und kon­su­mie­ren­den Individuen Waren unte­rei­nan­der aus­ge­tau­scht werden (der Tauschwert wird von dem Moment an vorherr­schend, an dem die Güter und die Personen einen abs­trak­ten oder unpersönli­chen Charakter anneh­men). Der Universalität der Produkte ents­pricht zuneh­mend die Institution des Marktes, der Universalität der Arbeit ein Arbeits-“Markt“ usw.

Der Wert ist nicht mehr die Hülle einer Substanz, wie Marx dachte, für den der Wert die Existenz seiner Substanz, der Arbeit voraus­setzt.12 Nun gibt es in den vor­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesellschaften aber nur eine effek­tive oder unmit­tel­bare oder viel­mehr kon­krete Arbeit. Marx wird also als guter Hegelianer sagen, daß der Wert einer­seits schon exis­tiert, weil es Maße an Zeit und Reichtum gibt, ande­rer­seits aber noch nicht exis­tiert, weil es nur effek­tive Arbeit gibt.13 Tatsächlich ist das Kapital noch kein gesell­schaft­li­ches Verhältnis von wech­sel­sei­ti­ger Abhängig­keit zwi­schen den Klassen; z.B. braucht der Leibeigene keine herr­schende Klasse, um zu arbei­ten. Er ist nicht frei und arbei­tet auf Grund und Boden, der nicht sein Eigentum ist, aber mit seinen eige­nen rudi­mentären Arbeitsmitteln. Das ist nicht mehr der Fall im System der Lohnabhängig­keit, in dem jede Klasse von der ande­ren abhängig wird, und dies verstärkt sich, seit­dem die Manufaktur und ihre Zentralisierung des fixen Kapitals (Maschinen, Räumli­ch­kei­ten) die Arbeit in der Werkstatt oder zu Hause ersetzt. „Aber das Kapital ist kein Ding, son­dern ein bes­timm­tes, gesell­schaft­li­ches, einer bes­timm­ten his­to­ri­schen Gesellschafts­formation angehöriges Produktions­verhältnis… Das Kapital, das sind die in Kapital ver­wan­del­ten Produktionsmittel, die an sich so wenig Kapital sind, wie Gold oder Silber an sich Geld ist. Es sind die von einem bes­timm­ten Teil der Gesellschaft mono­po­li­sier­ten Produktionsmittel, die der leben­di­gen Arbeitskraft gegenüber ver­selbständig­ten Produkte und Betätigung­sbe­din­gun­gen eben dieser Arbeitskraft, die durch diesen Gegensatz im Kapital per­so­ni­fi­ziert werden.“14 Das Kapital ist also eine gesell­schaft­li­che Totalität, deren sie bil­den­den Pole unter­schie­den werden müssen, auf der einen Seite der Pol Arbeit und auf der ande­ren Seite der Pol Kapital, der seine Substanz in der Form der Maschine, der Anlagen findet.15

Marx’ Umgang mit einer Bestimmung und deren Gegenteil führt Cornelius Castoriadis zufolge dazu, daß das Denken von Marx unter dem Deckmantel einer Logik des Widerspruchs voller Antinomien und seine Werttheorie Metaphysik ist.16 Marx ver­suchte zwar diese logi­schen Schwierigkeiten in einer Perspektive des Kommunismus als Abschaffung des Werts zu über­win­den, doch viele Marxisten sahen im Sozialismus das volle Aufblühen eben dieses Werts in seiner Form als Arbeitswert. Wenigstens kann man sagen, daß sich das Kapital als weni­ger meta­phy­si­sch und als prag­ma­ti­scher erwie­sen hat. Indem es als Bezugsgröße die Produktionspreise durch­ge­setzt hat (d.h. für Marx eine Erscheinungsform, die sich an der Oberfläche zeigt und so die tie­fere Wirklichkeit ver­birgt), beherr­scht es den Wert (der für Marx das Wesen des kapi­ta­lis­ti­schen Prozesses ist) und ist sogar dessen Quelle. So erlaubt es der Preis, selbst das zu ver­wer­ten, was keinen Wert hat, weil es nicht durch men­schli­che Tätig­keit pro­du­ziert wurde oder weil es außerhalb der Handelsaktivitäten geblie­ben ist. Es ist also alles kapi­ta­li­sier­bar, selbst das, was nicht pro­du­ziert wurde, selbst das, was nicht zur Produktion gehört. Die alter­na­tive Parole „Die Welt ist keine Ware“ hat großen Anklang gefun­den, denn sie ver­weist auf genau diesen Prozeß und stellt sich dage­gen, auch wenn sie es auf ein­fa­che Weise tut, da dieser poli­ti­sche Protest gegen die Verwandlung in Ware mit einer feh­len­den prak­ti­schen Kritik der Monetarisierung der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse ein­her­geht.

Geld als Zahlungsmittel ist mehr als ein ein­fa­ches ver­recht­lich­tes Handelsverhältnis. Als Zahlungsmittel spielt das Geld eine gesell­schaft­li­che Rolle, die des gesell­schaft­li­chen Verhältnis­ses im Kontext eines Individualisierungs­prozesses.17 Die Herrschaft des Geldes erscheint als Herrschaft ohne Herr, deren Regeln durch den Demokratisierungsprozeß und die Suche nach „Gleichheit der Bedingungen“ (Tocqueville) verin­ner­licht worden sind. Die Entwicklung des moder­nen Geldes ver­rin­gert die Distanz zwi­schen ursprüngli­chem sozia­lem Status und der Fähig­keit, Zugang zu Gütern zu erlan­gen. Auf der Basis von Markt und Geld kann man glau­ben, daß jeder belie­bige belie­big viel wert ist. Erst wenn das Geld schlecht oder gar nicht zir­ku­liert, erscheint seine Herrschaft wieder in sicht­ba­rer Form. Das ist heute der Fall, wo schein­bar ganze Bereiche von Aktivitäten nicht mehr funk­tio­nie­ren (Massenkonkurse vor allem im Bereich der klei­nen und mit­tle­ren Unternehmen, Investitionstiefs und Über­schul­dung von Haushalten wegen der Hochzinspolitik).

Man kann dieses Schema auf den Begriff der Arbeitskraft anwen­den. Was der Lohnabhängige ver­kauft, ist keine Ware (Marx sagt im ersten Band des „Kapital“ mehr­mals, daß die Arbeitskraft eine „Nicht-Ware“ ist, die sich im kapi­ta­lis­ti­schen Produktionsprozeß in eine „fik­tive Ware“ ver­wan­delt), son­dern seine persönliche Verfügbar­keit während des Arbeitstages, also seine Arbeitszeit. Ebenso kauft der Kapitalist ein Recht auf Kommando. Diese Wahrheit wurde von den ita­lie­ni­schen Operaisten genau erkannt, aber von den Analysen, die unter Berufung auf Postone die Betonung auf die „Realabstraktionen“ (der Wert, die abs­trakte Arbeit) legen, völlig ver­na­chlässigt. Doch genau diese Erkenntnis kann erklären, warum die sozia­len Arbeitskonflikte außerhalb eines wirk­li­chen Klassen­antagonismus andauern.

Wesentlich sind nicht die Konzepte von Mehrwert und Ausbeutung, son­dern eine Herrschaft und ein Zwang monetärer Art, die mit dem Lohnverhältnis als Schlüssel der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse zusam­menhängen. Nun ist dieses Lohnverhältnis nicht das Ergebnis einer pri­va­ten Beziehung zwi­schen Unternehmern und Lohnabhängigen. Das Kapital kann nicht ohne den Staat und die Frage der Macht gedacht werden. Mangels dessen weiß die Kritik nichts mehr mit einer Macht anzu­fan­gen, die nicht im engen Sinne der Ökono­mie unters­teht,18 und macht es sich leicht, wenn sie den Staat als „Polizeistaat“ oder ein­fach als „Innenministerium“ bezeich­net.

Braudels Beiträge zur historischen Dynamik des Kapitalismus

Unser Ansatz, die Annahme einer dyna­mi­schen Perspektive, führte uns zur Beschäfti­gung mit den Analysen von Fernand Braudel19 über die Formen des Kapitals, die dem Aufkommen des Kapitalismus als System voran­gin­gen.20 Braudel bes­chreibt, wie eine Art von Kapitalakkumulation zuerst in den bereits exis­ten­ten Bereich des Handels ein­dringt, bis diese Akkumulation zum Ziel an sich wird.

Wir benut­zen Braudels Schema der ver­schie­de­nen Hierarchieebenen des Tauschs und wenden es auf die heu­tige Situation an, geben dem Konzept aber einen ande­ren Sinn. Für Braudel ist es die oberste Ebene, die des Kalküls und der Spekulation21 (damals schon!), die den Namen Kapitalismus ver­dient, auch wenn er (vom 15. bis 18. Jahrhundert) nur einen gerin­gen Teil der ökono­mi­schen Gesamtstruktur repräsen­tiert. Für uns ist es das Kapital, was auch immer seine kon­kre­ten Formen sind (Finanz-, Handels- oder Produktivkapital), das auf dieser obers­ten Ebene (Ebene 1) steht, und zwar von dem Moment an, wo man es als Totalität betrach­tet, d.h. nicht von einem strikt ökono­mi­schen Standpunkt, dem des Reichtums aus, son­dern vom Standpunkt der Spiele der Gewalt und der Macht.

Insofern kann man sagen, daß die Geschichte des Kapitals der indus­triel­len Revolution voraus­geht, sie dur­ch­quert und sie hinter sich läßt. Denn dank seiner Finanzkraft konnte der „Spitzenkapitalismus“ lang­fris­tig seine ganze Entwicklung beherr­schen und bes­tim­men, ohne direkt das Ausbeutungsverhältnis (es ist im Wesentlichen Herrschaft, noch bevor es Ausbeutung ist) zu inte­grie­ren, denn sie beruht eher auf der Abschöpfung und der Aneignung des welt­wei­ten Reichtums als auf den Leistungen einer natio­na­len Produktion. Das erklärt übri­gens die anfängli­chen Einschnitte zwi­schen einer­seits den „Weltstädten“ des Kapitals (zuerst den ita­lie­ni­schen und dann denen im Norden wie Antwerpen und Amsterdam), die die Kontrolle über den Seehandel und also über die Warenzirkulation und die Informationen erlang­ten, und ande­rer­seits dem Binnenland, das lange in der Selbstversorgung oder der Produktion für den Kleinhandel verharrte. Diese Macht resul­tiert aus den engen Beziehungen zwi­schen Seehändlern, Bankiers und Staaten, deren gemein­sa­mes Bestreben es ist, den all­ge­mei­nen Reichtum zu ver­meh­ren und somit einen „sta­tionären Zustand“ zu über­win­den, der eine ganze Phase des Mittelalters cha­rak­te­ri­sierte. Es ist dies eine Macht, die nicht nur Finanz- oder Handelsmacht ist, son­dern auch poli­ti­sche Macht in dem Maße, wie sie eine neue Ordnung auf­bauen muß, die sich den wirt­schaft­li­chen Aktivitäten zuwen­det. So können wir uns nicht dem anschließen, was Rudolf Hilferding und Lenin über die Herrschaft des Finanzkapitals in der Phase des Imperialismus ges­chrie­ben haben, denn diese Herrschaft exis­tierte schon in Genua und Amsterdam, und die pri­va­ten Depotbanken sind schon am Ende des 18. Jahrhunderts ents­tan­den. In England kommt es zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Koexistenz zwi­schen Agrarkapital, auf die Kolonien gestütztem Handelskapital und sich ent­wi­ckeln­dem Industriekapital. Die Entscheidungen zur Investitionslenkung werden ents­pre­chend den Profitmögli­ch­kei­ten getrof­fen, aber es exis­tiert noch keine Hierarchie zwi­schen den ver­schie­de­nen Formen des Kapitals. So wird in England bald das Industriekapital die Vorherrschaft über­neh­men, während in Frankreich das Finanzkapital die welt­wei­ten Finanzströme orga­ni­siert, wenig­stens bis zum ersten Deutsch-Französischen Krieg. Diese Ambivalenz in der Entwicklung dauerte nicht an, denn London setzte sich als neue Weltstadt durch und voll­zog die Einheit zwi­schen einer exo­ge­nen Entwicklung (Seefahrt und Handel) und einer endo­ge­nen Entwicklung (Agrarrevolution und dann indus­trielle Revolution).

Wir müssen uns von Braudel an der Stelle verab­schie­den,22 wo ihn sein his­to­ri­sches Modell zur poli­ti­schen Schlußfol­ge­rung einer Dichotomie zwi­schen dem Kapitalismus (dem „schlech­ten“ Kapitalismus) und der Marktwirtschaft (dem „guten“ Markt) führt, als wären das abso­lut vonei­nan­der getrennte Konstruktionen, obwohl er sie doch als hie­rar­chi­sierte Ebenen mit unter­schied­li­cher Intensität bes­chrie­ben hat.23

Braudels Beschreibung zeigt nämlich die wesent­li­chen Verbindungen zwi­schen den drei Ebenen, und genau das inte­res­siert uns heute, denn diese Verbindungen sind ähnlich wie die Maschen eines Netzes enger gewor­den, während sich seine Schlußfol­ge­rung als poli­ti­sch unzulässig erweist. Nur die Ebene 2, die der Marktwirtschaft, wo Konkurrenz und also eine gewisse Freiheit herr­scht, entspräche dieser zufolge einer natürli­chen Ordnung der Ökono­mie, die man in allen Gesellschaften wie­der­fin­det. Der Rest stellt nichts dar als Abfall (Ebene 3 bes­teht aus Zonen, in denen noch Subsistenzwirtschaft oder infor­melle Ökono­mie herr­scht, Zonen der Ausplünde­rung von Rohstoffen und der eth­ni­sier­ten Kriege) oder Abweichung (Ebene 1 bes­teht aus der Welt, die die Einheit der unter­schied­li­chen Formen des Kapitals durch Finanzholdings, mul­ti­na­tio­nale Firmen, Monopole ver­wirk­licht und das unter der Schirmherrschaft der großen Staaten, die die neuen Netzwerke der Gewalt und der Macht orga­ni­sie­ren), wie es das Ende des Zitats in Fußnote 20 zu vers­te­hen gibt.

In dieser Hinsicht zollt Braudel dem Marxismus Tribut.24 Ohne sie auszuführen (er ist kein Ökonom), greift er impli­zit die Arbeitswerttheorie auf und sieht in der Zirkulation und der Aktivität der Händler eine Verfälschung des Tauschs zu „seinem Wert“. Würde man die Zwischenhändler aus­schal­ten, gäbe es keinen Profit mehr, son­dern eine gerechte Verteilung der Anstrengungen des Kapitals und der Arbeit. So aber kommt Braudel zu einem idea­len Modell einer Marktwirtschaft ohne Händler! Nebenbei ver­weist das auch auf die Auffassungen der Klassiker und der Marxisten von einem Tausch als System erwei­ter­ten Tauschhandels, was nicht akzep­ta­bel ist. Der Tauschhandel bezieht sich nämlich auf sub­jek­tive Schätzun­gen, die einem Kontext sta­bi­ler und unte­rei­nan­der inkom­men­su­ra­bler sozia­ler Strukturen imma­nent blei­ben. Es wird kein Bezug zu einem neu­tra­len Dritten auf­ge­nom­men, der die Figur des Händlers und die des Geldes anneh­men wird. Der Tauschhandel schafft keinen Wert im ökono­mi­schen Sinne des Begriffs, selbst wenn er einen großen Umfang erreicht. Damit der Wert zur Geltung kommt, muß ein poli­ti­scher und nor­ma­ti­ver Bruch ein­tre­ten, müssen in gewis­ser Weise neue gesell­schaft­li­che Verhältnisse auf­tau­chen.

Entgegen libe­ra­ler und marxis­ti­scher Auffassungen ist es nicht der Händler als sol­cher, der das Geld als Institution schafft, selbst wenn er kon­kre­tes Geld, Kredit oder die Mobilisierung von Schuldforderungen erzeu­gen kann. Das Geld in seinen Status zu erhe­ben, ist die Rolle der Macht (der Macht „Geld prägen“ zu können). Das objek­tive Äqui­va­lent (das nur noch einen festen Preis duldet) ersetzt also die sub­jek­ti­ven Schätzun­gen (die die Mögli­ch­keit des Handelns voraus­set­zen) in einem Rahmen, in dem sich die Vertikalität der Macht der Horizontalität des Tauschs gegenübers­tellt, um den uni­ver­sel­len Raum des gene­ra­li­sier­ten Tauschs dur­ch­zu­set­zen. In dieser Hinsicht ist das Geld nicht zuerst und hauptsächlich ein gene­ra­li­sier­ter Vermittler des Tauschs, son­dern eine Bedingungen für seine Konstitution.

Eine neue Mittelschicht „freier“ Händler aus der Mitte der Gesellschaft bringt zuneh­mend die ländli­che Industrie in Schwung und rea­li­siert dann man­gels der Macht, sich an den Kolonialabenteuern zu betei­li­gen, die indus­trielle Revolution mit der Unterstützung des Staates. Daher muß der Markt ein­ge­rich­tet werden, damit sich „die natürliche Ordnung“ des Prozesses „Ware-Geld-Ware“ (W-G-W) in G-W-G ver­wan­delt. Doch die Einrichtung des Marktes bedeu­tet auch die zuneh­mende Durchsetzung eines kapi­ta­lis­ti­schen Bewußtseins. Es gibt viel­leicht ver­schie­dene Ebenen, aber die unter­schied­li­chen Formen von Kapital ent­fal­ten sich dort in einer Stärke, die sehr von den Auswirkungen der „Gewalt des Geldes“ (Michel Aglietta) auf die tra­di­tio­nel­len gesell­schaft­li­chen Verhältnisse abhängt. Entwicklung des Marktes und Entwicklung dieses Bewußtseins gehen also einher. G-W-G kann W-G-W erst im Rahmen eines sich aus­deh­nen­den Marktes ablösen, für den die spe­zi­fi­sche Aktivität des Kapitals in seiner kom­mer­ziel­len Form not­wen­dig ist. Diese Ausdehnung verläuft auch über die Ersetzung von Wucherpraktiken durch ein Kreditsystem. Diese ganze Bewegung wird von den Marxisten kaum gese­hen, denn sie läßt das Aufkommen einer fort­schrit­tli­chen indus­triel­len Bourgeoisieklasse, die eine Rolle als Motor der Entwicklung spielt, nicht erken­nen.25

Der his­to­ri­sche Determinismus der Marxisten erfaßt nicht die Gleichwertigkeit der Kapitalformen; für ihn stellt alles, was der indus­triel­len Revolution voran­geht, eine infan­tile Phase des Kapitals dar. Der Marxismus tritt in die Fußstap­fen der klas­si­schen engli­schen Politischen Ökono­mie. Er bleibt auf einem Terrain, das die Ebene 2, d.h. die Ebene der mate­riel­len Produktion und der Marktgesetze zur ent­schei­den­den Ebene macht. Also auf der Ebene eines Industriekapitals, das sich in Produktionsverhältnis­sen kons­ti­tuiert, die auf dem Eigentum, der Verherrlichung des Wachstums der Produktivkräfte, dem Fortschrittsglauben, der klaren Aufteilung in zwei große Klassen und einer vorherr­schen­den poli­ti­schen Form, der par­la­men­ta­ri­schen Demokratie der bürger­li­chen Gesellschaft, beru­hen.

In dieser Perspektive haben wir lange Zeit diese beson­dere Form des Kapitals ins Auge gefaßt, das inso­fern auf die Totalität als gesell­schaft­li­ches Verhältnis zielt, als es im Wesentlichen von der wech­sel­sei­ti­gen Abhängig­keit der beiden Klassen ver­mit­telt und von der Dialektik der Klassenkämpfe voran­ge­trie­ben wird. Doch schließlich blie­ben wir Gefangene der marxis­ti­schen Auffassung, die die Ebene 2 zum Motor des ganzen Prozesses macht, weil man in seinem Innern die als pro­duk­tiv defi­nierte unmit­tel­bare Arbeit findet, die glei­ch­zei­tig Quelle der Verwertung des Kapitals als auch die seiner Negation ist. Unsere Lesart der ver­schie­de­nen „Finanzkrisen“ der letz­ten zwan­zig Jahre, aber ins­be­son­dere der von 2008, zwingt uns jetzt dazu, unse­ren theo­re­ti­schen Apparat zu revi­die­ren.

Kapitalformen und Totalisierungsprozeß

Die Entscheidung, dem Begriff „Kapital“ Vorrang zu geben, ist also keine zufällige, denn man findet dieses Kapital sowohl am Ursprung der his­to­ri­schen Dynamik der Verände­rung der Welt unter seiner vor­sint­flut­li­chen Form (Wucher oder Handel) als auch an seinem Ende in seiner ver­selbständig­ten Form (fiktiv26 oder vir­tuell). Dennoch domi­nierte in den vor­sint­flut­li­chen Firmen das Wucher- oder Handelskapital nicht den Produktionsprozeß (deshalb sah Marx darin nur Formen ohne Inhalt), während sich heute in einem Kapital, das sich als total setzt, eine Einheit der Formen voll­zieht.

Was diesen letz­ten Punkt betrifft, den Punkt der Totalisierung des Kapitals, so haben manche unse­rer Leser recht, wenn sie von neo-bor­di­gis­ti­schen Positionen spre­chen. Dieser Ansatz ist nämlich stark Jacques Camatte und der Zeitschrift „Invariance“ ges­chul­det. Er soll vor allem die Tendenz des Kapitals ausdrücken, unpersönlich zu werden27 und - inso­fern die Herrschaft zugleich kom­plexe und abs­trakte Formen annimmt - als „auto­ma­ti­sches Kapital“ zu erschei­nen. Es ist dies eine Tendenz, die eine Transformation der kapi­ta­lis­ti­schen Gesellschaft an sich in dem Sinne ankündigt, daß der Klassenantagonismus nicht mehr der Motor der Entwicklung ist28 und der Prozeß der Totalisierung des Kapitals die pri­va­ten Momente der Reproduktion der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse beherr­scht. Doch diese Bewegung scheint inso­fern widersprüchlich zu sein, als paral­lel dazu eine Art „Ausweichen des Kapitals“ auf­kommt,29 das seine Natur als gesell­schaft­li­ches Verhältnis und die wech­sel­sei­tige Abhängig­keit der Klassen in Frage stellt. Man hat also den Eindruck, daß es keine höhere Einheit gibt und die ver­schie­de­nen Elemente der Totalität gege­nei­nan­der arbei­ten (die Finanzwelt gegen die Ökono­mie, die Finanzwelt gegen den Staat,30 die Ökono­mie gegen die Gesellschaft, das Management und die Sachverständigen gegen die Politik usw.). Dieser Eindruck wird durch die neue Gesamtorganisation als Netzwerk nur noch verstärkt. Eine solche auf Unmittelbarkeit der Erscheinungen aus­ge­rich­tete Perspektive der „Revolution des Kapitals“ äußert sich im berühmten Begriff der Abkoppelung, wobei dessen Anhänger eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesellschaft wie­der­zu­fin­den ver­su­chen, die um ein Produktivkapital zen­triert ist, das es mit einer ähnlich pro­duk­ti­ven Arbeit und nicht mit einem para­sitären Finanzkapital zu tun hat. Die Aufblähung der Finanzsphäre wird dann als Hindernis für das Wachstum der „Realökono­mie“ gese­hen, während sie doch viel­mehr das Ergebnis einer neuen Strukturierung des Gesamtverhältnis­ses ist. Der Begriff „Finanzkapitalismus“ stif­tet also Verwirrung, auch wenn er einer Situation Rechnung trägt, in der die Finanzaktivität die Gestalt der Organisatorin des glo­ba­len Systems über­nimmt.

Das nicht zu sehen, führt oft zu einer Sehnsucht nach der for­dis­ti­schen Phase der glor­rei­chen dreißig Jahre der Nachkriegszeit und des Wohlfahrtsstaates, und auf theo­re­ti­scher Ebene zu einer Reaktivierung der am meis­ten veral­te­ten Aspekte des Marxismus, die gerade noch ange­mes­sen waren, um den wilden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zu bes­chrei­ben. Abgesehen davon, daß sie die höchst strit­tige Tatsache eines Fortschritts behaup­tet, der auf der gren­zen­lo­sen Ausbeutung der natürli­chen Ressourcen und der Herrschaft über die werktätigen Klassen gründete, berücksich­tigt diese Sehnsucht nicht die Transformation, die eine Situation erzeugt, die bei aller Kritik imme­rhin wesent­lich anders ist. Diese Situation beruht auf der Einbeziehung aller men­schli­chen Aktivitäten, die Gelegenheit zur „Wertschöpfung“ bieten.

Es ist dies die Tendenz des Kapitals, zu einem Milieu, einer Kultur, einer spe­zi­fi­schen Form der Gesellschaft zu werden, die man als „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft“ bezeich­nen kann. Dieses Kapital schafft in Symbiose mit den neuen Formen des Staates (Netzwerke, Sozialmanagement, Partnerschaft) die Einheit dieser Gesellschaft in einem Prozeß, den wir Totalisierung des Kapitals nennen.

Die Verkünst­li­chung31 des Lebens durch die Genetik als Perfektionierung der Spezies ist das Pendant zur Fiktionalisierung in der Ökono­mie und der Finanzwelt. Sie erzeugt eine wah­rhafte anthro­po­lo­gi­sche Revolution in dem Sinne, daß die Subjektivität der Individuen jetzt von innen heraus bes­timmt wird. So werden heute z.B. Bedürfnisse in einem Maße erzeugt, das der junge Marx, als er von ihrem unbe­grenz­ten Charakter sprach, nicht vorher­se­hen konnte.32 Aber das alles kann sich nur deshalb ent­wi­ckeln, weil auf der Basis einer mate­ria­li­sier­ten Ideologie die Technik zur Grundlage jeder Vergegenständli­chung der Tätig­keit gewor­den ist. Und die „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft“33 hat sich dieses tech­ni­sche System ein­ver­leibt.34 Sie funk­tio­niert in „Echtzeit“, woran uns auch ihr ständiger Diskurs erin­nert, und sie ist unfähig, sich Bedürfnisse außerhalb dieser tech­ni­sch-wis­sen­schaft­li­chen Aktivität vor­zus­tel­len, die wie­de­rum nur ihre bes­chleu­nigte Reproduktion zum Ziel zu haben scheint. Sie ist also genauso selbs­tre­fe­ren­tiell wie die Börsentätig­keit! Sie ver­sucht nur die Probleme zu lösen, die sie selbst schafft, aber ohne sich Gedanken über Sinn oder Zweck ihrer Entwicklung zu machen.

Die ganze Apparatur des „Über­baus“, die zur soge­nann­ten „Industriegesellschaft“ gehörte, hatte es erlaubt, zwi­schen Formen und System genau zu unter­schei­den. So unter­schie­den manche Staat und Zivilgesellschaft (Hegel und Marx), andere Privatleben und poli­ti­sches Leben (Hannah Arendt), wieder andere demo­kra­ti­sche Gesellschaft und kapi­ta­lis­ti­sches System (Cornelius Castoriadis). Bleiben wir ein wenig bei dieser letz­ten Unterscheidung: Es ist, so Castoriadis, ein Mißverständnis, daß sich „ein Regime im Wesentlichen durch seine Ökono­mie defi­niert… Aus der Sicht der poli­ti­schen Theorie sind diese (west­li­chen) Regime Oligarchien. Aber wenn man von ihnen als Gesellschaften spricht, muß man aner­ken­nen, daß diese nicht nur und ein­fach kapi­ta­lis­ti­sch sind…, denn sonst wären sie tota­litär… Diese Gesellschaften sind his­to­ri­sche Bastarde, die auch aus religiösen Bewegungen, Revolutionen und der Arbeiterbewegung her­vor­ge­gan­gen sind.“35 Es geht Castoriadis also nicht darum, poli­ti­sche Regime zu ver­tei­di­gen, son­dern demo­kra­ti­sche Gesellschaften, die diesen his­to­ri­schen, sowohl demo­kra­ti­schen als auch revo­lu­tionären Anteil bein­hal­ten.

Ist Castoriadis’ Unterscheidung zwi­schen kapi­ta­lis­ti­schem System und kapi­ta­lis­ti­schen Gesellschaften, die es ihm erlaubt, durch die Kritik dessen, was er die „libe­ra­len Oligarchien“ nennt, die Frage der Demokratie wieder ein­zu­brin­gen, heute noch gültig?36 Castoriadis selbst scheint dies­bezüglich zu zwei­feln, wenn er darauf ver­weist,37 daß die Teilung in Leitende und Ausführende in einem System, in dem es ange­sichts von dessen Komplexität immer weni­ger eine reine Funktion, eine reine Teilung gibt, ihre Relevanz ver­liert. Die gesell­schaft­li­che Herrschaft kann also nicht mehr allein einer klar defi­nier­ten Klasse zuges­chrie­ben werden wie zur Zeit der Bourgeoisie, aber man kann auch nicht von einem unpersönli­chen Moment der kapi­ta­lis­ti­schen Struktur spre­chen. Die Herrschaftsapparate werden viel­mehr von diver­si­fi­zier­ten Netzwerken der Macht verkörpert (poli­ti­schen Netzwerken im enge­ren Sinn, Diskussionsclubs, Unternehmerverbänden, Gewerkschaftsleitungen, Mediengruppen). Es gibt nicht ein­fach eine ano­nyme Macht eines „auto­ma­ti­schen Kapitals“, in dessen Kontext die Menschen nur noch Träger von Verhältnis­sen oder ein­fa­che Funktionäre des Kapitals sind.38

Die kapi­ta­li­sierte Gesellschaft scheint ihre Kraft daraus zu schöpfen, immer wieder Individuen oder Gruppen zu finden, die sich mit ihr iden­ti­fi­zie­ren. Sie scheint ständig eine wech­sel­sei­tige Abhängig­keit zu repro­du­zie­ren, die zwar nicht mehr die zwi­schen Klassen, aber nicht weni­ger prägnant ist und es erlaubt, eher von einer Gesellschaft als von einem System zu spre­chen. Die Reformen der letz­ten dreißig Jahre zwecks Individualisierung der Arbeits- und Lohnverhältnisse und zwecks Verwandlung der Arbeitskraft in eine „men­schli­che Ressource“, die sich eigene Fähig­keit nur deshalb anei­gnet, um sie besser ver­kau­fen zu können, erlau­ben es, die Funktion des gesell­schaft­li­chen Verhältnis­ses und der neuen Widersprüche besser zu vers­te­hen. Die totale Mobilisierung, die nun offen­bar von jedem Lohnabhängigen gefor­dert wird, ist nur im Kontext eines bes­timm­ten Handlungsspielraums möglich, der in der (Selbst)-Verwaltung jeder ein­zel­nen men­schli­chen Ressource gewährt wird. Dieses beson­dere Verhältnis erlaubt es uns, nicht von einer tota­len Unterwerfung unter das Kapital zu spre­chen, inso­fern es dieser enge Spielraum ermöglicht, die Anweisungen aus der Sphäre der Herrschaft zu ertra­gen.

Diese Punkte müßten noch geklärt und ver­tieft werden, denn der von uns benutzte Begriff „nicht-sys­te­mi­sche Herrschaft“ stellt uns nicht zufrie­den. Er ist weder affir­ma­tiv noch des­krip­tiv. Wir benut­zen ihn als Notlösung, denn wir lehnen andere Konzepte wie das des „auto­ma­ti­schen Kapitals“ oder die Systemtheorien ab. In einem späteren Text werden wir noch einmal darauf zurückkom­men.

Zurückkom­men müssen wir auch auf die Frage, worin heute die „Erfahrung“ der Arbeit bes­te­hen könnte. Sie ents­pricht ganz und gar nicht mehr der „pro­le­ta­ri­schen Erfahrung“, wie sie von der Zeitschrift „Socialisme ou Barbarie“ dar­ges­tellt wurde, da sie zur nega­ti­ven Erfahrung gewor­den ist. Die Schwierigkeit rührt also nicht nur aus der Tatsache, daß man Probleme hat, in der Phase der Auflösung der Klassen eine „gemein­same Erfahrung“ zu finden, son­dern auch daher, daß eine „nega­tive Erfahrung“ in keine mögliche Affirmation münden kann (vgl. den Stillstand der ver­schie­de­nen Bewegungen des „ohne“ und die Auflösung der alter­na­ti­ven Bewegungen).

Man kann heute nicht mehr von einer Arbeiteridentität aus­ge­hen, weder auf der Ebene der objek­ti­ven Bedingungen (die Fabrikarbeit im enge­ren Sinne befin­det sich in den herr­schen­den Ländern nume­ri­sch gese­hen im freien Fall), noch auf der Ebene der sub­jek­ti­ven Vorstellungen, da heute für junge Menschen die Arbeit in einem Sicherheitsdienst ange­se­he­ner ist als die als Metall- oder Bergarbeiter. Diese Werte sind auch deshalb nicht mehr zen­tral oder repräsen­ta­tiv, weil die Herrschaft eher indi­vi­duell als kol­lek­tiv emp­fun­den und ents­pre­chend psy­cho­lo­gi­siert wird („das Leiden an der Arbeit“). Doch täuschen wir uns nicht: Diese „Empfindung“ wird in die Praktiken der Unternehmens- oder Verwaltungsleitungen ein­ge­bun­den, diese Tendenz des Verschwindens der Identitäten und Arbeitskollektive zu berücksich­ti­gen, wenn sie eine indi­vi­dua­li­sierte Verrechtlichung der Lohnverhältnisse und der ver­schie­de­nen Formen mora­li­scher Bedrängung durch­set­zen.

Castoriadis’ ursprüngli­ches Projekt einer Autonomie ver­liert sich also in den unter­schied­li­chen Formen der Autonomisierung. Hierarchie wurde dabei defi­niert als ein Mittel im Dienst der Machtapparate, die aber eigent­lich nichts mehr leiten.39 Herrschaft sollte zuneh­mend ratio­nel­ler und unpersönli­cher werden, doch tatsächlich ent­wi­ckelt sich eine Art von Nicht-Beherrschung (Automatisierung der Entscheidungen durch „Expertensysteme“ und die Illusion der Allmacht, wie man sie wieder einmal in der Finanzkrise vom Herbst 2008 erle­ben konnte). Was nützt also die anfängli­che Unterscheidung zwi­schen kapi­ta­lis­ti­schem System und kapi­ta­li­sier­ten Gesellschaften? Wir müssen wohl impli­zit aner­ken­nen, daß es nicht mehr möglich ist, diesen Unterschied zu machen.

Was aus dem Kapital nach seiner Revolution geworden ist

Man kann gewis­sermaßen sagen, daß es im Kapitalismus keine inter­nen Konflikte mehr gibt, die Motor eines radi­ka­len Antagonismus sind.40 Das Kapital ist nicht mehr ein anta­go­nis­ti­sches sozia­les Verhältnis zwi­schen den Klassen. Es gibt keinen objek­ti­ven inne­ren und spe­zi­fi­schen Widerspruch mehr, der auto­ma­ti­sch zu einer fina­len Krise führt. Der berühmte Widerspruch zwi­schen der Entwicklung der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnis­sen ist von der Dynamik der Kapitals inte­griert worden, wie wir es unse­rer Meinung nach in „Après la révolu­tion du capi­tal“ gezeigt haben; eben­falls inte­griert wurde auch der Widerspruch zwi­schen Klassen als Subjekten, die fähig sind, eine revo­lu­tionäre Perspektive zu ent­wi­ckeln.41

Es gibt nicht einer­seits etwas wie die Dynamik des Kapitals und ande­rer­seits den Klassenkampf. Das käme einer Perspektive gleich, das Kapital als etwas Äußerli­ches zu betrach­ten, während die Dynamik des Kapitals gerade aus den Klassenkämpfen ihre größte Kraft schöpfen konnte. In dieser Hinsicht hat die Periode von 1968 (im weiten Sinne) das höchste Niveau dieser Dynamik erreicht. Probleme berei­tet uns heute, daß diese Dynamik jen­seits der Dialektik der Klassen fort­dauert, wie eine Art verrückte Maschine, die auf die tech­no­lo­gi­schen Innovationen und das fik­tive Kapital fixiert ist. Was die Technik betrifft, so kann man sagen, daß sie ein gutes Beispiel für die Dynamik des Kapitals als gesell­schaft­li­chem Verhältnis ist, wenig­stens was seinen Ursprung betrifft. Die tech­no­lo­gi­sche Entwicklung steht für ein glo­ba­les Gesellschaftsprojekt, das poli­ti­sche Entscheidungen mit sich brachte (es war kein Schicksal) und dazu führte, daß dieses Projekt auf ein men­schli­ches Abenteuer traf, das ihm voraus­ging.42

Wie voll­zieht sich nun diese „Revolution des Kapitals“, während man doch die pro­le­ta­ri­sche Revolution erwar­tet hatte? Wir wollen ver­su­chen, das hier zu zeigen, aus­ge­hend von Marx’ Antizipation über die Zukunft des Kapitals im inz­wi­schen sehr bekann­ten „Fragment über die Maschinen“.43

In diesem kurzen Text ent­wi­ckelt Marx eine neue „Realabstraktion“, den „gene­ral intel­lect“, d. h. das im fixen Kapital und beson­ders im auto­ma­ti­schen System der Maschinen ver­ge­genständlichte Wissen. Im Rahmen dieser Entwicklung ist die kon­krete Arbeitszeit nur noch eine „mise­ra­ble Grundlage“ für das Maß des Werts. Daraus folgt, daß der Ursprung der Krise nicht mehr den inne­ren Widersprüchen einer Produktionsweise zuges­chrie­ben werden kann, die auf der Arbeitszeit begründet ist (Gültig­keit des Arbeitswertgesetzes, des Gesetzes über den ten­den­ziel­len Fall der Profitrate, d.h. des Marxismus als Wissenschaft), son­dern einem spe­zi­fi­schen Widerspruch zwi­schen einer­seits einem Produktionsprozeß, der zuneh­mend Technik und Wissenschaft in seine Produktivkräfte ein­schließt, und ande­rer­seits einer Maßein­heit des gesell­schaft­li­chen Reichtums, die noch dem Stadium ents­pricht, in dem die ins Werk gesetzte Quantität an leben­di­ger Arbeit der Motor des Gesamtprozesses war. Die Ausweitung dieser Diskrepanz führt laut Marx zum Zusammenbruch einer auf dem Tauschwert gegründeten Produktion und also zum Kommunismus.

Dieses „Fragment“ war die Grundlage der Kritik der Arbeit, wie sie von den revo­lu­tionären Gruppen in den herr­schen­den Ländern geführt wurde, beson­ders in der Zeit des „heißen Herbstes“ in Italien. Insbesondere der aus den „Quaderni Rossi“ her­vor­ge­gan­gene Operaismus bezog sich darauf, lei­tete daraus den Parasitismus des Kapitals und die Hinfällig­keit der Arbeitswertstheorie ab und ver­band dies mit der Forderung nach einem „poli­ti­schen Lohn“. Später bezog sich die Bewegung von 1977 in Italien darauf, um von der Mögli­ch­keit neuer Subjektivitäten zu schwärmen, die von dem Moment an anta­go­nis­ti­sch sein soll­ten, in dem der „gene­ral intel­lect“ nicht nur im fixen Kapital ver­ge­genständlicht blieb, son­dern in die ganze Gesellschaft, ein­schließlich der leben­di­gen Arbeit, ein­si­ckerte.44 Dann kam die Niederlage…

Wie kann man das „Fragment“ heute lesen und benut­zen? Praktisch haben wir die vollständige Realisierung der von Marx ent­wi­ckel­ten Tendenz erlebt, aber ohne die gering­ste Wende zuguns­ten einer Emanzipation der Arbeiter und sogar ohne daß sich irgen­deine wirk­li­che Bewegung daran orien­tiert hätte. Vielleicht hat nur die Arbeitslosenbewegung etwas in dieser Hinsicht begon­nen, wenn auch nur begrenzt und flüchtig. Manche Aspekte der Bewegung gegen den „Contrat Première Embauche“,45 manche Dimensionen der Revolte der Vorstädte und schließlich die jüngsten Ereignisse in Griechenland haben viel­leicht einen gewis­sen Zusammenhang mit dieser Entwicklung; aber sie sind zu par­tiell und dis­pa­rat, um wirk­li­che Anknüpfung­spunkte für eine brei­tere Bewegung bilden zu können. Der von Marx enthüllte Widerspruch ist also zu einer Komponente der Gesellschaft des Kapitals gewor­den. Die Diskrepanz zwi­schen dem Anwachsen des ver­ge­genständli­chen Wissens und der Abnahme der not­wen­di­gen Arbeitszeit hat nicht nur Auswirkungen auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und die ver­schie­de­nen Formen der Prekarität, son­dern auch auf die Störung der effek­ti­ven Arbeitszeiten und der geschätzten Zeiten der Nichtarbeit, kurz gesagt, sie bringt neue Formen der Herrschaft mit sich.

Wir befin­den uns vor einer von der kom­mu­nis­ti­schen Theorie nicht vorher­ge­se­he­nen Situation: einem Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft, aber inne­rhalb des Lohnsystems und der kapi­ta­lis­ti­schen Gesellschaft, einem Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft auf deren eige­nen Grundlagen. Der Widerspruch äußert sich in der wach­sen­den Diskrepanz zwi­schen poli­ti­scher Sphäre und den gesell­schaft­li­chen Produktionsverhältnis­sen. Ein Widerspruch, der bereits sicht­bar wurde, als z.B. Jospin der Bewegung der Arbeitslosen, die von ihm ein garan­tier­tes Einkommen for­der­ten, ant­wor­tete, daß die Sozialisten keine Maßnahmen ergrei­fen, die zu einer „Versorgungsgesellschaft“ führen würden; und noch offen­sicht­li­cher, als Sarkozy auf Entlassungswellen mit der Aussage rea­gierte, man müsse eben mehr arbei­ten, um mehr zu ver­die­nen. Ein Widerspruch, der sich auch in der Art von präven­ti­vem Krieg äußert, den die Staaten gegen die sicht­ba­ren Auswirkungen der Auflösung gesell­schaft­li­cher Verhältnisse (eine Auflösung ohne Kommunismus) führen und in den Schwierigkeiten, sie unter diesen Bedingungen zu repro­du­zie­ren.

„Zéro trou­ble“, Kriminalisierung der Kämpfe, die ein wenig über die strikte staatsbürger­li­che Loyalität hinaus­ge­hen, mas­sive Eröffnung neuer Gefängnisse, all­ge­meine Erfassung von der Grundschule an, Kontrolle des Internets, Wiederkehr archai­scher Disziplinarmaßnahmen und verstärkte Rückgriffe auf Beschäfti­gun­gen, die nur aus „klei­nen Jobs“ bes­te­hen, sind einige der Maßnahmen, die die aktuel­len oder poten­tiel­len „neuen gefährli­chen Klassen“ im Zaum halten sollen, die nicht mehr zu einer fik­ti­ven „indus­triel­len Reservearmee“ bei­tra­gen können (oder wollen), die inz­wi­schen ohne jegli­chen Nutzen ist, da sie nur aus abso­lut Überzähligen bes­teht.

Doch kommen wir noch einmal auf die Frage der Krise zurück.46 Die herr­schen­den marxis­ti­schen Theorien (sei es die des ten­den­ziel­len Falls der Profitrate oder die einer Krise der Realisation und der Absatzmärkte) haben immer an dem Postulat fest­ge­hal­ten, daß das kapi­ta­lis­ti­sche System sich ent­we­der im Gleichgewicht oder in einer Krise befin­den muß. Der ein­zige Unterschied zur ortho­doxen Wirtschaftstheorie ist die Annahme der Mögli­ch­keit eines tiefen Ungleichgewichts und daher der Mögli­ch­keit einer fina­len Krise. Doch schon Keynes hatte eine Bresche in dieses theo­re­ti­sche Gleichgewichtsmodell ges­chla­gen, und heute ist es unrea­lis­ti­sch, ja gera­dezu hinfällig gewor­den, denn das Kapital ent­wi­ckelt sich zuneh­mend in fik­ti­ver oder vir­tuel­ler Form; es exis­tiert als zir­ku­lie­rende Form. Seine Verallgemeinerung und seine Macht wurde durch die Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht: die Macht der Informatisierung der Banken und Finanzorganisationen, die vir­tuelle Macht der Finanzkombinationen und der Börsen­vor­schau, die Macht des Kalküls und der Modellierung bzw. Simulierung usw. Das erweckt den Eindruck einer Abkoppelung, wenn z.B. die Modelle der Finanzmathematik nicht mehr dazu dienen, unsere Kenntnis der Welt zu ver­tie­fen, son­dern dazu, in der Art einer Versicherung Techniken der Kontrolle und der Voraussage zu erfin­den. Alles wird zu einer Formel und rein prozeßhaft.

Selbst wenn es wie im Herbst 2008 zu einem Crash, einer Panne oder einer Rückent­wi­ck­lung kommt, wird das Verhältnis des Kapitals zur Welt auf der Basis des Globalisierungsprozesses nicht wirk­lich in Frage ges­tellt, weil das totale Kapital die Mögli­ch­keit hat, den auf Ebene 1 erlit­te­nen Einbruch auf die Ebenen 2 und 3 abzuwälzen. Diese Mögli­ch­keit hat ihm der Globalisierungsprozeß ver­schafft.

Da sich das Kapital seinen Widerspruch zur Arbeit ein­ver­leibt hat, gewinnt es seine Dynamik außerhalb dieses Verhältnis­ses, das dessen ungeach­tet wei­te­rexis­tiert, aber als eine Bürde, die mit­ges­chleppt werden muß. Daher rühren die zuneh­mend drängen­den Äußerun­gen von Experten, die dur­chaus nicht alle eine andere Welt wollen, denen zufolge das west­li­che Modell sich nicht auf den gesam­ten Planeten aus­deh­nen läßt, ohne daß alles in die Luft fliegt. Es herr­scht also ein Zögern über den ein­zu­schla­gen­den Weg; eine Unsicherheit zwi­schen einer­seits dem, was tatsächlich möglich erscheint, d.h. einer „vereng­ten Reproduktion“47 im Zentrum des Systems, und ande­rer­seits der Weiterverfolgung einer „erwei­ter­ten Reproduktion“ in den Schwellenländern. Eine solche „verengte Reproduktion“ voll­zieht sich in einer engen Abhängig­keit von der glo­ba­len Dynamik des fik­ti­ven Kapitals.

Das von der pro­duk­ti­ven Arbeit und vom pro­duk­ti­ven Kapital abge­kop­pelte fik­tive Kapital kann nicht mehr mit Hilfe der alten Krisentheorie inter­pre­tiert werden; Krise und Nicht-Krise können jetzt nebe­nei­nan­der exis­tie­ren. So kann sich z.B. das Kapital unabhängig von einer Krise in der Produktion in einer glo­ba­len Krise befin­den (die Krise von 2008/2009), aber es kann auch eine Krise auf der Ebene der Produktion ohne all­ge­meine Krise erle­ben (die Krise von 1973 bis zu Beginn der acht­zi­ger Jahre).

Auf noch all­ge­mei­ne­rer Ebene kann man sagen, daß sich der Kapitalismus in seiner his­to­ri­schen Entwicklung durch eine große Regelmäßigkeit aus­zeich­nete. Auf dieser Einschätzung basie­ren die Theorien der von Krisenperioden unter­bro­che­nen langen Wachstumszyklen (Nikolai D. Kondratieff, François Simiand, Joseph Schumpeter), auf deren Basis Marxisten die aktuelle Krise immer noch betrach­ten (François Chesnais). Allerdings führt die aktuelle, mit dem Prozeß der Vereinigung der Kapitalformen im Kontext der Globalisierung zusam­menhängende Restrukturierung zu kaum vorher­seh­ba­ren Schocks und zur Rückkehr zu einer Analyse kurzer Zyklen.

Diese chao­ti­sche Entwicklung des Kapitals führt einige bei „Temps cri­ti­ques“ zu der Einschätzung, sie als inkom­pa­ti­bel mit dem Konzept der Reproduktion zu betrach­ten und das Konzept eines „tri­butp­flich­ti­gen Kapitals“ („cours tri­bu­taire du capi­tal“) vor­zu­schla­gen, und zwar sowohl im Sinn der Erhebung einer Abgabe durch Abschöpfung von Wert als auch einer Besteuerung („rap­port d’impo­si­tion“), welche die Individuen von dieser Revolution des Kapitals abhängig macht. Sowohl die „Erfordernisse“ der Globalisierung als auch die durch die Informationstechnologien eröffne­ten „Mögli­ch­kei­ten“ könnten eine solche Besteuerung bei­spiel­haft veran­schau­li­chen.48

Die his­to­ri­sche Dialektik des Kapitals hat im Verlauf der Klassenkämpfe aus den ihm imma­nen­ten Widersprüchen heraus keine Alternative her­vor­ge­bracht. Auf der Ebene der his­to­ri­schen Erfahrung haben wir das Scheitern der Revolution durch die Anpassung des Proletariats erlebt, sei es in Form der Diktatur des Proletariats (Rußland), in Form der Macht der Arbeiterräte (Rußland und Deutschland) oder schließlich in Form der Bauern- und Arbeiterkollektive (Spanien). Was die heu­tige Zeit betrifft, so ist es inz­wi­schen unmöglich, eine pro­le­ta­ri­sche Identität zu behaup­ten, die Kämpfe noch in der Terminologie von Klassenkampf zu führen erlau­ben würde.

Während Forderungen der Arbeiter im Klassenkompromiß des vorhe­ri­gen Kampfzyklus noch Ausdruck eines Kampfes waren,49 sind sie heute, in einem Moment, in dem „die Revolution des Kapitals“ eine Integration der Klassen erreicht hat, so daß sie als solche nur noch als sozio­lo­gi­sche Kategorien des Kapitalismus exis­tie­ren, kein adäquates Mittel mehr. Forderungen ver­sch­win­den oder sind im eigent­li­chen Sinne keine mehr, weil der Kampf sich außerhalb des Arbeitsverhältnis­ses abspielt, auch wenn dieses sein Ausgangspunkt bleibt. Der Kampf spielt sich auf der Ebene des Lohnverhältnis­ses ab, d.h. auf der Ebene der Reproduktion des kapi­ta­lis­ti­schen gesell­schaft­li­chen Verhältnis­ses. So kann para­doxer­weise das, was die all­ge­meine Krise dieses gesell­schaft­li­chen Verhältnis­ses aus­macht, nicht mehr direkt von den Lohnabhängigen ange­grif­fen werden. Die Lohnabhängigen haben somit, auch im Rahmen der gewerk­schaft­li­chen Vermittlung, jeden Einfluß auf die Verhandlungen ver­lo­ren, denn diese haben nicht mehr das Ziel, eine interne Lösung der Probleme eines Unternehmens auf der Ebene der Produktion zu finden (bei Schließungen oder Verlagerungen), son­dern viel­mehr eine externe „Lösung“ auf der Ebene der Reproduktion, mit Plänen zur Wiederankurbelung oder Umstrukturierung (den soge­nann­ten Sozialplänen)50 und Entlassungsprämien.

Diese Tendenz bedeu­tet auch eine Neuzusammensetzung der Gewerkschaftslandschaft auf­grund neuer Regeln der Vertretungsmacht. Die Gewerkschaften werden nur noch dann repräsen­ta­tiv sein, wenn sie berufsüber­grei­fend und „groß“ genug sind, um direkt auf der Ebene der Reproduktion des Lohnverhältnis­ses verhan­deln zu können. Das hatte die „Confédération française démocra­ti­que du tra­vail“ (CFDT) schon Ende der sieb­zi­ger Jahre mit ihrer „Neuorientierung“ vor­weg­ge­nom­men, während die „Confédération générale du tra­vail“ (CGT) das erst jetzt lang­sam begreift.

Das beein­flußt zwei­fel­los die Kämpfe, die dazu ten­die­ren, in Verzweiflungstaten zu münden, wie vor eini­gen Jahren bei Celatex. Unter den schlimm­sten Bedingungen ver­su­chen die Arbeiter auch gewalt­sam, den Preis ihrer Arbeitskraft oder ihres Verzichts auf ihren Arbeitsplatz in die Höhe zu trei­ben (vgl. den Konflikt bei Continental und die Praxis der Entführung von Managern in den letz­ten Jahren). Diese Praktiken sind sicher­lich nicht radi­kal in dem Sinne, daß sie einen unmit­tel­ba­ren und direk­ten Umsturz der Herrschaftsverhältnisse nach sich ziehen. Das würde erfor­dern, die radi­ka­len Formen (Illegalität und Gewalt) mit radi­ka­len Inhalten (Kritik der Arbeit und des Lohnverhältnis­ses) zu ver­bin­den, d.h. der Revolte schließlich eine posi­tive Richtung zu geben. Doch sie sind radi­kal in dem, was sie nega­tiv äußern. In der aktuel­len Umstrukturierung sind sie das defen­sive Gegenfeuer der Lohnabhängigen ange­sichts ihrer Marginalisierung. Dem Nihilismus des Kapitalismus stel­len sie nicht mehr die Perspektive eines Sozialismus gegenüber (welche posi­tive Richtung könnten sie darin überhaupt finden?), son­dern das Ende jegli­cher Affirmation einer Arbeiteridentität. Sicherlich blei­ben die inne­ren Widersprüche bes­te­hen, aber ohne einen anta­go­nis­ti­schen Charakter. Wir haben viel­mehr den Eindruck eines uni­la­te­ra­len Krieges des Kapitals gegen die „nor­ma­len“ Bedingungen der Lohnanhängigen, die noch die Norm des „for­dis­ti­schen Klassenkompromisses“ erfüllen. Die heu­ti­gen Kämpfe ver­mi­schen also auf undurch­schau­bare Weise objek­tive - die immer sch­wie­ri­ge­ren Arbeits- und Lebensbedingungen, die Ungleichheit, die sich wegen der Verschlechterung der alten Normen ent­wi­ckelt - und sub­jek­tive Bestimmungen - Festhalten an den Prinzipien des alten Kompromisses (Verteidigung des eige­nen Werkzeugs im Privatsektor, Dienstauftrag im öffent­li­chen Bereich), Widerstand (Verteidigung der „Errungenschaften“) und Revolte (gegen das Unerträgliche).

Im öffent­li­chen Dienst und im Transportsektor ist die Situation etwas anders als im Privatsektor. Diese Bereiche agie­ren wegen ihrer Zweckbestimmtheit direkt auf der Ebene der Gesamtreproduktion des kapi­ta­lis­ti­schen gesell­schaft­li­chen Verhältnis­ses. Forderungen sind hier möglich, werden aber immer als „ille­gi­tim“ betrach­tet, da sie von Beschäftig­ten kommen, die als „Privilegierte“ gelten, von Beamten oder Beschäftig­ten mit geschütztem Status. Dieser ille­gi­time Charakter wird zudem durch die Tatsache verstärkt, daß, da der Kampf sich auf der Ebene der Gesamtreproduktion bewegt, jede tra­di­tio­nelle Aktion, wie z.B. ein Streik, die Gesamtheit der ande­ren Lohnabhängigen betrifft und diese in der öffent­li­chen Meinung in eine Art Geiselhaft nimmt. Die Beschäftig­ten dieses Bereichs ten­die­ren dazu, ihre Aktionen dadurch legi­ti­mie­ren zu wollen, daß sie ein Kriterium vor­brin­gen, das nicht direkt mit Forderungen ver­bun­den ist, nämlich der Verteidigung der öffent­li­chen Dienstleistung. Das erlaubt es zwar, gegen eine bes­chleu­nigte (Transport, Elektrizität, Gas, Post) oder schlei­chende (Schule) Kommerzialisierung zu kämpfen, weist aber den Nachteil auf, sich in der unkri­ti­schen Verteidigung dessen ein­zu­rich­ten, was noch exis­tiert (die repu­bli­ka­ni­sche Schule, die Laizität, der glei­che Zugang zum öffent­li­chen Dienst), als ob diese öffent­li­chen Dienstleistungen ein Ideal des Zusammenlebens dars­tel­len würden.

Wir haben heute Probleme, das aus­fin­dig zu machen, was man früher als Kampfzyklen bezeich­nete (der letzte war der von 1968-1979), obwohl es den­noch ab und an zu Ausbrüchen ohne deut­li­chen Bezug auf Identitäten oder Klassenlinien kommt (Kämpfe von Arbeitslosen, Revolte in den französischen Vorstädten, Unruhen in Griechenland und auf den Antillen) und sich Kämpfe in den Bereichen der Reproduktion eher als in der Produktion abzeich­nen, und zwar wegen Fragen der Solidarität (der Kampf der Sans-Papiers) und der Gleichheit (Netzwerk Bildung ohne Grenzen). Auch des­we­gen halten wir noch an einer Perspektive der Revolution fest, aber einer Revolution „der Menschen“, denn diese unter­schied­li­chen Kämpfe sind eher klas­sen­neu­trale Kämpfe als Kämpfe zwi­schen den Klassen. Für einen neuen Kampfzyklus müßten Brücken zwi­schen den ver­schie­de­nen Bereichen gebaut werden; aller­dings haben die Arbeitslosen von 1998 nicht zu den Beschäftig­ten von 2003 gefun­den, die wie­de­rum nicht zu den Vorstadtjugendlichen von 2005 fanden, die ihrer­seits nicht zu den Schülern fanden, die 2006 gegen das CPE pro­tes­tier­ten. Man kann sogar im Gegenteil davon aus­ge­hen, daß diese Bewegungen aus der Trennung heraus ents­te­hen, und somit gerade ihre Besonderheiten herauss­tel­len.

Nicht nur, daß wir es nicht mit einer neuen „Klassenzusammensetzung“ zu tun haben, wie sie die ita­lie­ni­schen Operaisten im vorhe­ri­gen Kampfzyklus so sehr beschäftigt hat, son­dern wir erle­ben eine Auflösung der Klasse der Lohnabhängigen mit star­ken inne­ren Spannungen: den Haß auf die Beamten bei den Beschäftig­ten des Privatsektors, die Verteidigung des garan­tier­ten Status im öffent­li­chen Bereich, um die Tendenz zur Entwertung der Dienstleistung abzu­wen­den, und im Privatsektor, um die Tendenz zur Prekarisierung abzu­wen­den, die Feindseligkeit der Lohnabhängigen „in Arbeit“ gegen Forderungen nach einem garan­tier­ten Einkommen für die poten­tiel­len Beschäftig­ten, die nicht offi­ziell „in Arbeit“ sind, das Mißtrauen gegen Arbeiter ohne Papiere, die verdächtigt werden, den Beschäftig­ten „die Arbeit weg­zu­neh­men“. Das alles drängt nicht gerade zu einem ein­heit­li­chen Kampf und deshalb erschei­nen die Aufrufe der großen Gewerkschaften nicht ange­mes­sen, denn sie ver­su­chen, eine Einheit als Fassade zu schaf­fen, die nicht einmal mehr auf gemein­sa­men Kämpfen beruht.

Im Gegensatz zu dem, was wir in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jahren dach­ten, hat sich die Ausweitung der Lohnabhängig­keit nicht in eine Ausweitung der Proletarisierung über­setzt, son­dern in sch­wan­kende innere Differenzierungen unter den Lohnabhängigen, die vom sozio­lo­gi­schen Gedanken der Stärkung der Mittelschicht nicht mehr voll repräsen­tiert werden können, wie das aktuell die hohe Anzahl der Studien über die wach­sende Ungleichheit zeigt. Und selbst die Phänomene der Verarmung in den herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen Ländern ver­lau­fen nicht mehr auto­ma­ti­sch über diese Proletarisierung oder wenn, dann unter der erneuer­ten Form einer „Lumpenproletarisierung“.

Die Segmentierung des Arbeitsmarkts einer­seits und die Entwicklung inne­rer Ungleichheiten unter den Lohnabhängigen ande­rer­seits erzeugt ten­den­ziell eine Differenzierung nach Ebenen, von der wir schon ges­pro­chen haben. Die mit­tle­ren und oberen Führung­skräfte des Privatsektors sind direkt Agenten von Ebene 1, während Freiberufler und viele Berufe im künst­le­ri­schen, kul­tu­rel­len oder sport­li­chen Bereich sich über ihre Beteiligung und Zugehörig­keit zu einer glo­ba­li­sier­ten Neo-Modernität indi­rekt dieser Ebene ver­bun­den fühlen. Die staat­li­chen Beschäftig­ten und die qua­li­fi­zier­ten Beschäftig­ten mit garan­tier­tem Status im Privatsektor sind auf der Ebene 2 präsent, ent­we­der als Agenten der inne­ren Reproduktion der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse im ersten Fall, oder als „pro­duk­tive“ Arbeiter in den tra­di­tio­nel­len Industriebereichen im zwei­ten Fall. Schließlich findet man auf Ebene 3 viele Beschäftigte mit gerin­ger Qualifizierung auf dem Bau, bei öffent­li­chen Arbeiten, im Industriereinigungsgewerbe, in sehr klei­nen Betrieben, Angestellte in Dienstleistungsbereichen, Jugendliche, Frauen, Einwanderer, die alle in dur­chaus unter­schied­li­chem Maße einem prekäreren Status unter­lie­gen.

Auflösung institutioneller Vermittlungen in der kapitalisierten Gesellschaft

Der Kapitalismus hat also nicht zu einer tota­len Herrschaft geführt, was eine seiner Mögli­ch­kei­ten gewe­sen wäre. Natürlich gibt es die Einverleibung aller men­schli­chen Aktivitäten in den Prozeß der Kapitalisierung und die Tendenz des Kapitals, zum Milieu, zu einer Kultur, kurz, zu einer Gesellschaft zu werden, aber auch das, was in der Zeitschrift „Invariance“ als Verwirklichung einer „mate­riel­len Gemeinschaft des Kapitals“ defi­niert wurde, hat sich nicht durch­set­zen können. Diese sollte ins­be­son­dere in der Auflösung der ins­ti­tu­tio­nel­len Vermittlungen des Nationalstaats, Vermittlungen, die von tech­ni­schen und zwi­schen­men­schli­chen Netzwerken umge­ben sind, die sich der heu­ti­gen Menschheit als „natürliche“ Welt dars­tel­len, zum Ausdruck kommen. Doch es exis­tie­ren wei­te­rhin ver­mit­telte gesell­schaft­li­che Verhältnisse (Schule, Lohnabhängig­keit, Wohnung, Umwelt, Gesundheit usw.), die sich mit den Kräften der Unmittelbarkeit und der Virtualisierung reiben, indem sie die Individuen direkt mit diesen Ergebnissen der Globalisierung in Zusammenhang brin­gen.

Die Gesellschaft als Form hat sich also nicht gänzlich aufgelöst, auch wenn im Prozeß der Totalisierung des Kapitals die unmit­tel­bare Form des Netzwerks vorherr­scht, die den Traum der Ultraliberalen zu ver­wirk­li­chen scheint, jede Gesellschaft zu besei­ti­gen, die sich nicht unmit­tel­bar auf die Summe dieser freien Individuen redu­zie­ren läßt. Doch die Spannung zwi­schen Individuum und Gemeinschaft, die noch in den Diskussionen und Kämpfen um die Frage des Zusammenlebens und der Solidarität über­lebt, hat uns dazu gebracht, eher die Formel „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft“ zu benut­zen, um die gegenwärtige Situation zu bes­chrei­ben.

In diesem Prozeß der Totalisierung des Kapitals gera­ten beide vorhe­ri­gen Phasen der Vermittlung in die Krise, sowohl die der Arbeit als auch die des Wohlfahrtsstaates.

Zunächst, wie wir schon gese­hen haben, die der Arbeit. Es wird immer deut­li­cher, daß es „zuviel“ Arbeit gibt, denn das Kapital ten­diert dazu, sich seine eige­nen Voraussetzungen jen­seits seiner Abhängig­keit von der leben­di­gen Arbeit auf der Basis der Herrschaft der toten Arbeit zu schaf­fen. Die Arbeit ist also nicht mehr Träger eines posi­ti­ven Sinns (als Beruf) im Rahmen einer Gemeinschaft der Arbeit und unabhängig von ihrem durch die kapi­ta­lis­ti­sche Aneignung ent­frem­de­ten Charakter. Die Arbeit ist nur noch eine vom Kapital zuges­chrie­bene Funktion und ihr Sinn redu­ziert sich auf die Tatsache, daß sie die Bedingung für ein Einkommen ist. Diese Reduzierung ist nur deshalb möglich, weil die alte Gemeinschaft der Arbeit durch die Individualisierung der gesell­schaft­li­chen Produktionsverhältnisse quasi auf Nichts redu­ziert wurde.51 Doch wir spre­chen nicht von einem „Ende der Arbeit“, denn tatsächlich werden heute immer mehr Beschäfti­gun­gen ges­chaf­fen, doch diese werden (außer viel­leicht in der angelsächsi­schen Welt) nicht als „wirk­li­che Arbeit“ betrach­tet, son­dern als „kleine Jobs“. Die Arbeitskraft wird für die Verwertung zuneh­mend unwich­tig, spielt aber wei­te­rhin eine Rolle im Prozeß der Disziplinierung. Der französische Staat will z.B. den Wert der Arbeit zu neuen Ehren brin­gen, während das Kapital gerade heute „die ver­lo­rene Ehre der Arbeit“ pro­du­ziert.52

Es scheint, daß im Hinblick auf die Interpretation der „Arbeit als reiner Disziplin“ ein Mißverständnis geklärt werden muß. Die Lohnarbeit war schon immer eine Tätig­keit auf Befehl, auch wenn die Einrichtung der Lohnarbeit die Existenz „freier“ Arbeiter voraus­setzte. Die Abschaffung der Armengesetze (die Marx als posi­tiv beur­teilte) und andere Maßnahmen wie die „Einhegungen“ haben einen Arbeitszwang für jene Proletarier ges­chaf­fen, die man als „Proletarier ohne Reserven“ bezeich­nete (die Beihilfe für Arme oder das Recht auf freies Weiden auf dem „Gemeindeland“ bil­de­ten Reserven, die es ermöglich­ten, nicht unter die Lohnarbeiter zu fallen). Der dama­lige Hinweis auf „eine indus­trielle Reservearmee“ (Marx) bezeich­net genau, was dies bedeu­tete.

Ebenso war schon lange bevor Foucault seine ents­pre­chende Theorie ent­wi­ckelte bekannt, daß die Manufaktur eine „Einschließung“ bedeu­tete. Taylors wis­sen­schaft­li­che Arbeitsorganisation und das for­dis­ti­sche Fließband haben die Arbeitskraft streng dis­zi­pli­niert. Das wurde auch dadurch bewie­sen, daß Trotzki53 und Lenin54 eine „Militarisierung“ der sow­je­ti­schen Arbeitskraft nach dem glei­chen Modell plan­ten.

Dieser Zwang zur Arbeit exis­tiert immer noch, wie übri­gens auch zahl­rei­che andere Aspekte der wis­sen­schaft­li­chen Arbeitsorganisation. Arbeitszwang und Disziplin erle­ben immer wieder Phasen der Lockerung (Verschwinden der Vorarbeiter und der Hierarchieebenen durch die Einführung nume­ri­scher Technologien in den Fabriken, und, auf einer ande­ren Ebene, Einführung des „Revenu mini­mum d’inser­tion“ [RMI, Mindesteinkommen zur gesell­schaft­li­chen Eingliederung]) und der Verdichtung (Anstieg der Hierarchieebenen in den Dienstleistungen, auch der öffent­li­chen, Absenkung des Arbeitslosengeldes und seiner Bezugsdauer, Weigerung, ein System des garan­tier­ten Einkommens ein­zu­rich­ten, Versuch, durch neue Professionalisierungen55 jede Tätig­keit in Arbeit zu ver­wan­deln, Ände­rung der Rolle der „Agence natio­nale pour l’emploi“ [ANPE, Arbeitsamt], Einführung des „Projet d’aide au retour à l’emploi“ [PARE, Hilfe zur Rückkehr in die Beschäfti­gung]).56 Doch dies meinen wir nicht, wenn wir von „Disziplin“ spre­chen. Wir tun dies im Kontext des „Substanzverlusts („ines­sen­tia­li­sa­tion“) der Arbeitskraft“, wenn die Arbeit zur reinen Beschäfti­gung wird und dazu ten­diert, nur noch eine Funktion im Rahmen eines Systems der Zuteilung von Einkommen zu sein. Dieses System der Einkommenszuteilung bes­teht immer weni­ger aus direk­tem Einkommen (den Löhnen), denn es wird zuneh­mend ver­ge­sell­schaf­tet (Transfer- oder Sozialeinkommen). Wir denken übri­gens nicht, daß es eine Tendenz zur Umkehr dieser Bewegung gibt. Trotz aller Erklärungen der Neoliberalen und den Kassandrarufen der extre­men Linken sind die USA gerade dabei, ein Sozialversicherungssystem einzuführen, und China zögert diesen Moment nur noch etwas hinaus. Die Schaffung der „Couverture de mala­die uni­ver­selle“ (CMU, Krankenversicherung für Bedürftige) in Frankreich ist keine Ausnahme davon.57 Der Unterschied zur vorher­ge­hen­den Periode liegt darin, daß die Vergesellschaftung der Einkommen nicht mehr nur auf der Grundlage der Arbeitseinkommen ges­chieht.

Aber was vers­te­hen wir unter „Substanzverlust der Arbeitskraft“?

Erstens ver­liert die Arbeit ihre eigent­li­che Bedeutung. Indem im Bewußtsein des moder­nen Individuums, das wir „das demo­kra­ti­sche Individuum“ nennen, die Arbeit nur an die abs­trakte Kompensation durch das Geld gebun­den ist, zerstören die neuen Herrschaftsformen vollständig die alten Bezüge, z.B. die­je­ni­gen, die für die Arbeiter Werte dars­tell­ten, der Fortschritt, die Beziehungen zwi­schen pro­duk­ti­ver Arbeit und Verände­rung der Welt oder die Solidarität. Das Gesetz über die 35-Stundenwoche, das durch die Ausweitung von (und die Nachfrage nach) Übers­tun­den unter­lau­fen wurde, das „mehr arbei­ten, um mehr zu ver­die­nen“ von Sarkozy sind Äußerun­gen dieser Auflösung der Arbeitskollektive zuguns­ten zuneh­mend indi­vi­dua­li­sier­ter Wege. Der Lohnarbeiter drängt sich immer mehr auf, Tätig­kei­ten frei­willig zu ver­rich­ten, um einer „Arbeit“ neuen Sinn zu ver­lei­hen, die jeden eigent­li­chen Wert ver­lo­ren hat,58 aber zum Über­le­ben not­wen­dig bleibt.

Zweitens erlei­det auch der Arbeiter einen Substanzverlust. Das haben wir gese­hen in unse­rer Analyse der Tendenz zur Verwertung außerhalb der leben­di­gen Arbeit,59 und die Tatsache, daß es immer noch Lohnabhängige gibt, die etwas hers­tel­len, entkräftet das nicht; man sieht das auch in der Tendenz zur Ersetzung der Beziehung zwi­schen Kapital und Arbeit in der Produktion (mit der Vorherrschaft der „toten Arbeit“) sowie in der Zirkulation (mit der Einrichtung der Informatik) und schließlich auch in der Verwandlung des Arbeiters zu einer „men­schli­chen Ressource“, die man nach dem Modell der Naturressourcen ausplündern kann.

Übri­gens ist es die Figur des Arbeiters an sich, die nicht mehr repräsen­ta­tiv ist, weil sich nie­mand mehr darin wie­de­rer­kennt. Er erscheint als jemand, der den ande­ren scha­det, ent­we­der weil er „immer streikt“ (das gilt für die Lohnabhängigen im öffent­li­chen Dienst), weil er die Umwelt ver­sch­mutzt (die Arbeiter der Chemiefabriken) oder weil er den Verkehr blo­ckiert (der LKW-Fahrer, der es wagt, auf der Autobahn zu wenden und der zuneh­mend Touristen als Geiseln nimmt, wenn er unzu­frie­den ist).

Die Arbeitsgesellschaft, deren Modell die bürger­li­che Gesellschaft aus der Zeit der beiden indus­triel­len Revolutionen bleibt, ist an ihr Ende gekom­men, und es gibt keinen Grund, das zu bedauern. Doch die Gesellschaft des Kapitals ist mit der Arbeit nicht am Ende, denn dort, wo sie die pro­duk­tive leben­dige Arbeit zerstört (sie wird „nutz­los“, daher kommt es sogar in Zeiten hoher Profite zur Schrumpfung), muß sie sie als „nützlich“ gewor­dene Beschäfti­gung neu schaf­fen (der Bergarbeiter wird durch den Wachmann ersetzt). Natürlich erfor­dert das eine pers­pek­ti­vi­sche Umorientierung. Es sind die Einzelunternehmer, die ent­las­sen, während der Staat und die Repräsen­tan­ten der Unternehmer über even­tuelle Neueinstellungen ent­schei­den. So bes­chließt der Staat z.B. Steuererleichterungen, damit die Unternehmen junge Leute, Langzeitarbeitslose oder „Senioren“ eins­tel­len. Der Staat ent­schei­det auch über den Umfang des Stellenabbaus; ein ame­ri­ka­ni­sches Planspiel von Ende der neun­zi­ger Jahre schätzte den Anteil der Lohnabhängigen großer Betriebe, die Gefahr liefen, ohne eine Verände­rung der Produktivität ent­las­sen zu werden, auf 50%. In Frankreich ent­schei­det die öffent­li­che Hand in Verbindung mit der Leitung der Supermärkte darüber, ob und in wel­chem Maße auto­ma­ti­sche Kassen auf­ges­tellt werden. Unter diesen Bedingungen ist nicht mehr die Arbeit das Wesentliche, das, was der Arbeiter inne­rhalb der „Ökono­mie“ macht, son­dern ein gesell­schaft­li­ches und poli­ti­sches Herrschaftsverhältnis, das Angst vor einer neuen „sozia­len Frage“ zeigt. Wir sind in einer Periode, die sich sehr von der der „gefährli­chen Klassen“ unter­schei­det, die man wohl oder übel in den Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozeß inte­grie­ren mußte, weil man sie brauchte; die heu­tige Periode kommt ihr aber inso­fern nahe, als sie die von den Umstrukturierungen „Ausgeschlossenen“ deut­lich her­vor­tre­ten läßt, die­je­ni­gen also, die man nicht in den Prozeß zu inte­grie­ren braucht, von dem sie, wie wir gese­hen haben, aus­ges­chlos­sen sind, die man aber auf die eine oder andere Weise in die kapi­ta­li­sierte Gesellschaft ein­bin­den muß. Daraus resul­tiert die ganze sozio­lo­gi­sche Problematik einer Erneuerung der „Einbindung in die Gesellschaft“. Deshalb werden heute die präven­ti­ven Kontrollmechanismen gegenüber den Jugendlichen so wich­tig genom­men (Schüler­da­teien, neue Gesetze für Minderjährige usw.) und daraus resul­tiert die Tendenz zu einer Kriminalisierung der Kämpfe.

Parallel dazu beto­nen die Zentren der Macht, als ideo­lo­gi­sche Begleitmusik, einen Wert der Arbeit, als müßte man den Verlust der Zentralität der Arbeit kom­pen­sie­ren. Das geht, beson­ders in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, einher mit einer Förde­rung der „freien Arbeit“ durch die Mögli­ch­keit, sein eige­nes klei­nes Unternehmen zu gründen, und tatsächlich stie­gen die Unternehmensgründun­gen stark an und kaschier­ten vorüber­ge­hend die Krise der Lohnabhängig­keit. Heute dient der ganze Diskurs, der vor­gibt die Arbeit wieder ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken, in erster Linie dazu, den Bevölke­rung­steil ohne Beschäfti­gung zu kon­trol­lie­ren, und zwei­tens den­je­ni­gen wieder Mut zu machen, die tatsächlich noch an die alten Werte der Arbeit glau­ben und sich zugleich über die Aktivitäten der großen Räuber und ande­rer Händler („tra­ders“) sowie über Hilfsmaßnahmen für „Arme“ empören. Während der tra­di­tio­nelle Facharbeiter ver­suchte, durch die Betonung seiner „Professionalität“ gegen die Vorhaben des Kapitals zu kämpfen, bleibt dem moder­nen Arbeiter nur noch die Mögli­ch­keit einer Pensionierung und eines Rückzugs ins Privatleben.

Neben der Vermittlung der Arbeit gerät die Vermittlung des Wohlfahrtstaats mit seiner „sozia­len Demokratie“ in eine Krise. Der Staat kon­zen­triert sich wieder auf seine hoheit­li­chen Funktionen, ohne deshalb in die ursprüngli­che Form des Polizeistaats zurückzu­fal­len. Er ver­sucht, diese Funktionen zu ver­ge­sell­schaf­ten, indem er sein Schutznetz (Kontrollnetz) bis ins alltägliche Verhalten der Individuen hinein aus­dehnt.60 Er ent­wi­ckelt eine Art demo­kra­ti­scher Vergesellschaftung, die in der Form eines Staates als Netzwerk mit einer Vielzahl an mit­wir­ken­den Vereinigungen vons­tat­ten geht. Wenn er schon in seiner Form als Wohlfahrtsstaat nicht dem ents­prach, was der Marxismus als „Überbau“ der gesell­schaft­li­chen Produktionsverhältnisse bezeich­net, so stellt sich beim Staat als Netzwerk gar nicht mehr die Frage von ver­schie­de­nen Ebenen und einer reinen Unterscheidung zwi­schen „Unterbau“ und „Überbau“. Er repräsen­tiert im Rahmen der Strukturierung der Gesamtheit die Wirbelsäule, und seine Funktion bes­teht darin, im Kontext der Aktivitäten der Netzwerke die Machtverhältnisse sowie die effek­ti­ven Kompromisse zwi­schen den reel­len, aber dif­fe­ren­zier­ten Mächten zu orga­ni­sie­ren. Er faßt das Ganze als Repräsen­ta­tion der gesell­schaft­li­chen Macht zusam­men.

Wir erle­ben eine Symbiose zwi­schen Staat und Kapital. Die Pläne zur Wiederankurbelung der Ökono­mie, um aus der Krise heraus­zu­kom­men, stel­len keine Versuche der mora­li­schen Aufwertung des Kapitals dar, selbst wenn es wie in Großbri­tan­nien über die Nationalisierung von Banken läuft. In Frankreich und in Deutschland z.B. ist die Verbindung zwi­schen Staat und ins­ti­tu­tio­nel­len Investoren so eng, daß eine Unterscheidung zwi­schen der Aktion der öffent­li­chen Gewalt und der von pri­va­ten Akteuren ihren Sinn ver­liert. Und da all diese Akteure das Ziel haben, auf glo­ba­li­sier­ter Ebene zu inter­ve­nie­ren, gibt es keine Mögli­ch­keit mehr, einen natio­nal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Weg61 aus der Krise zu beschwören. Wir sind aber nicht mehr in den dreißiger Jahren und die Rückkehr zur „Realökono­mie“ wird heute nicht von den Faschisten bes­ch­wo­ren, son­dern von den Sozialdemokraten, die eine key­ne­sia­ni­sche Ankurbelung der Wirtschaft über die Nachfrage auf welt­wei­ter oder wenig­stens europäischer Ebene for­dern. Es ist nicht mehr möglich, den vom Kapitalismus aus gedach­ten Staaten einen vom Staat aus gedach­ten Kapitalismus ent­ge­gen­zus­tel­len. Dies beruhte immer auf dem Gedanken der Instrumentalisierung einer Macht durch eine andere, was schon in der vorhe­ri­gen Phase strit­tig war. Man kann auch nicht mehr Politik und Ökono­mie gege­nei­nan­der stel­len wie zur Zeit des Nationalstaats, als Regierungen poli­ti­sche Entscheidung gegen die Tendenz der all­ge­mei­nen Entwicklung tref­fen konn­ten (z.B. die Nationalisierungen von 1981/82 in Frankreich mitten in der welt­wei­ten neo­li­be­ra­len Umstrukturierung).

Die Symbiose zwi­schen Staat und Kapital auf der Ebene 1 sym­bo­li­siert den heu­ti­gen Kapitalismus. Sie zeigt, daß der Kapitalismus weder ein System noch eine in den Dingen exis­tie­rende Substanz ist, son­dern der Rahmen und die Ausdrucksform eines Machtphänomens. Die Tatsache, daß diese Macht in der Form des Staates erscheint, als gesell­schaft­li­che und nicht nur als poli­ti­sche oder repres­sive Macht, stellt heute jede kon­se­quente Staatskritik vor ein Problem. Ein Problem, dem sich leider weder die Anarchisten62 noch die „Kommunisierer“ („com­mu­ni­sa­teurs“)63 stel­len.

Im Verlauf dieser Entwicklung werden Unternehmen (nicht mehr die Fabrik64) und Staat in seiner Form als Netzwerk die gesell­schaft­li­chen Verhältnisse dur­ch­drin­gen. Dazu bedurfte es einer Krise der großen Institutionen. In Italien ist das zum einen im Hinblick auf den christ­lich-demo­kra­ti­schen Staat, seine Geheimdienste, seine Polizei und seine Justiz, und zum ande­ren im Hinblick auf das Modell FIAT beson­ders deut­lich gewor­den. In beiden Fällen waren die Arbeiter- und Studentenkämpfe zwar nicht umsonst, aber ihre Niederlage hatte eine neue Form der Umstrukturierung zur Folge, verstärkt durch die Verbreitung neuer Informationstechnologien. Benetton ist ein gutes Beispiel dieser Neuentwicklung in Italien, deren Dynamik von Antonio Negri mit dem zwei­fel­haf­ten Begriff „poli­ti­sches Unternehmertum“ theo­re­ti­sch erfaßt wurde.

Diese Umstrukturierung ist also nicht strikt reak­tionär analog der von Marx vor­ge­nom­me­nen Periodisierung in Zyklen der Kämpfe und Revolutionen, denen Zyklen der Konterrevolution folg­ten, die zugleich als Rückschritte erschie­nen; die his­to­ri­sche Periode von 1830 bis 1870 ist tatsächlich von sol­chen Alternativen geprägt.65 Doch das ist schon im letz­ten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr der Fall, als die Kämpfe um die Dauer des Arbeitstages als Grundlage einer­seits der Entwicklung des fixen Kapitals und der Arbeitsproduktivität, ande­rer­seits der Verbesserung der Lage der Arbeiter und ihrer zuneh­men­den Integration in die Gesellschaft dien­ten. Diese Dialektik der kämpfen­den Klassen endete mit dem letz­ten pro­le­ta­ri­schen Ansturm und der Revolte der Jugend zwi­schen 1965 und 1978. Sie endete mit einer Niederlage der revo­lu­tionären Perspektive, aber ihr folgte kein Zyklus der Konterrevolution, denn es gab auch keine Revolution. Wir erle­ben einen Bruch in der his­to­ri­schen Kontinuität der pro­le­ta­ri­schen Kämpfe, eine Phase der Integration des Klassenantagonismus und das Paradox der zeit­glei­chen explo­si­ven Entwicklung dessen, was die Medien die libe­ral-libertäre Revolution nennen, und eines ideo­lo­gi­schen Neokonservativismus, und das alles inne­rhalb von knapp zwan­zig Jahren.

Silvio Berlusconi ist die repräsen­ta­tive und emble­ma­ti­sche Figur dieser Fusion zweier Entwicklungen: der Verwandlung des Staates als Institution in einen Staat als Netzwerk und der Verwandlung ehe­ma­li­ger Arbeiterhochburgen in Netzwerke der Produktion (Prato) und der Telekommunikation (Mediaset). Staat und Unternehmen ten­die­ren dazu, den gesam­ten Raum der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse und auch der ganzen Sprache zu beset­zen, doch wir haben es hier nicht mit einer ein­deu­ti­gen Bewegung zu tun, die einen neuen Leviathan oder ein Orwellsches „1984“ errich­tet. Das bevor­zugte Vehikel dieser Entwicklungen, die den Kraftakt einer Totalisierung auf der Basis von Netzwerken voll­bracht haben, waren die neuen Informationstechnologien.66

Im Kontext der Krise der Institutionen ist die Gewaltenteilung, wie sie zum Beispiel Montesquieu ver­trat, kein Kennzeichen mehr für das, was wir „die kapi­ta­li­sier­ten Gesellschaften“ nennen. Der Anknüpfung­spunkt zu dem, was wir oben ent­wi­ckelt haben, ist die Tatsache, daß Einzelgesetze dazu ten­die­ren, Grundgesetze zu erset­zen. Alle Grenzen zwi­schen Normen und Geschmäckern (Konfusion zwi­schen Rechten der Homosexuellen und juris­ti­scher Achtung sexuel­ler Präferenz), zwi­schen Legalität und Illegalität (hat man nun das Recht, unter seinem Dach auf­zu­neh­men, wen man will, oder nicht?) oder zwi­schen Demokratie und tota­litärem System (Anti-Terrorgesetze, Guantanamo) werden zuneh­mend fließend. Nicht von ungefähr fühlen sich heute manche in Bezug auf die Regierung Sarkozy an das Regime von Vichy erin­nert (Alain Badiou), aber nicht, weil manche Fakten oder manche Gesetze uns daran denken lassen könnten, daß es sich um den glei­chen Typ von Figuren han­delt. Aus Sarkozy oder Berlusconi Figuren einer Art Neofaschismus zu machen, ver­na­chlässigt die Tatsache, daß sie auch große Figuren des Liberalismus und Herolde des freien Marktes sind; und daß für sie der größte Feind nicht der Proletarier ist, son­dern der Beamte, sagt sehr viel aus über die Transformation des Staates, der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse und des poli­ti­schen Personals.

Die Organisationsfunktion der Bürokra­tie im Sinne Max Webers ist heute auf die Weitergabe und die gewis­sen­hafte Anwendung von Anordnungen redu­ziert. Dieses Phänomen berührt den klei­nen Beamten, der zum Beispiel eifrig dabei ist, Jagd auf ille­gale Einwanderer zu machen und so glaubt, den zukünfti­gen Personaleinsparungen ent­ge­hen zu können, die eine even­tuelle Privatisierung zu Lasten des Beamten-“Korps“ bewir­ken könnte, diesem „überflüssigen Fett“, wie Bildungsminister Claude Allègre im Mai 2000 sagte. Doch dieses Phänomen der Beseitigung der Bürokra­tien berührt ebenso die hohen Beamten, deren Autonomie und Initiative zuneh­mend ein­ges­chränkt werden (jüngst das Austauschkarussell der Präfekte, Rektoren, Akademieinspektoren, Richter und Staatsanwälte). Es ist diese Haltung des „Zu Befehl“, die den Institutionen jede Dichte nimmt und ihre Legitimation in den Augen vieler schmälert. Auf dieser Grundlage wird es von dem Moment an ein­fach, die Anzahl der Beamten zu redu­zie­ren, an dem das staat­li­che Handeln nicht mehr im Rahmen der öffent­li­chen Gewalt, son­dern im Rahmen von Management und Rentabilität gemes­sen wird. Diese Ideologie stützt sich auf den gesun­den Menschenverstand, der davon aus­geht, daß der Beamte nicht genug oder nicht wirk­lich arbei­tet (das ist in den freien Berufen die vorherr­schende Position) oder daß er unpro­duk­tiv ist und auf Kosten der Produktiven lebt (das war die Position der tra­di­tio­nel­len Arbeiterbewegung). Der Gipfel ist erreicht, wenn dieser weit ver­brei­tete gesunde Menschenverstand nicht zur extre­men Rechten ten­diert, son­dern zur Linken und mehr Staat und also mehr Beamte for­dert. Das „Private“ wird dann als „Übel“ betrach­tet und mit dem Eigentum und dem Privatinteresse gleich­ge­setzt. Die „common decency“ von Jean-Claude Michéa ist von der Realität der popu­lis­ti­schen Reaktionen tatsächlich über­rollt worden.67 Man hat ver­ges­sen, daß es in bes­timm­ten Momenten der Geschichte (auch heute noch) möglich war, im Rahmen einer revo­lu­tionären Perspektive kol­lek­tive Dienstleistungen zu schaf­fen (gegen­sei­tige Hilfe, Kooperativen).

Die jüngsten Transformationen der Justiz als Institution gehen eben­falls in diese Richtung. Im Prinzip kann in einer Demokratie die Unabhängig­keit der Justiz nur von der per­ma­nen­ten, unaufhörli­chen Aktion der öffent­li­chen Gewalt garan­tiert werden, die den Richtern die Mittel in die Hand gibt, ihre Autorität unabhängig von allen finan­ziel­len, poli­ti­schen, religiösen und ande­ren Pressionen auszuüben; auch unabhängig von Pressionen, die der Staat auszuüben selbst ver­sucht sein könnte, inso­fern er sich in einer poli­ti­schen Macht verkörpert, die in dieser Hinsicht spe­zi­fi­sche Interessen hat. Das ist es schließlich, was die Gewaltenteilung in der Demokratie begründet. Allerdings erle­ben wir heute das Verschwinden der Vermittlungsinstanzen des Staates.68 Die Art und Weise, wie Berlusconi und Sarkozy die Richter behan­deln, ist symp­to­ma­ti­sch für die Tendenz, die Justiz als Institution direkt in die Exekutivmacht zu inte­grie­ren.69

Das alles ges­chieht nicht ohne Schwierigkeiten und nicht an einem Tag. Es ist das Ergebnis eines langen Prozesses, der angestoßen wurde, als Mitglieder der Exekutivmacht nach ver­schie­de­nen Strategien such­ten, um sich bei Affären der Autorität der Justiz zu ent­zie­hen, in die sie selbst direkt oder indi­rekt ver­wi­ckelt waren. Die Richter ver­such­ten manch­mal Widerstand zu leis­ten oder eine andere Auffassung vom Staat zu ver­tei­di­gen, wie in Italien während des Kampfes des ita­lie­ni­schen Staates gegen die bewaff­ne­ten Bewegungen der sieb­zi­ger Jahre und später im Kontext der Operation „mani pulite“.70 Doch das Streben der Staatsanwälte nach Unabhängig­keit verlor in dem Moment seine Popularität und seine demo­kra­ti­sche Legitimität, als sie sich selbst auf die­selbe Rechtsverweigerung (Kronzeugengesetz, Individualisierung und Verhandlung der Strafen) stützten, die den von ihnen ver­folg­ten Personen vor­ge­wor­fen wurde, und als sie sich in die poli­ti­sche Sphäre der Wahlen bega­ben (Di Pietro in Italien, Jeanpierre und Joly in Frankreich).

Die Gewerkschaften werden direkt ange­grif­fen71 oder in eini­gen Fällen dele­gi­ti­miert. Die Institutionen werden abge­baut, wie bei der Justiz, die das Recht zuguns­ten von Einzelrechten und ver­tra­gli­chen Festlegungen inne­rhalb der Gesellschaft auf­gibt. Räume kri­ti­scher Vergesellschaftung (wie zum Beispiel die Schule) exis­tie­ren nur noch in Rahmen der Krise der Institution.72 Das Wirken von Mediatoren ersetzt die Institution, und das Individuum sieht sich der Macht des Staates73 oder der Unternehmen allein gegenüber.

All diese Verände­run­gen können in dem Gedanken des Über­gangs von Nationalstaat zum Staat als Netzwerk zusam­men­gefaßt werden. In der ersten Form wird die Macht im Wesentlichen von natio­na­lem Territorium aus und auf der Basis einer ents­pre­chen­den Ideologie, dem Patriotismus, ausgeübt und auf Grundlage des Gedankens der natio­na­len Einheit orga­ni­siert. Das schließt nicht aus, daß der Staat diese Macht nach außen ausübte (Kolonialismus, Exporte, Entwicklung mul­ti­na­tio­na­ler Unternehmen), aber die Perspektive blieb natio­nal, also auf Ebene 2 unse­rer Klassifikation ange­sie­delt. In der zwei­ten Form wird die Macht aus­ge­hend von Ebene 1 ausgeübt, in Verbindung mit den großen natio­na­len Akteuren, aber auch in Verbindung mit Ebene 2. Im Finanzbereich z.B. erlaubt diese Netzwerk-Struktur dem Staat, wei­te­rhin seine Eingriffe als „Kapitalist in letz­ter Instanz“ zu tätigen, und das sowohl auf Ebene 1, so daß er sich in dieser Funktion inne­rhalb des Landes (Plan zur Refinanzierung der Banken) und auch in Bezug auf die Nachbarländer (vgl. die ganze aktuelle Unruhe in den Entscheidungsorganen der EU) res­truk­tu­rie­ren kann, als auch auf der Ebene 2, um wieder Geldhähne auf­zu­dre­hen, die die Subventionierung des natio­na­len Industrienetzes erlau­ben.

Das was der Nationalstaat mit dem Ende der Unabhängig­keit der großen Zentralbanken ver­lo­ren hat, eignet er sich als Staat der Netzwerke ver­mit­tels der Eingriffe der Geschäfts­ban­ken wieder an, die er trotz ihrer offi­ziel­len Zugehörig­keit zum Privatsektor wei­te­rhin kon­trol­liert. Eine der Charakteristiken dieser neuen Vernetzung auf den Ebenen 1 und 2 ist genau die, daß der Gegensatz zwi­schen öffent­lich und privat überholt ist. Was öffent­lich ist, kann auch privat werden (Gesundheitswesen, Bildung, France Télécom und Élec­tri­cité de France [EDF]) und was privat ist, kann öffent­lich werden, wie es die Renationalisierungen74 in Großbri­tan­nien und die Fast-Nationalisierung man­cher Banken in den USA zeigen. Man findet diese Vermischungen auch in der Verbindung zur Ebene 3, wobei gerade die Nichtregierungsorganisationen eine Rolle als Vermittler in der Erneuerung der alten, aus der Dekolonisierung her­vor­ge­gan­ge­nen Netzwerke gespielt haben (vgl. die „Françafri­que“).

Dennoch spielt sich dieser Totalisierungsprozeß in der Folge einer Revolution des Kapitals ab, bei dem dieses sich von der alten Arbeitsgesellschaft unabhängig gemacht hat. Es scheint sich nicht um die Reproduktion des Ganzen zu kümmern, dessen, was man gemein­hin „das kapi­ta­lis­ti­sche System“ nannte. Die Verwertung durchläuft den gesam­ten Prozeß (Einheit von Produktion und Zirkulation) ohne wei­te­ren Bezug darauf, ob er pro­duk­tiv oder unpro­duk­tiv ist, und die Arbeitskraft wird selbst zum Hindernis der Verwertung; es gibt schon lange Roboter an den Fließbändern, es gibt auto­ma­ti­sche Schalter und wir werden eine Post ohne Postbeamte und Kassen ohne Kassierer bekom­men. Der „soziale Bezug“ der Ausbeutung löst sich auf, und es ist kein Zufall, daß Sicherheitsfragen wieder an Bedeutung gewin­nen, während es weder einen erklärten äußeren noch inne­ren Feind gibt.75

Man könnte sogar sagen, daß die „Leiden“ des fik­ti­ven Kapitals eine per­fekte Illustration der Herrschaftsverhältnisse und der Machtspiele sind. Sie ges­che­hen in einem Kontext, in dem alle Klassenstrategien, die an einer Weltsicht fes­thal­ten, der zufolge eine gewisse Kontrolle des Ganzen sicher­ges­tellt sein soll, überholt sind. Es ist eben dieses fik­tive Kapital, das auf der ganzen Welt seine Verwertungsregeln, seinen Rhythmus, seinen Beweglichkeit und sein kurz­fris­ti­ges Denken durch­setzt.

Die Aneignung der Profite wird zuneh­mend wich­ti­ger als das ökono­mi­sche Wachstum (das doch einen Teil der Profite erzeugt), denn die Aneignungsmodalitäten sind nicht mehr alle an dieses Wachstum gebun­den, son­dern auch an die Investitionsausgaben und an die Dividendenausschüttun­gen. Diese Aneignung findet nämlich nicht mehr auf der mikroökono­mi­schen Ebene der Unternehmen statt, son­dern auf dem Markt der Güter und Dienstleistungen, wo die­je­ni­gen, die ihre Einkünfte aus Kapital bezie­hen, ohne direk­ten Bezug zur Produktion kon­su­mie­ren wollen. Dieser Konsum wurde tra­di­tio­nell als unpro­duk­tiv betrach­tet, kann das heute aber nicht mehr sein, da es zuneh­mend sch­wie­ri­ger wird, zwi­schen pro­duk­ti­vem und unpro­duk­ti­vem Konsum zu unter­schei­den. Zudem kann dieses Einkommen von dem von Banken vor­ges­treck­ten Geld abhängen, was die Bedingungen der Solvenz zutiefst verändert, woraus wie­de­rum die Bedeutung der Fiktionalisierung resul­tiert. Diese Situation repro­du­ziert sich auf der Ebene der Hierarchie der staat­li­chen Mächte mit dem Beispiel der übermäßigen Zugriffsmacht der USA auf den in ande­ren Teilen der Welt pro­du­zier­ten Reichtum.

Es ist also nicht mehr der klas­si­sche Unternehmer Joseph Schumpeters, der die Entscheidung zu inves­tie­ren trifft, son­dern das glo­ba­li­sierte Kapital und die Holdings über­neh­men das. Die pro­duk­tive Tätig­keit ist jetzt den Verwertungsgeboten des glo­ba­len Kapitals unter­wor­fen, Gebote, die sich in Begriffen wie „good gover­nance“ ausdrücken. Transparenz wird inso­fern zum Schlüssel­wort, als das unter­neh­me­ri­sche Risiko klar iden­ti­fi­ziert sein muss.76 Es ist jedoch nicht mehr der klas­si­sche Unternehmer, der das Risiko über­nimmt, son­dern es sind spe­zia­li­sierte Gesellschaften, „Risikokapital­gesellschaften“, die die Profitgelegenheiten zu schätzen wissen.

Die Monetarisierung der Ökono­mie und all­ge­mei­ner die Globalisierung dien­ten also auch als Mahnung gegen die frühere Machtpolitik der Manager. Doch der Widerspruch wird auf die Ebene der Reproduktion der gesam­ten gesell­schaft­li­chen Verhältnisse ver­scho­ben. Der Widerspruch zwi­schen Verwertung und Macht ist explo­siv, da die Globalisierung und die daraus fol­gende Umstrukturierung ohne wirk­li­chen Regulationsmodus ablau­fen. Die Regeln der „good gover­nance“ haben nämlich nicht die­sel­ben Eigenschaften wie die der alten for­dis­ti­schen Regulationsweise. Einerseits scheint das Kapital durch die Fiktionalisierung und Virtualisierung der Operationen überall über die kapi­ta­lis­ti­sche Ordnung hinaus­zu­ge­hen (die „wilde“ Seite des Neoliberalismus), doch ande­rer­seits zeigt das Beispiel Rußland und das man­cher afri­ka­ni­scher Länder, die reich an Rentenerträgen sind, daß das Kapital ohne diese kapi­ta­lis­ti­sche Ordnung, natürlich auf natio­na­lem Territorium, das Explosivste überhaupt ist (Mafia und Geldwäsche, Plünde­rung natürli­cher Ressourcen und eth­ni­sche Kriege). Deshalb bezeich­nen wir in diesem Text die Krise als „chao­ti­schen Verlauf der Revolution des Kapitals“ und fragen, ob die Form des Staates als Netzwerk einen (ins­ta­bi­len, pro­vi­so­ri­schen und fra­gi­len) Kompromiß gegenüber der Virtualisierung und Fiktionalisierung dars­tellt. Streng genom­men trifft dies nicht zu, denn ein Netz kris­tal­li­siert sich nicht, läßt keine Kräfte und Bewegungen gerin­nen, son­dern belebt die Mächte und Machtzentren. Daraus folgt, daß man diesen Begriff des Staates als Netzwerk dia­lek­ti­sch auf­fas­sen muß, indem man zeigt, in wel­chen Krisensituationen (Frankreich? Deutschland? Japan?) Nationalstaat und Staat als Netzwerk sich in einer pro­vi­so­ri­schen und ins­ta­bi­len Konfiguration kom­bi­nie­ren lassen. Es wäre dies eine Art von offe­nem neuem Staat, der über gemi­schte Organisationen (gemi­scht zwi­schen Verwaltung und Management und nicht zwi­schen „privat“ und „öffent­lich“) inter­ve­niert, also Agenturen, Delegationen, poli­ti­sche und mediale Inszenierungen, berühmte Persönli­ch­kei­ten, sachlich fun­dierte Bündnisse (mit Gewerkschaften, Verbänden, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen), Unternehmen und Firmen mit „Bürger­sinn“ usw.

Ein Kapitalismus, der das Kapital kon­trol­liert, kann heute nur noch eine Schimäre sein (eine Schimäre, der alle Neo-Sozialdemokraten und Neo-Sozialisten jegli­cher Couleur nach­ja­gen); die Schimäre einer neuen Weltordnung, die sich unaufhörlich ent­zieht, denn auf Ebene 1 begrenzt die Organisation als Netzwerk jede feste Hierarchisierung unter ihren ver­schie­de­nen Komponenten.

Umstrukturierung der drei Ebenen durch die Globalisierung

In der Periode, in der noch Ebene 2 vorherr­schend war, die der wech­sel­sei­ti­gen Abhängig­keit zwi­schen Kapital und Arbeit und der Jagd nach dem Mehrwert, konnte man zwei Phasen unter­schei­den.77 Zuallererst die der for­mel­len Herrschaft des Kapitals, die sich in einer bürger­li­chen Weltanschauung äußerte, in der uni­ver­selle Werte und Fortschritt zusam­men­fie­len (grob gesagt bis 1914); danach die der reel­len Herrschaft des Kapitals (ungefähr von den zwan­zi­ger Jahren bis zum Ende der sieb­zi­ger Jahre), die die Form der planmäßigen tech­ni­sch-bürokra­ti­schen Rationalität annahm, so daß sich das Projekt der bürger­li­chen Klasse im Plan des Kapitals und seinem Diskurs über die Zwangsläufig­keit der Ökono­mie aufzulösen schien.

Aber bei der aktuel­len „Revolution des Kapitals“ han­delt es sich nicht um eine neue Phase der reel­len Herrschaft des Kapitals. Es han­delt sich um etwas qua­li­ta­tiv ande­res, in dem schein­bar die letz­ten Kräfte einer Dynamik frei werden, die nicht mehr auf der Dialektik der Konflikte zwi­schen anta­go­nis­ti­schen Kräften beruht, son­dern auf einer Flucht nach vorne, die weit­ge­hend von zwei Faktoren begünstigt wird.

Erstens: Die Techno-Wissenschaft („techno-science“) ist massiv und gänzlich in den Produktionsprozeß inte­griert. Aber diese Integration ist nicht mehr an einen Prozeß der Rationalisierung und/oder den Willen gebun­den, die Produktivität zu stei­gern. Die Techno-Wissenschaft ist zum bevor­zug­ten Feld für Machtspiele und den „ökono­mi­schen Krieg“ gewor­den.

Zweitens: Die Globalisierung ents­pricht nicht mehr einer ein­fa­chen welt­wei­ten Ausweitung dessen, was schon in den Kernländern des Kapitalismus exis­tiert, son­dern einer beson­de­ren Umstrukturierung der drei Ebenen, von denen wir ges­pro­chen haben, einer Umstrukturierung, die zu einer hie­rar­chi­schen Ordnung, einem bes­timm­ten Grad an Verflechtung und Komplementarität (Vernetzung und Schnittstellen) führt. So geht es z.B. nicht darum, ob China die Weltfabrik und Indien seine Entwicklungsabteilung ist, wie das Wirtschaftsjournalisten behaup­ten, die noch in einer tra­di­tio­nel­len Perspektive der inter­na­tio­na­len Arbeitsteilung im Hinblick auf „kom­pa­ra­tive Vorteile“ (Ricardo oder Smith) ver­schie­de­ner Länder agie­ren.

Die Organisation als Netzwerk ist der eigent­li­che Raum der Globalisierung. Das ist die Gesamtheit der mul­ti­na­tio­na­len Firmen, ein­schließlich der der Schwellenländer, die sich in den ver­schie­de­nen Segmenten des glo­ba­len Netzes bewe­gen können, ohne zwangsläufig ver­su­chen zu müssen, die Kontrolle über die ein­zel­nen Unternetze zu erlan­gen. Manche akku­mu­lie­ren Techniken, Know-how, andere Handelspositionen. In dieser Hinsicht sind die Staaten nicht alle in der­sel­ben Situation. Die der herr­schen­den Länder passen sich so gut wie möglich an diese Form des Netzwerkes an, während die der Schwellenländer wie China das Unmögliche ver­su­chen, eine tota­litäre höhere Einheit zu bewah­ren und sich dabei inne­rhalb der Netze aus­zu­brei­ten, während sich die der beherr­sch­ten Länder ganz ein­fach auflösen (Beschleunigung der Tribalisierung und des religiösen Charakters der Konflikte).

Die Hierarchisierung der drei Ebenen darf man sich nicht als Hierarchie zwi­schen drei geo­gra­phi­sch getrenn­ten Welten vors­tel­len, son­dern als eine Differenzierung inne­rhalb einer Welt. Man darf also das England der Londoner City nicht ver­glei­chen mit den Elendsvierteln von Bangladesh, son­dern mit der Verarmung der ehe­ma­li­gen Kohleregionen Englands. Das ist eine nie da gewe­sene Situation voller neuer Widersprüche in einer Gesellschaft, die Ungleichheiten pro­du­ziert, ohne noch Klassenantagonismen (Rückgang der Klassenkämpfe zuguns­ten einer mora­li­schen Opposition oder eines zyni­schen Verhaltens gegenüber dem Kapitalismus) oder natio­nale Antagonismen (vgl. z.B. das Bündnis zwi­schen den USA, China und Afrika in der Weltgesundheitsorganisation) zu repro­du­zie­ren.

Dieser letzte Punkt ver­weist auch auf das Ende der Dritte-Welt-Ideologie und eines Weltbildes, das zwi­schen einem kapi­ta­lis­ti­schen Zentrum und einer Peripherie unter­schei­det. Heute hat die Ebene 1 ihre Tentakel über die ganze Welt aus­ges­treckt, und das Finanzsystem, ein­schließlich der isla­mi­schen Finanzwelt, führt zu einer Polarisierung neuen Typs, die eine Unterwerfung der Führer der ehe­ma­li­gen Peripherie unter die Erfordernisse von Ebene 1 zur Folge hat, um nicht im Abseits zu blei­ben (eine neue Form von Kompradoren, so Samir Amin). Es gibt also keine Besonderheit der Peripherie mehr (vgl. das Beispiel Dubai).

Die Logik der Macht wird dann sicht­bar, wenn die bes­tim­men­den Aktivitäten der heu­ti­gen kapi­ta­lis­ti­schen Gesellschaft (Forschung, stra­te­gi­sche Informationen, indi­vi­dua­li­sierte Kontrolle, Aeronautik, einige Branchen des militärisch-indus­triel­len Komplexes, Kommunikation und Information) nicht mehr auf eine „ren­ta­ble“ Politik im Sinne mögli­cher zivi­ler Nebenprodukte aus­ge­rich­tet sind, son­dern vor allem das Ergebnis einer Reorganisation der Kräfte­verhältnisse unter denen sind, die die Verwertung (unter dem Aspekt der Schnelligkeit) bevor­zu­gen und denen, die Wert auf die Macht (unter dem Aspekt der Dauerhaftigkeit) legen.

Forschung ist ein Organ der Kapitalisierung des „gene­ral intel­lect“ im Dienste der Unternehmen, sie ist aber auch ein Organ der Macht im Dienste der Staaten. Die aktuel­len Reformen der Forschung in Frankreich ver­wei­sen auf die Schwierigkeiten, zwi­schen den ver­schie­de­nen vorhan­de­nen Kräften zu ent­schei­den, die sich alle in die Dynamik des Kapitals einord­nen. Hier liegt eine rie­sige Quelle zum Abschöpfen von Mitteln und gesell­schaft­li­chem Reichtum, der kon­kret den moder­nen Lohnarbeitern wie auch den Forschern fehlt, die auf ihrer „Autonomie“78 bes­te­hen.

Die Marktideologie spielt auch inso­fern eine Rolle, als sie wieder Konkretes in die Herrschaft einführte, sowohl an der Basis, in der Reaktivierung einer moder­nen Variante des Bildes vom Self-Made-Man (der „Gewinner“, der Leiter eines „klei­nen Unternehmens, das keine Krise kennt“, usw.), als auch an der Spitze mit der Umwandlung von lang­fris­ti­gen Managementstrategien in kurz­fris­tige tak­ti­sche Entscheidungen neuer Kriegsherren und ande­rer moder­ner Oligarchen. Diese Renaissance von (rus­si­schen und ande­ren) Oligarchen bedeu­tet keine orga­ni­sa­to­ri­sche Kristallisation als Oligarchie.79 Eine solche bedürfte eines neuen Typus poli­ti­scher Macht, doch momen­tan repräsen­tiert eine Macht à la Putin eher eine Degeneration der sow­je­ti­schen Macht, die nicht über den sla­wi­schen Bereich hinaus expor­tiert werden kann; das Beispiel des klien­te­lis­ti­schen Italien des Systems Berlusconi ents­pricht zwar besser der Realität eines Kapitalismus als Netzwerk, kündet aber eher von der Auflösung der poli­ti­schen Form. Der Staat ver­zich­tet also darauf, das „Allgemeininteresse“ zu repräsen­tie­ren und wählt den Weg einer pri­va­ten Aneignung des gesell­schaft­li­chen Reichtums.

Diese Machtspiele eines glo­ba­len Kapitals, das dazu ten­diert, seine beson­de­ren Formen zu sub­su­mie­ren, sind kei­nes­wegs von einer mate­riel­len Basis abge­kop­pelt, die wei­te­rhin spe­zi­fi­sch kapi­ta­lis­ti­sche Verhältnisse pro­du­ziert.80 Doch die Reproduktion dieser gesell­schaft­li­chen Verhältnisse wird zuneh­mend durch die Krise der Verwertung auf Ebene 2 und durch den Substanzverlust der Arbeitskraft im Rahmen dieser Verwertung ersch­wert. Das Spiel wird auf der Ebene 2 von jenen Kräften des herr­schen­den Blocks mono­po­li­siert, die fähig sind, sich aus der früheren Abhängig­keit von der pro­duk­ti­ven leben­di­gen Arbeit heraus­zulösen, um Verbindungen zur höheren Ebene 1 ein­zu­ge­hen. Die leben­dige Arbeit ist unwe­sent­lich für den Verwertungsprozeß gewor­den und wurde kon­kret zum Anhängsel der kapi­ta­lis­ti­schen Maschinerie (in der Industrie) oder zum Funktionär des Kapitals (in den Dienstleistungen) degra­diert.

Der in die gesell­schaft­li­chen Verhältnisse ein­ge­bun­dene Block, der von den unter­schied­li­chen Formen der leben­di­gen Arbeit repräsen­tiert wird, kann offen­sicht­lich nicht mehr dieser Ebene ents­pre­chen, weil er kein „Hinterland“ mehr hat (das Land bei den Bauern, die Fabrik und die Gemeinschaft bei den Proletariern), das zuvor im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus zerstört wurde. Das ist das Ende der Klassendialektik, die bis dahin (grob gesagt bis zum Ende der sieb­zi­ger Jahre)81 der Motor der Dynamik des Ganzen war. Diese neue Situation erklärt sich im Wesentlichen nicht durch die Tatsache eines momen­tan für die Klasse der Arbeit ungünsti­gen Kräfte­verhältnis­ses (das ist die gängig­ste Erklärung der Verfechter der Theorie des Proletariats), son­dern dadurch, daß diese sich unter dem Doppelschlag der in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jahren erlit­te­nen Niederlage und der darauf fol­gen­den Umstrukturierungen aufgelöst hat. Wie wir an ande­rer Stelle auf­ge­zeigt haben, erfolgte hier ein his­to­ri­scher Bruch.82

Wenn man diese Diskontinuitäten nicht im rich­ti­gen Maße einschätzt und man unbe­dingt weiter in Klassenbegriffen spre­chen will, dann muß man dies klar benen­nen und zeigen, wie sich der Antagonismus und die Widersprüche äußern, die dem Kapitalismus ange­blich noch inhärent sind. Nimmt man nur einmal das Beispiel der aktuel­len Streiks (2009), so drücken sie die glo­bale Nicht-Reproduzierbarkeit der ehe­ma­li­gen Klasse der Arbeit unter unveränder­ten Bedingungen aus. Die Unternehmen werden von den Streikenden nicht besetzt, um weiter darin zu arbei­ten, da es nicht mehr möglich ist, die wech­sel­sei­tige Abhängig­keit von Kapital und Arbeit zu for­dern. Das ist Vergangenheit, wie es das Schicksal der Beschäftig­ten von Continental zeigt, die zuges­timmt hatten, auf das Gesetz über die 35-Stundenwoche zu ver­zich­ten, um ihre Produktionseinheit und ihren Arbeitsplatz zu retten. Worum es in diesen Kämpfen geht und was dort verhan­delt wird, ist der Preis der Pensionierung und der mehr oder weni­ger direkte Zugang zum Einkommen. In einem Land wie Frankreich bleibt die Spannung hoch, denn die frühere for­dis­ti­sche Norm der Lohnabhängig­keit ist noch nicht zerstört und der Zugang zum Einkommen verläuft noch nicht über die neue angelsächsi­sche Norm der Kumulation klei­ner Jobs. Trotz der Wirkungen der Ankündi­gung der not­wen­di­gen Verlänge­rung der Arbeitsdauer und der Verlegung des Renteneintrittsalters funk­tio­nie­ren die seit bald dreißig Jahren gel­ten­den Sozialpläne für Vorruheständler wei­te­rhin als eine alter­na­tive Form des direk­ten Zugangs zum Einkommen. Zudem stel­len sie auch eine Präven­tivmaßnahme gegen jeden größeren Kampf in den großen Unternehmen dar, die sich somit bezahlt macht und den Staat diese Art von Sozialplänen finan­zie­ren läßt. Doch deren eindämmende Funktion hat auch ihre Grenzen, wie die Wiederkehr der Entführun­gen von Unternehmern oder Managern zeigt. Doch diese Entführun­gen haben nicht mehr die Qualität wie in den Jahren zwi­schen 1967 und 1973. Sie sind nicht mehr Teil einer pro­le­ta­ri­schen Offensive, wie zum Beispiel im Mai ‘68 in Frankreich, als sie manch­mal eine Art Vorspiel zum Generalstreik waren. Sie sind defen­siv und hinken der all­ge­mei­nen Entwicklung des kapi­ta­lis­ti­schen gesell­schaft­li­chen Verhältnis­ses hin­te­rher.83 Es gibt tatsächlich eine Diskrepanz zwi­schen einer­seits der Netzwerk-Organisation der mul­ti­na­tio­na­len Unternehmen (der berüchtig­ten „good gover­nance“), die es nicht mehr ermöglicht, zu bes­tim­men, wer auf der Ebene einer ein­fa­chen Produktionseinheit der eigent­li­che Leiter ist, und ande­rer­seits der Fixierung der Kämpfe auf die Inkompetenz oder das skan­dalöse Management einer bes­timm­ten Einheit. Aktuell erle­ben wir im Rahmen einer glo­ba­len Akzeptanz der kapi­ta­li­sier­ten Gesellschaft die Entwicklung einer mora­li­schen Revolte gegen Mißbräuche oder Auswüchse. Auf kon­kre­ter Ebene läßt sich fests­tel­len, daß sich diese Aktionen in den Kontext des französischen „Rücks­tands“ im Hinblick auf die Normen der glo­ba­len „good gover­nance“ ein­rei­hen; auf all­ge­mei­ne­rer Ebene erkennt man einen Widerspruch zwi­schen dem, was als abs­trakte Wachstumsdynamik erscheint, und der Rolle, die darin wei­te­rhin Kräfte spie­len, die nicht mehr Klassen im his­to­ri­schen und poli­ti­schen Sinne des Begriffs genannt werden können, son­dern ten­den­ziell als beschränkte und punk­tuelle Lobbys agie­ren.

Erheblich kri­ti­scher ist die Situation in Guadeloupe ange­sichts des fort­ges­chrit­te­nen Stadiums der Auflösung von Ebene 3. Es geht dort nicht mehr ein­fach darum, sich Geld zu bes­chaf­fen, indem man eine sehr starke Erhöhung des Grundlohns for­dert, son­dern alle Preise und nicht nur den der Arbeitskraft in Frage zu stel­len, die man dort bereits weit­ge­hend ein­fach bra­chlie­gen ließ oder - wenn man den marxis­ti­schen Diskurs über diese Frage bei­be­hal­ten möchte - unte­rhalb ihres Werts bezahlte.84

Einkommen und Preise, zwei Aspekte der Herrschaft

Wie wir schon in „Crise financière et capi­tal fictif“ fests­tell­ten, sind heute die meis­ten Preise Kartellpreise oder poli­ti­sche Preise; das gilt auch für den Preis der Arbeit. Der Lohn hat keine Grundlage mehr in der Produktion des Reichtums, die immer weni­ger vom Einsatz der leben­di­gen Arbeit abhängt, son­dern zuneh­mend in einer toten Arbeit, die alle wis­sen­schaft­li­chen, tech­ni­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Kenntnisse (den Marxschen „gene­ral intel­lect“) umfaßt. Insofern kann man sagen, daß in Bezug auf den tra­di­tio­nel­len Begriff des fixen Kapitals (Akkumulation von ver­gan­ge­ner oder toter Arbeit) der wach­sende Teil, der von diesem „gene­ral intel­lect“ repräsen­tiert wird, darauf hin­weist, daß nichts ande­res als der Unterschied zwi­schen leben­di­ger Arbeit und toter Arbeit in Frage ges­tellt wird, wie übri­gens auch der zwi­schen pro­duk­ti­ver und unpro­duk­ti­ver Arbeit. Die abs­trakte Arbeit setzt sich durch als Eindämmung der leben­di­gen Arbeit durch die tote Arbeit und macht jede Suche nach irgen­dei­ner Substanz des Werts und erst recht dessen Messung ver­ge­blich. Deshalb insis­tie­ren wir im Kontext der aktuel­len Kämpfe auf der Frage des Preises.85 Auf dieser Grundlage des, sagen wir, gesun­den Menschenverstandes konn­ten sich die Theorien über ein garan­tier­tes Einkommen in ihren ver­schie­de­nen Spielarten ent­wi­ckeln. Jede Forderung nach einem „poli­ti­schen Lohn“ (wie im Italien der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jahre) oder einem garan­tier­ten Einkommen ist Ausdruck der Notwendigkeit, nicht mehr eine kon­krete geleis­tete Arbeit zu bezah­len, son­dern eine in einem Netz von Aktivitäten ausgeübte Funktion (der „Produktionsprozeß“ im enge­ren Sinne ist hier mit ein­be­grif­fen), deren Feld immer mehr aus­ge­wei­tet wird und deren Grenzen immer unk­la­rer werden. Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler cha­rak­te­ri­sie­ren diese Situation als „Grauzonen“ der Beschäfti­gung oder „Umfeld“ („halo“) der Arbeitslosigkeit.

Grundsätzlich ist der marxis­ti­schen Theorie zufolge das, was der Lohnabhängige ver­kauft, keine Ware (die Arbeitskraft), son­dern deren Bereitstellung für einen Arbeitstag, Bereitstellung einer persönli­chen Zeit also, deren gemein­sa­mer Nenner mit allen ande­ren nicht die Reduktion auf ein Quantum ein­fa­cher Arbeit ist, son­dern auf abs­trakte Zeit (und nicht auf Arbeitszeit: ob der Arbeiter „Rost ansetzt“ oder nicht, ändert nichts an der Sache!). Was der Kapitalist also kauft, ist das Recht auf Kommando über die Arbeitsfähig­keit im Allgemeinen, die ihm noch vor dem Arbeits- und Ausbeutungsverhältnis durch die Existenz des Lohnverhältnis­ses garan­tiert wird. Das ist es auch, was einem den Eindruck ver­leiht, in die Zeit der indus­triel­len Revolution und in die Anfänge der Lohnabhängig­keit zurückzu­keh­ren, als es noch darum ging, ein neues gesell­schaft­li­ches Verhältnis dur­ch­zu­set­zen. Doch heute ist die Situation inso­fern eine völlig andere, als es nicht mehr darum geht, dieses Verhältnis an sich außerhalb einer objek­ti­ven Notwendigkeit fort­dauern zu lassen. Das erklärt auch die neuen Einstellungsverfahren. Es wird nicht mehr eine beson­dere Qualifikation ver­langt, son­dern eine abs­trakte Fähig­keit, deren nähere Umstände nie­mand wirk­lich kennt. Daher sind die Erstellung eines Lebenslaufs und die Antworten auf Testfragen oder Einstellungsgespräche eine wirk­lich knif­flige Angelegenheit. Man bekommt den Eindruck, daß es sich um eine Art Durchleuchtung des Beschäftig­ten han­delt, eine neue Art, seine Lage als Proletarier zu pfle­gen. Der Proletarier „ohne Reserve“ von heute ist nicht mehr meh­rheit­lich der­je­nige, der nichts hat, son­dern der­je­nige, der nichts mehr ver­ber­gen kann, weil er alles von sich offen­le­gen muß, um sich besser zu ver­kau­fen. Auch hier hat man den Eindruck, daß die Revolution des Kapitals die ganze Geschichte der Herrschaft noch einmal durchläuft, und dabei deren älteste Formen in einer Art ent­lohn­ter Sklaverei reak­ti­viert. Die Arbeitsfähig­keit ist in dem Moment, wo die „men­schli­che Ressource“ auf dem Spiel steht, nicht mehr von der kon­kre­ten Person des Lohnarbeiters abzu­tren­nen. Damit haben sich die Konzepte der Mehrwertproduktion und des Ausbeutungsverhältnis­ses über­lebt; sie wei­chen einem Lohnverhältnis, in dem die Herrschaftsverhältnisse und eine Unterwerfung unter die monetäre Ordnung vorherr­schen. Diese Lohnordnung ist also nicht das Ergebnis eines ein­fa­chen Privatverhältnis­ses zwi­schen Kapital und Arbeit, was in den Texten von Marx zumeist voraus­ge­setzt wird, die hin­sicht­lich der Staatsproblematik beson­ders ungenügend sind. Das Kapital als Totalität kann nicht außerhalb des Staates, die Logik des Profits nicht außerhalb der Logik der Macht gedacht werden. Und damit sind wir wieder bei Braudel und Fourquet.86

Es bes­teht kein Zweifel, daß sich diese gegensätzli­chen Tendenzen verschärfen werden, während Arbeit und Einkommen sich zuneh­mend den Status als hauptsächli­che gesell­schaft­li­che Vermittlung strei­tig machen. Die Betonung der Frage des Preises bei den jüngsten Kämpfen ist eben eine Folge dessen, was wir das Verschwinden des Werts genannt haben. Es gibt keinen Wert außerhalb des Tauschwerts, wel­cher sich im Preis ausdrückt. Die „meta­phy­si­sche“ Frage der Verwandlung des Werts in Preis ist damit gelöst.

Die „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft“ ist eine Art Oberfläche, auf der die Mächte dieser Welt surfen. Wir erle­ben eine Radikalisierung der Extreme. Auf der einen Seite ist die „bürger­li­che Kälte“, wie sie von Marx und Adorno bes­chrie­ben wurde, einer Mechanik des Kapitals gewi­chen, die sich schein­bar im Leerlauf befin­det. Sie äußert sich als Unaufhebbarkeit des ökono­mi­schen Zwangs und seiner Kombinatorik, die die anthro­po­lo­gi­schen Grundlagen der Spezies auf den Müll zu werfen scheint. Auf der ande­ren Seite ist die his­to­ri­sche Dialektik der Klassenauseinandersetzungen Kräften gewi­chen, die schein­bar immer mys­teriöser werden: das Finanzkapital, die großen Spekulanten, die mul­ti­na­tio­na­len Firmen, die poli­ti­sch-ökono­mi­schen Lobbys, die Netzwerke der Weltmärkte, die neuen „gefährli­chen Klassen“.

Die Diskussionsveranstaltungen vom Typ des Weltwirtschaftsforums in Davos reak­ti­vie­ren die Figuren der großen Räuber, die plündern und nichts geben, in Gestalt der großen Multinationalen, die in so kom­plexen Netzwerken orga­ni­siert sind, daß man das Zentrum nicht mehr erkennt, und in Gestalt der neuen Manager, die bes­tens abge­si­chert aus dem Schatten her­vor­tre­ten. Diese Kräfte auf Ebene 1 rea­li­sie­ren eine Einheit von Reichtum und Macht, die vorher nie wirk­lich erreicht worden war, und noch nachträglich die his­to­ri­sche Trennung zwi­schen moder­nem Staat und Kapital recht­fer­tigt. Formeln wie „der bürger­li­che Staat“, „der Staat der herr­schen­den Klasse“, „der Staat des Kapitals“ waren, obwohl nicht völlig falsch, theo­re­ti­sche Verkürzun­gen und Waffen für den Kampf. Sie gehören einem ver­flos­se­nem Kampfzyklus an, somit auch zur Niederlage, wie übri­gens auch das Wort Kommunismus.

Diese „anthro­po­lo­gi­sche Revolution“ betrifft das Alltagsleben der Individuen. Sie erklärt zum Beispiel den Über­gang von einem Bewußtsein des Produzenten (Affirmation der Arbeit als gesell­schaft­li­cher Vermittlung) zu einem Bewußtsein des Konsumenten (Affirmation des Einkommens als gesell­schaft­li­cher Vermittlung).87 Sie betrifft auch die Bewegung des Kapitals. Die expo­nen­tielle Entwicklung des fik­ti­ven Kapitals ist das genaue Gegenteil einer bürokra­ti­schen Organisation von Beamten. Das ist übri­gens auch der Grund, warum viele aktuelle Kritiken eine Irrationalität des Finanzkapitals unters­tel­len, im Gegensatz zur ange­bli­chen Rationalität des Produktivkapitals. Öffent­li­che Kaufangebote, Heißhunger auf Fusionen und Ankäufe, Konzentration auf die eigene Branche, Jagd auf Mehrwert und Rendite erschei­nen als Funktionsweisen einer nun gestürzten Ordnung, die mit­tler­weile nur noch als Unordnung vor­ges­tellt wird, weil sie ange­blich „einen großen Friedhof unter dem Mond“ pro­du­ziert, wenn man der in Japan geläufigen Metapher folgt, das heißt also, eine Pervertierung der „krea­ti­ven Zerstörung“ (Schumpeter), die der posi­ti­ven Dynamik des Kapitals eigen ist.

Eine solche Kritik berücksich­tigt nicht die Transformation, die Castoriadis schon vor über dreißig Jahren anges­pro­chen hat. Ohne damals den Begriff anthro­po­lo­gi­sche Revolution zu benut­zen (der eher von Pasolini kommt), wies er darauf hin, daß die Dynamik des Kapitals alle anthro­po­lo­gi­schen Figuren besei­tigt hatte, deren es in der ent­schei­den­den Periode seines „Marsches zur Reife“ (um Rostow zu para­phra­sie­ren) bedurft hatte, beson­ders die von Weber (den Beamten) und Schumpeter (den Unternehmer) bes­chrie­be­nen, aber auch die Figur des „guten Arbeiters“, der dem Modell des Handwerkers nachemp­fun­den war. In seiner „Revolution“ ent­fernt sich das Kapital immer mehr von diesen Weberschen „Idealtypen“, wie man das sowohl an den Funktionsweisen der moder­nen Verwaltungen wie auch an den Praktiken der Generaldirektoren der großen Gesellschaften von heute sehen kann. Im ersten Fall führt die Krise der Institutionen, von denen sie abhängen, zur Förde­rung einer neuen Pseudo-Rationalität (vgl. die „öffent­li­che Politik“ und ihre „Evaluationen“ zwecks „Verschlankung“ und glei­ch­zei­ti­ger Erhöhung der Produktivität), die die­je­nige des kapi­ta­lis­ti­schen Privatunternehmens kopiert, während im zwei­ten Fall die Manager und die Aktionäre die Unternehmer ersetzt haben. Was die „guten Arbeiter“ betrifft“… die findet man nicht mehr, gute Frau!

Der manch­mal geäußerte Einwand gegen die Vorstellung, das Kapital als Subjekt oder als auto­ma­ti­sches Kapital zu betrach­ten, ist wenig zulässig.88 Wie wir schon am Ende unse­res Textes über die Finanzkrise betont haben,89 gibt es sehr wohl Kräfte und Kräfte­verhältnisse, die eine neue Modalität der Dynamik des Kapitals dars­tel­len, auch wenn es nicht mehr die der Dialektik der Klassenkämpfe ist. Diese Kräfte erwe­cken den Eindruck, daß sie nicht mehr ver­su­chen, die gesell­schaft­li­chen Verhältnisse zu repro­du­zie­ren, so als würde sich eine Tendenz zur Selbstvoraussetzung („autoprésup­po­si­tion“) des Kapitals in der kapi­ta­li­sier­ten Gesellschaft ver­wirk­li­chen. So wie Keynes gezeigt hat, daß es im Kapitalismus sub-opti­male Situationen gibt (zum Beispiel „das Gleichgewicht der Unterbeschäfti­gung“), so zeigt heute der Druck der Pensionsfonds und Kapitalanlagen, daß das Kapital so funk­tio­nie­ren kann, daß es selbst die Grenzen seiner Ausdehnung sowie Umfang und Intensität „seiner Krise“ bes­tim­men kann. Die „Ökono­mie“ kann also dur­chaus auf eine „verengte“ Weise funk­tio­nie­ren, wie wir schon dar­ges­tellt haben. Man könnte höchs­tens sagen, daß die Welt der Finanzmärkte und die neuen „gefährli­chen Klassen“ die beiden emble­ma­ti­schen Figuren dieser Auseinanderentwicklung („extranéïsation“) dars­tel­len, die manche als Abkoppelung ana­ly­sie­ren wollen; als Abkoppelung von der Realökono­mie einer­seits, als Abkoppelung von der Lohnabhängig­keit ande­rer­seits. Man findet hier das Bild eines sozia­len Krieges neuen Typs.

Ebensowenig wie die Dialektik der Klassenkämpfe in die „Über­win­dung“ des Kapitalismus mündete, impli­ziert die der­zei­tige Totalisierung des Kapitals seine Vollendung, denn dann würde es auf keine Negativität mehr stoßen. Mehr als nie zuvor ist das, was his­to­ri­sch auf dem Spiel steht, nicht „der Ausweg“90 aus dem Kapitalismus, son­dern eher sein Aussterben durch akti­ves Handeln und/oder durch Desertion.

Es gibt keinen „Ausweg“ aus dem Kapitalismus

Die Geschichte des Kapitals ver­sch­milzt mit der Geschichte seiner vielfältigen fal­schen Auswege, mit der seiner nie­mals „fina­len“ Krisen, mit der seines Über­le­bens unter den schlimm­sten Bedingungen für die Mehrheit der Menschen.91 Es ist ver­ge­blich, auf einen letz­ten „Ausweg“ zu hoffen, was einen erbar­mung­slo­sen his­to­ri­schen Determinismus bedeu­ten würde. Das ist aber genau das, was neben ande­ren92 auch André Gorz in einem jüngsten Text äußert.93

Laut Gorz „hat der Kapitalismus (auf­grund seiner Entwicklung selbst) eine sowohl innere wie äußere Grenze erreicht, die er nicht zu über­schrei­ten vermag und die ihn zu einem System macht, das nur mit Hilfe von Tricks die Krise seiner grund­le­gen­den Kategorien über­lebt: Arbeit, Wert, Kapital.“ Nachdem Gorz an den Niedergang der Verwertung von Produktivkapital erin­nert und die Bedeutung der Flucht nach vorne ins Finanzkapital und seine „Spekulationsblasen“ betont, stellt er die abso­lute Herrschaft des Marktes fest. „Die Verallgemeinerung des Marktes“, so schreibt er, „griff die Existenz dessen an, was die Engländer com­mons und die Deutschen Gemeinwesen nennen, das heißt, die Existenz unteil­ba­rer, unveräußerba­rer und nicht anei­gnungsfähiger gemein­sa­mer Güter, die ohne Bedingungen für alle zugänglich und benutz­bar sind.“ Wo ist der Ausweg ange­sichts eines so dunk­len Horizonts? Nachdem er sowohl die ökolo­gi­sche Diktatur als auch einen „Kriegssozialismus“ aus­ges­chlos­sen und sich für ein Minuswachstum erklärt hat, erkennt Gorz einen Ausweg, der sich in „Selbstproduktion, Gemeinschaftlichkeit und Unentgeltlichkeit“ abzeich­net. Er bemüht sich zu zeigen, daß freie Software, gemein­same Netzwerke kos­ten­lo­sen Austauschs von Wissen, not­wen­di­gen Gütern, Werken, kul­tu­rel­ler und künst­le­ri­scher Praxis zu einer wirk­li­chen „freien Produktion des gesam­ten gesell­schaft­li­chen Lebens“ führen können. Freiheit und Unentgeltlichkeit schwächen glei­chermaßen die Handelsunternehmen. Und er schließt: „Das zu pro­du­zie­ren, was wir kon­su­mie­ren, und das zu kon­su­mie­ren, was wir pro­du­zie­ren, ist der König­sweg zum Ausstieg aus dem Markt.“

Doch dieses Produzieren ist nur ein vir­tuel­les Produzieren, das die Frage der „hete­ro­no­men“ Arbeit (in der Sprache von Gorz die Arbeit, die keine selbständige Tätig­keit und Kreativität zuläßt) durch die Ausweitung der Automatisierung und die illu­so­ri­sche Existenz eines Hinterlandes in der Agrikultur für gelöst hält. Insofern wird die Integration der Technowissenschaft in die Produktion wei­te­rhin als ins­ge­samt posi­tiv betrach­tet, denn Gorz sieht sie nur unter dem Aspekt einer Miniaturisierung ihrer Anwendungen. Doch das Kapital hat diesen Weg zur sozio­ko­gni­ti­ven Freiheit bereits erfor­scht und sogar neue Lebenskraft daraus geschöpft. Microsoft for­ma­tiert und sperrt den Austausch zwi­schen Individuen und Google digi­ta­li­siert alle Seiten der großen Bibliotheken der Welt. Kognitives und fik­ti­ves Kapital passen gut zusam­men. Die „Informations- und Kommunikations­gesellschaft“ bildet eine neue mate­rielle Basis für die kapi­ta­li­sierte Gesellschaft. Das neue Gesetzesvorhaben von Barack Obama und der ame­ri­ka­ni­schen Regierung zur Kontrolle des Internets scheint bereits sehr weit fort­ges­chrit­ten zu sein und zeigt unse­rer Freiheit die Grenzen auf. Das „Netz“ stellt keinen Weg der Freiheit dar, ist aber nicht ohne Widersprüche. Man muß hier dif­fe­ren­zie­ren zwi­schen den Lobrednern, die jede Kritik der Technowissenschaft auf­ge­ben, und den alter­na­ti­ven Erfahrungen, die manche Tools blo­ckie­ren oder ihrem ursprüngli­chen Zweck ent­frem­den. In unse­rer Perspektive prak­ti­scher Kämpfe gegen die Preise darf nichts ver­na­chlässigt werden, was unent­gelt­li­che Produktion, Über­mit­tlung und Austausch ist. Die Frage bleibt offen und wir wollen in einem späteren Text darauf zurückkom­men.

Anregungen zur Weiterführung theoretischer Überlegungen

Das Kapital hatte im gesell­schaft­li­chen Verhältnis zwi­schen Kapital und Arbeit den hauptsächli­chen Faktor seiner fort­schrittsgläubigen und pro­duk­ti­vis­ti­schen Dynamik gefun­den,94 doch das Kapital ist zur Gesellschaft gewor­den. Die „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft“ hat den ursprüngli­chen Widerspruch inte­griert, indem sie den anta­go­nis­ti­schen Widerspruch in einen nicht-anta­go­nis­ti­schen Widerspruch ver­wan­delt hat, und sie ten­diert dazu, jede Abweichung von ihr selbst, wie sie noch exis­tie­ren konnte, als die Zivil­gesellschaft noch eine his­to­ri­sche Realität besaß (die bürger­li­che Gesellschaft), zu besei­ti­gen.

Die ver­schie­de­nen Antikapitalismen von heute blei­ben von dieser gesell­schaft­li­chen Determination abhängig; wenn sie gegen den „Neoliberalismus“, die Oligarchen, die Ausbeutung, die Prekarisierung, die Umweltschädli­ch­keit oder die Ungerechtigkeit kämpfen, bleibt ihr poli­ti­scher Horizont, selbst im Negativen, der einer demo­kra­ti­schen Gesellschaft, die es wie­der­zu­fin­den, einer Arbeit, die es zu befreien gilt.95 Sie haben sich in dem ein­ges­chlos­sen, was sie kri­ti­sie­ren, und sie ver­ges­sen, daß bes­timmte Widersprüche nicht an die spe­zi­fi­sche Form des Kapitals gebun­den sind, son­dern an Beziehungen zwi­schen Menschen oder an ältere Beziehungen zur Natur. Die Kritik darf also nicht einzig aus dem Inneren des Kapitals heraus geübt werden, son­dern muß auch das erfas­sen, was einen umfas­sen­de­ren his­to­ri­schen Kontext und vielfälti­gere Formen von Herrschaft cha­rak­te­ri­siert. Um diesen Preis kann sie die ver­schie­de­nen Kritiken inte­grie­ren, die pro­le­ta­ri­sche gegen die Arbeit, die femi­nis­ti­sche gegen die Männe­rherr­schaft, die ökolo­gi­sche gegen das rein ins­tru­men­telle Verhältnis zur Natur usw.

Was wir brau­chen, sind also nicht anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Theorien,96 son­dern Ideen, die dazu bei­tra­gen, uns zu „ent­ka­pi­ta­li­sie­ren“ („décapi­ta­li­ser“). Auf der Basis alter­na­ti­ver Praktiken müssen wir eine Unmittelbarkeit der men­schli­chen Beziehungen zum Vorschein brin­gen, die über alle Arten von Vermittlungen hinaus­rei­chen, die die kapi­ta­lis­ti­schen gesell­schaft­li­chen Verhältnisse bes­tim­men. Wir müssen den Horizont des Mögli­chen wieder öffnen, der sich so weit verengt hat, daß er linear, verein­heit­licht, zurückges­tutzt und, wie Adorno sagte, auf das „beschädigte“ Leben ges­chrumpft wurde. Etwas ande­res als der Kapitalismus muß ent­wor­fen werden, es müssen von den Menschen all­ge­meine soziale und his­to­ri­sche Fähig­kei­ten ent­wi­ckelt werden, die nicht in die Mission oder gar in die Aktion einer Klasse inte­griert werden können, weil sie unter der ent­frem­de­ten Form des kapi­ta­lis­ti­schen gesell­schaft­li­chem Verhältnis­ses ents­tan­den sind.

Es gibt keine „zu erneuernde Gesellschaft“; die Spannung zwi­schen Individuum und men­schli­cher Gemeinschaft und das Verhältnis zwi­schen men­schli­cher Gemeinschaft und Natur stehen heute mehr denn je im Zentrum unse­rer Entwicklung. Eine Spannung zwi­schen Individuum und Gemeinschaft, die die Aporien eines jah­rhun­der­teal­ten Gegensatzes zwi­schen Individuum und Gesellschaft lösen,97 und aus der Sackgasse, die vom Gegensatz zwi­schen einer­seits einer abs­trak­ten Universalität, die mit der Aufklärung und der Französischen Revolution zusam­menhängt, und der aktuel­len Entwicklung der Partikularismen ande­rer­seits bes­timmt wird, herausführen muß. Es geht um eine men­schli­che Gesellschaft, die es nicht nötig hat, eine neue höher­wer­ti­gere Einheit her­zus­tel­len, irgen­deine Form von Staat und sein moder­nes poli­ti­sches Attribut, die Demokratie, eine Demokratie, die als uni­ver­sell aus­ge­ge­ben wurde und den­noch zahl­rei­che Verbrechen gedeckt hat.

Übri­gens ist es nicht sicher, ob die Marxsche Vision eines unmit­tel­bar gesell­schaft­li­chen Individuums im Kommunismus tatsächlich zufrie­dens­tel­lend ist. Sie setzt eine Transparenz voraus, die alle Spannungen zu lösen in der Lage wäre, auch zum Beispiel die­je­ni­gen, die aus der Besonderheit der „inne­ren Natur“ des Menschen resul­tie­ren, eine Besonderheit, die den unzähligen Versuchen, „einen neuen Menschen“ zu schaf­fen, jedoch widers­tan­den hat. Zudem müßte ein ande­res Verhältnis zur äußeren Natur auch eine men­schli­che Geschichte berücksich­ti­gen, die inz­wi­schen in die tech­ni­schen Welten ein­ge­bet­tet ist. Das zu vers­te­hen bedeu­tet, die Bedingungen für eine Kritik zu schaf­fen, die sich auf etwas ande­res als sich selbst stützt und so eine hyper­kri­ti­sche Haltung ver­mei­det, um im Kontext all dieser Determinationen das zu erfas­sen, was heute den Menschen aus­macht.

 

 

Anmerkungen

1 — Temps Critiques, Quelques pré­ci­sions sur Capitalisme, capi­tal, société capi­ta­li­sée, in: Temps cri­ti­ques 15/2010, S. 5-64.

2 — Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn, Crise finan­ciére et capi­tal fictif, Paris 2008.

3 — Eine solche dyna­mi­sche Auffassung ver­sucht die Entwicklung des Kapitalismus zu perio­di­sie­ren und die wei­tere Entwicklung vor­weg­zu­neh­men (dazu ins­be­son­dere Karl Marx, Grundrisse der Kritik der poli­ti­schen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke (MEW), Band 42, Berlin 1983, S. 47-768, sowie Karl Marx, Resultate des unmit­tel­ba­ren Produktionsprozesses, Frankfurt am Main 1969).

4 — Diese Auffassung führte dazu, auf Initiative von Friedrich Engels und der his­to­ri­schen Führer der Zweiten Internationale nicht das gesamte Werk von Marx zu veröf­fent­li­chen.

5 — Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Wien 1977 (Neuauflage: Frankfurt am Main 1978).

6 — Der Handel exis­tierte schon vor dem Markt, sowohl im großen, von Beamten ver­wal­te­ten Handel (ohne die Vermittlung durch Händler), die keine Händler, son­dern eine Unterabteilung des Staatsapparats in den „Weltreichen“ (Wallerstein) waren, da ihr Ziel die Statusverbesserung und nicht der Profit war, als auch im Austausch sel­te­ner oder Prestige-Güter, der oft von „Händlervölkern“ gewähr­leis­tet wurde. Doch in Lydien han­delte es sich bereits um einen ande­ren Prozeß. „Bei den Lydiern dur­ch­dringt die Bewegung des Werts, die bis dahin bei den Händlervölkern (Aramäern, Phöniziern, Philistern und Griechen) nur den Bereich der Zirkulation betraf, zuneh­mend den Produktionsprozeß. Das ist der Moment, an dem sie tatsä­chlich Substanz erlangt und der men­schli­chen Aktivität eine Form gibt, die Form einer Verwertung.“ (Jacques Camatte, Emergence de Homo Gemeinwesen, in: Invariance, 6/1988 [Série IV], S. 13).

7 — Nach Polanyi muß man zwei Ebenen des Austauschs unter­schei­den: inne­rhalb der Gemeinschaft (der „trade“ oder Dorfmarkt) und auße­rhalb (der „market“ ). Letzterer ent­wi­ckelte sich eigent­lich nur durch die Aktion des Staates und/oder das zuneh­mende Auftreten einer Klasse von Händlern, die die Verbindung zwi­schen den beiden Typen von Markt hers­tellte, wäh­rend die Tatsache, daß Bauern und Handwerker auf dem trade ver­kauf­ten, diese nicht zu Händlern machte. Erst dann kann man von einem Markt im moder­nen Sinne des Wortes oder gar von einer Marktwirtschaft spre­chen, jedoch stets unter der Bedingung, daß man aus der Aktion des Staates und der des Kapitals nichts Getrenntes macht.

8 — Das alles brachte den Marxismus in Verlegenheit, denn dieser sucht nach einem Zusammenfallen zwi­schen dem Aufkommen der kapi­ta­lis­ti­schen Produktionsweise und der Bildung einer homo­ge­nen Klasse, die dessen gesell­schaft­li­che Basis bildet. Man kann eine solche aber weder in diesen klei­nen Produzenten oder Händlern sehen, noch in der großen Handels- oder Finanzbourgeoisie, die mit dem Seehandel ver­bun­den ist… noch im Staat! (s. Fußnote 25).

9 — Karl Marx, Einleitung (zur Kritik der Politischen Ökonomie), in: MEW 13, Berlin 1971, S. 613-642. Marx kri­ti­sierte sich später selbst in seinen „Randglossen zu Adolph Wagners ‚Lehr­buch der poli­ti­schen Ökonomie’“, in: MEW 19, Berlin 1972, S. 355-383.

10 — Nur Neo-Ricardianer wie Piero Sraffa und Paul Fabra (L’anti­ca­pi­ta­lisme. Essai de réha­bi­li­ta­tion de l’économie poli­ti­que, Paris 1974) bes­trei­ten diesen Standpunkt und weisen darauf hin, daß in der stren­gen Logik des Arbeitswertgesetzes jede Produktion von zusätz­li­chem Reichtum einen Prozeß der Entwertung nach sich zieht.

11 — Vgl. Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn, L’évanescence de la valeur.Une pré­sen­ta­tion cri­ti­que du Groupe Krisis, Paris 2004.

12 — Wir lassen hier die Frage bei­seite, ob es sich um kon­krete pro­duk­tive Arbeit, um Arbeit im all­ge­mei­nen oder um „abs­trakte Arbeit“ han­delt.

13 — Anders gesagt, der Wert exis­tiert nicht, weil es noch keine „not­wen­dige Arbeit“ gibt und sich diese erst im Tausch und nicht in der Produktion bildet; aber er exis­tiert den­noch, weil es bereits Maße an Zeit gibt. Wieder anders gesagt, der Wert ist bereits voraus­ge­setzt, aber noch nicht gesetzt (das ist die Position von Ruy Fausto: Le Capital et la Logique de Hegel. Dialectique marxienne, dia­lec­ti­que hégé­lienne, Paris 1997).

14 — Karl Marx, Das Kapital. Kritik der poli­ti­schen Ökonomie. Dritter Band. Buch III: Der Gesamtprozeß der kapi­ta­lis­ti­schen Produktion (MEW 25), Berlin 1970, S. 822-823. Von ande­ren Voraussetzungen aus­ge­hend und mit der Hervorhebung der Analyse der Kategorien und der Formen bei Marx äußert Moishe Postone in „Zeit, Arbeit und gesell­schaft­li­che Herrschaft. Eine neue Interpretation der kri­ti­schen Theorie von Marx“ (Freiburg 2003) eine Position, die uns ziem­lich nahe an seiner Auffassung des Werts als gesell­schaft­li­cher Vermittlung erscheint, doch dabei setzt er, Marx zitie­rend (S. 118), Wert und Kapital gleich, denn für ihn kann der Wert nur unter einem Kapitalismus exis­tie­ren, der bereits als Vergegenständlichung der abs­trak­ten Arbeit kons­ti­tuiert ist, eine Form, die diesem Kapitalismus abso­lut spe­zi­fi­sch ist. Die abs­trakte Arbeit wird ihre eigene gesell­schaft­li­che Grundlage und ist nicht mehr direkt an die Produktion des Reichtums gebun­den. Indem sie ihre eigene Gesellschafts­sphäre schafft, erlangt sie eine fast objek­tive Existenz, die aus Notwendigkeit, Disziplin, Funktion und gesell­schaft­li­chem Zusammenhang bes­teht. Das haben wir in den Kämpfen gegen die Arbeit der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jahre nicht erkannt. Wir haben uns damit begnügt, jede Affirmation der kon­kre­ten Arbeit im Namen ihrer not­wen­di­gen Abschaffung als abs­trakte Arbeit zu kri­ti­sie­ren. Dabei ver­na­chläs­sig­ten wir den gesell­schaft­li­chen Vermittlungscharakter, den die kon­krete Arbeit wei­te­rhin inne­hat, und sahen darin nur abs­trakte Herrschaft. Das konnte auf prak­ti­scher Ebene noch durch­ge­hen, solange die Stärke der Kämpfe es erlaubte, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen, doch deren Scheitern sollte diese Perspektive rui­nie­ren.

15 — Der Computer, mit dem wir diesen Text schrei­ben, ist kein Kapital, son­dern ein Produkt des Kapitals, wäh­rend der Computer im Unternehmen Kapital ist, vor allem weil er der Vermittlung der Produktion und des Profits dient und somit nicht neu­tral ist. Das Kapital als gesell­schaft­li­che Totalität ist Teil eines kapi­ta­lis­ti­schen Bewußtseins, das die Innovationen nach seinen Bedürfnissen selek­tiert.

16 — Genauer gesagt eine Metaphysik der Wertform. Vgl. Cornelius Castoriadis, Durchs Labyrinth. Seele, Vernunft, Gesellschaft, Frankfurt am Main 1981, S. 234. Castoriadis ver­sucht dies zu ver­mei­den, indem er die Unterscheidung zwi­schen Tauschwert und Wert ablehnt, was per se jede Diskussion über diese „Wertform“ aus­schließt (ebd., S. 235-236). Das führt ihn auch dazu, der abs­trak­ten Arbeit ihren Status als Form zu ver­wei­gern und sie mit der „Arbeit im all­ge­mei­nen“ glei­ch­zu­set­zen. Für einen kri­ti­schen Vergleich der Ansätze von Castoriadis und Postone bezie­hen wir uns auf den Text von Bernard Pasobrola: Fin du tra­vail: ver­sion Postone ou Castoriadis?, verfüg­bar unter: http://www.lare­vue­des­res­sour­ces.org....

17 — Das bezeugt die Bedeutung der Geldgeschenke bei Geburts- und Feiertagen. Schon früher schenk­ten Großeltern der Bourgeoisie ihren Enkeln einen Louisdor, aber neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich das in allen Schichten der Bevölkerung aus­brei­tet. Heute z. B. erscheint das Taschengeld für Kinder und Jugendliche als Verkörperung einer freien Wahl. Das Geld erhebt sich zur uni­ver­sel­len befreien­den Macht.

18 — Das war schon der Fall bei den klas­si­schen Ökonomen, die im Staat nur eine unpro­duk­tive Macht sahen.

19 — S. vor allem Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts, Band 1: Der Alltag, Band 2: Der Handel, Band 3: Aufbruch zur Weltwirtschaft, München 1985/1986. Genauer gesagt haben wir eine Synthese zwi­schen Braudels Analyse der „longue durée“ und einer Charakterisierung nach Hierarchieebenen ver­sucht, die Loren Goldner ohne Bezug auf Braudel ent­wi­ckelt hat (Loren Goldner, Sur le capi­tal fictif (2003), verfüg­bar unter home.earth-link.net/ lrgold­ner und in: Loren Goldner, Nous vivrons la révo­lu­tion, Paris 2008, S. 122-129.

20 — Vgl. Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn, Crise finan­ciére et capi­tal fictif, a.a.O. Der Begriff Kapitalismus ist rela­tiv neu (Louis Blanc benutzte ihn 1850, Proudhon ungefähr zur selben Zeit), Marx benutzte ihn erst nach 1867, wäh­rend er die Wörter „Kapitalist“ und „Kapitalistenklasse“ bereits zuvor gebrauchte. Später wird er als Gegensatz zum Wort „Sozialismus“ vul­ga­ri­siert werden. Braudel benutzt ihn unse­rer Meinung nach miß­bräu­chlich, wenn er von „anti­kem Kapitalismus“ spricht und somit in eine ahis­to­ri­sche Auffassung mündet, was für einen Historiker der Gipfel ist: „Imperialismus und Kolonialismus sind so alt wie die Welt, wobei jede deut­lich aus­ge­prägte Herrschaft den Kapitalismus abson­dert.“ (Aufbruch zur Weltwirtschaft, a.a.O., S. 325).

21 — „In dieser abges­chirm­ten Dunkelzone, in der Eingeweihte ihre undurch­sich­ti­gen Aktivitäten ent­fal­ten, liegt meines Erachtens die Wurzel all dessen, was sich unter den Begriff Kapitalismus fassen läßt - Kapitalismus vers­tan­den als Akkumulation von Macht (die den Tausch mehr auf ein Kräfteverhältnis als auf wech­sel­sei­tige Bedürfnisse grün­det), als Sozialparasitismus, über dessen Unvermeidbarkeit sich, wie über die vieler ande­rer Erscheinungen, strei­ten läßt.“ (Fernand Braudel, Der Handel, a.a.O., S. 12-13).

22 — Auch dort, wo er den (theo­re­ti­schen) Moment, an dem sich alle his­to­ri­schen Formen des Kapitalismus in der Dynamik der „longue durée“ wieder finden, als „Meta-Kapitalismus“ bezeich­net. Es gibt im Kapitalismus kein kapi­ta­lis­ti­sches Jenseits. Die gegenwär­tige Totalisierung des Kapitals ist keine Überwindung. Das Kapital als pro­zes­sie­ren­der Wert bewahrt seine Besonderheit, doch das wirkt nicht mehr auf die Dialektik der gesell­schaft­li­chen Klassen; es kapi­ta­li­siert alle men­schli­chen Aktivitäten in einer par­ti­ku­la­ri­sier­ten Gesellschaft und nicht im Kommunismus.

23 — Z.B. beim Übergang vom Markt großer Dörfer zum städ­ti­schen Markt (wo der „market“ über den „trade“ herr­scht) oder beim Übergang von einem Kleinbürgertum aus Handwerkern, Händlern und reich gewor­de­nen Bauern zu den bür­ger­li­chen Dynastien, und durch die Entwicklung der ersten „Weltökonomien“ (Immanuel Wallerstein) und die Befreiung der Ökonomie (Karl Polanyi).

24 — Fernand Braudel, Der Handel, a.a.O., S. 247-248.

25 — Der Ursprung dieses Problems wird in Fußnote 8 anges­pro­chen. Das typischste (und für Marx und Engels pein­lichste) Beispiel ist England, wo Händler und Finanzleute, reich gewor­dene ehe­ma­lige Bauern, die in die Industrie gewech­selt waren, von der alten aris­to­kra­ti­schen Herrschaftsordnung absor­biert wurden. Ebenso wurde das Beispiel der „enclo­su­res“ von den Marxisten oft als Beginn einer Konzentration von Kapital prä­sen­tiert; nun ist diese aber nicht von den Großgrundbesitzern durch­geführt worden (sie zogen keinen Nutzen daraus), son­dern von den klei­nen und mit­tle­ren Landbesitzern mit Hilfe des Staates (vgl. Immanuel Wallerstein). Was wesent­lich ist, ist der voll­zo­gene Bruch mit dem alten sozia­len Verhältnis: Privateigentum ist „Befreiung“ des Dings zum Nutzen des Individuums, inso­fern es bis dahin gel­tende Rechte kol­lek­ti­ver Nutzung auf­hebt. Zusätzlich stellt sich dabei die Frage der Klassen: zuerst die der Bildung einer Klasse und ihres Bewußtseins, dann die der Rolle der Mittelschichten (zu diesem Punkt siehe auch den ersten Teil von Jacques Wajnsztejn, Après la révo­lu­tion du capi­tal, Paris 2007), und dann die der Bildung einer herr­schen­den Klasse (für die marxis­ti­schen Historiker: die kapi­ta­lis­ti­sche Produktionsweise exis­tiert seit dem 16. Jahrhundert, aber der Staat bleibt bis zum 18. Jahrhundert ein Feudalstaat!).

26 — Man findet vier gemein­same Punkte dieser beiden Momente des Prozesses: 1. die Organisation als Netzwerk (die Hanse, die ita­lie­ni­schen Städte, Brügge und Amsterdam); 2. die Zirkulation der Information über stra­te­gi­sche Knoten, die diese Stadtstaaten bil­de­ten; 3. den Anfang eines Prozesses der Verwandlung in fik­ti­ves Kapital (vgl. die Kreditkrisen in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die inso­fern modern sind, als sie ihre Ursache nicht mehr in den Rhythmen des Wachstums oder den Krisen der Agrar- oder Industrieproduktion haben, im Gegensatz zu dem, was in den Krisen des soge­nann­ten „ancien régime“ pas­sierte); 4. stra­te­gi­sche Knoten sichern die Aufnahme des Reichtums. Es ist kaum wich­tig, wer pro­du­ziert und wer ver­kauft. Es genügt, ihn am Ende des Kreislaufs wie­der­zu­ge­win­nen. Die Stadtstaaten impor­tie­ren Agrarprodukte mit sch­wa­chem Mehrwert und pro­du­zie­ren nur noch Produkte mit hohem Mehrwert. In Florenz z.B. Öl und Wein aus der Toskana gegen sizi­lia­ni­schen Weizen. Diese Situation ist noch heute die der Großmächte und vor allem der USA.

27 — Darauf hat Amadeo Bordiga schon in den fünf­zi­ger Jahren in seinem Text „Proprietà e capi­tale“ („Eigentum und Kapital“, in: Prometeo, Nr. 10-14, 1948-1950) auf­merk­sam gemacht; auch Marx hatte bereits darauf hin­ge­wie­sen, daß das kapi­ta­lis­ti­sche Wachstum zu einer immer gerin­ge­ren Bedeutung der Eigentumsfrage im pro­le­ta­ri­schen Programm führen würde, und zitierte zur Stützung seiner These das Beispiel der ersten damals auf­tre­ten­den Aktiengesellschaften.

28 — Diese Perspektive wird noch radi­ka­li­siert in einem jüng­sten Ansatz, der in keinem Verhältnis zur his­to­ri­schen Entwicklung des pro­le­ta­ri­schen Programms steht. Moishe Postone (Zeit, Arbeit und gesell­schaft­li­che Herrschaft, a.a.O.) und in seinem Gefolge die deut­sche Gruppe „Krisis“ bes­chrei­ben einen Prozeß gesell­schaft­li­cher Herrschaft, in der die Klassen nur noch eine peri­phere Rolle spie­len, da es kein his­to­ri­sches Subjekt dieser Herrschaft mehr gäbe, son­dern nur noch objek­tive Verhältnisse, die die Klassen dur­ch­drin­gen. Postone redu­ziert zu Unrecht den Klassengegensatz auf eine Eigentumsfrage und die Dialektik der Klassenkämpfe wird durch eine Dialektik der ent­frem­de­ten Formen ersetzt. In diesem Rahmen ergibt der Begriff „herr­schende Klasse“ keinen Sinn mehr. Postone kommt so zu einem neuen Determinismus, und zwar dem der ent­frem­de­ten Formen, der sich ebenso sicher in die Geschichte ein­schrei­ben wird wie der „Sinn der Geschichte“ der ortho­doxen Marxisten.

29 — Der Begriff „Ausweichen des Kapitals“ wurde in den sieb­zi­ger Jahren in der Zeitschrift „Invariance“ ent­wi­ckelt, um Prozesse zu bes­chrei­ben, in deren Gefolge die Kapitalverwertung nicht mehr allein von der Ausbeutung der Arbeitskraft wäh­rend der Arbeitszeit bes­timmt wird. Es kommt zu einer Auflösung der alten Fesseln des Verhältnisses zwi­schen Kapital und Arbeit; die „Wertschöpfung“ ges­chieht in allen gesell­schaft­li­chen Verhältnissen. Das Kapital ist nicht mehr strikt an die Notwendigkeit gebun­den, pro­duk­tive men­schli­che Arbeit aus­zu­beu­ten. „Temps cri­ti­ques“ hat dies defi­niert als die Tendenz zum „Wert ohne Arbeit“; vgl. Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn (Hrsg.), La valeur sans le tra­vail. Anthologie et textes de Temps cri­ti­ques, Paris 1999.

30 — Ein jüng­stes Beispiel eines sol­chen Konflikts war die Debatte über die Aufrechterhaltung des Notstands zuguns­ten der ame­ri­ka­ni­schen Zentralbank (der FED), was es dieser erlaubte, die Kontrolle der poli­ti­schen Macht zu umge­hen. Chris Dodd war im Senat für die Einschränkung des Notstands und Barney Frank wollte im Kongreß dessen Ausweitung - dabei sind beide Vertreter der Demokratischen Partei!

31 — Es ist kein Zufall, daß die wich­tig­sten Recherchen, die heute finan­ziert werden, die Bereiche der Medizin, der Umwelt, der Kommunikation und des Bioengineering betref­fen. Der men­schli­che Körper, seiner Kapazität als größ­ten­teils unwe­sent­lich gewor­de­ner Arbeitskraft entk­lei­det, wird an vor­ders­ter Stelle wieder ins Spiel gebracht (manche nennen das Biopolitik). Zugleich tau­chen Gegenpositionen auf, die ein ange­blich urs­prün­gli­ches Verhältnis zur Natur wie­der­fin­den wollen, sowohl in der Strömung der „deep eco­logy“ als auch in Zeitschriften und Büchern der kom­mu­nis­ti­schen Linken. Dies ist ein stän­di­ges Thema der Zeitschriften „Invariance“ (seit der Série IV) und „Discontinuité“ und auch von Claude Bitot in seinem Buch „Was für eine andere Welt ist möglich? Zurück zum kom­mu­nis­ti­schen Projekt“ (Weggis 2009). Das „Wiederfinden“ ver­weist darauf, was in diesem Projekt der Suche nach einem Ursprung bereits als Scheitern enthal­ten ist, denn es geht nicht darum, in die Vergangenheit zurü­ck­zu­keh­ren, son­dern die Zukunft ins Auge zu fassen und dabei ein Geschehen zu berück­sich­ti­gen, das keine Verirrung der Spezies, son­dern der Verlauf seiner Geschichte ist.

32 — Pier Paolo Pasolini hat diesen Prozeß in „Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft“ (Berlin 1978 ) auf der Ebene der Verhaltensweisen von Individuen und Kleingruppen gut bes­chrie­ben. Auf sozia­ler oder poli­ti­scher Eben wurde dieser Prozeß weni­ger ana­ly­siert. Luc Boltanski/Ève Chiapello spre­chen von einem „neuen Geist des Kapitalismus“ (Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003), aber dies deshalb, weil sie vom stren­gen Modell beses­sen sind, das wäh­rend der Herrschaft des Industriekapitals vorherr­schte und von Marx, Max Weber und Werner Sombart bes­chrie­ben wurde. Doch bei den Neoklassikern hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Theorie des „Nützlichkeitswerts“ nichts mit Moral zu tun; der Wert wird frivol, er ent­deckt die Begierde hinter dem Bedürfnis (vgl. Jean-Joseph Goux, Frivolité de la valeur. Essai sur l’ima­gi­naire du capi­ta­lisme. Paris 2000).

33 — Manche behar­ren zwar noch darauf, von der bür­ger­li­chen Klasse als herr­schen­der Klasse zu spre­chen, aber es gibt kaum noch jeman­den, der denkt, daß wir noch in einer „bür­ger­li­chen Gesellschaft“ leben, die als Gesellschaft defi­niert werden kann, in der die Politik die von den Revolutionen gegen das Ancien Régime zerstörte Einheit wie­de­rhers­tellt, einer Einheit voller Konflikte und beson­ders voller Klassenkonflikte.

34 — Die „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft“ ist diesem tech­ni­schen System also nicht aus­ge­lie­fert, denn gerade sie hat es sich ein­ver­leibt und dabei jede Abweichung und deren Voraussetzung aus­ges­chal­tet.

35 — „Le pou­voir au bout du char.“ Interview mit Cornelius Castoriadis, in: Le Nouvel Observateur , 2. Januar 1982, S. 14-19.

36 — Das Mindeste, was man sagen kann ist, daß das Thema veral­tet ist. Wir wissen heute, welche Art kul­tu­rel­ler und reli­giö­ser Bewegungen die Revolution des Kapitals her­vor­ge­bracht hat: den reli­giö­sen Fundamentalismus, die iden­titä­ren Partikularismen, das Clan-Denken, die vir­tuel­len Kommunitaristen, und wir wissen auch, was sie aus der Arbeiterklasse gemacht hat: eine Brache.

37 — Vgl. Cornelius Castoriadis, Introduction, in: Ders., La société bureau­cra­ti­que 1. Les rap­ports de pro­duc­tion en Russie, Paris 1973, S.11-61.

38 — Dieser Gedanke einer kapi­ta­lis­ti­schen Maschine, in der die Individuen nur noch Träger von Verhältnissen sind, wurde von der Gruppe Krisis und von unabhän­gi­gen Marxisten wie Ruy Fausto (Marx: Logique et poli­ti­que. Recherches pour une recons­ti­tu­tion du sens de la dia­lec­ti­que, Paris 1986) und Tran Hai Hac ( Relire „ Le capi­tal”. Marx, cri­ti­que de l’économie et objet de la cri­ti­que de l’économie poli­ti­que, Lausanne 2003) ent­wi­ckelt, aber auch von den Rhetorikern eines „Prozesses ohne Subjekte und ohne Ziele“ (Louis Althusser, Michel Foucault, Gilles Deleuze und Félix Guattari) und den Theoretikern der „Dekonstruktion“ (Jacques Derrida).

39 — Vgl. Cornelius Castoriadis, Le Monde mor­celé. Les car­re­fours du laby­rin­the III, Paris 1990.

40 — Aus der Fähigkeit, sich als auße­rhalb der Widersprüche des Kapitalismus ste­hend zu prä­sen­tie­ren, resul­tiert sowohl die Stärke bei den Wahlen als auch die theo­re­ti­sche Schwäche der ökologischen Parteien oder Organisationen.

41 — Jacques Wajnsztejn, Après la révo­lu­tion du capi­tal, Paris 2007, S. 47 ff.

42 — Das Verhältnis zur Technik wie auch das Verhältnis zur äußeren Natur sind dem­nach his­to­ri­sch, blei­ben aber ein Verhältnis und sind nichts Äußeres, das im Rahmen einer Herrschaft erlit­ten worden wäre. Zudem wurde dieses Verhältnis zur Technik von der den Menschen eige­nen Leidenschaft, Aktivität und Entdeckung ges­tal­tet (vgl. Charles Sfar/Jacques Wajnsztejn, Activité humaine et tra­vail sowie dies., A propos de l’alié­na­tion ini­tiale, in: Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn (Hrsg.), La valeur sans le tra­vail, Paris 1999, S. 11-15 und S. 33-36).

43 — Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der poli­ti­schen Ökonomie, a.a.O., S. 590-609.

44 — Kritische Kommentare zu dieser vor allem von den Neo-Operaisten um Antonio Negri, Paolo Virno und Maurizio Lazzarato ent­wi­ckel­ten Position finden sich bei Ricardo d’Este, Quelque chose. Quelques thèses sur la société néo­mo­derne, in: Temps cri­ti­ques 8/1994, S. 24-32 (wieder abge­druckt in: Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn (Hrsg.), L’indi­vidu et la com­mu­nauté humaine. Anthologie et textes de Temps cri­ti­ques, Paris 1998, S. 377-386) und Jacques Wajnsztejn, Le devenu de l’auto­no­mie: le néo-opé­raïsme, in: ebd., S. 71-77.

45 — Contrat Première Embauche (CPE): Gesetz zur Ersteinstellung von Jugendlichen zu redu­zier­ten Löhnen, das 2006 durch eine mas­sive Protestbewegung zu Fall gebracht wurde (AdÜ).

46 — Zu wei­te­ren Ausführungen über diesen Punkt s. Jacques Wajnsztejn, Le cours chao­ti­que de la révo­lu­tion du capi­tal, in: Temps cri­ti­ques, 15/2010, S. 75-111.

47 — Dieser Begriff unter­schei­det sich zugleich von dem der „ein­fa­chen Reproduktion“ (die auf der Ebene der kons­tan­ten Produktivität exis­tiert und die sei­ner­zeit wesent­li­che Unterscheidung in pro­duk­tive und unpro­duk­tive Arbeit geför­dert hat; sie wird auf der Ebene des indi­vi­duel­len Kapitals ana­ly­siert) und dem der „erwei­ter­ten Reproduktion“ (der Wert, der sich durch eine Akkumulation von kons­tan­tem Kapital selbst ver­wer­tet, was heute im Verhältnis zum varia­blen Kapital und also durch eine ges­tie­gene Arbeitsproduktivität immer wich­ti­ger wird; sie wird auf der Ebene des glo­ba­len Kapitals ana­ly­siert). Diese beiden Begriffe defi­nierte Marx zum ersten Mal in den Bänden 1 und 2 des „Kapitals“, zum zwei­ten Mal in Band 3. Eine der Äußerungen dieser „vereng­ten Reproduktion“ zeigt sich aktuell im Prozeß der rela­tiv sin­ken­den Akkumulation in der Produktion und den Grenzen des Wachstums der Arbeitsproduktivität (ein Maßinstrument, das seit der Revolution des Kapitals höchst fragwür­dig gewor­den ist). Guy Fargette war der Erste, der diesen Begriff in seiner Zeitschrift „Le Crépuscule du XX ème siécle“ benutzt hat, aber in einem leicht verän­der­ten Sinn. Für ihn sind der Staat und die Gewerkschaften, die im öffentlichen Dienst noch stark prä­sent sind, nur noch eine träge Kraft, die auf dem Modell der asia­ti­schen Produktionsweise beruht. Sie sind vom Bereich der Ökonomie abges­ch­nit­ten und schrän­ken ins­be­son­dere die Dynamik und Machtstrategie der großen Unternehmen ein. Siehe dazu auch den Artikel „Quelque chose“ (a.a.O.) von Riccardo D’Este, in dem er einen Gegensatz zwi­schen Produktion und Reproduktion bes­chreibt. In der „fort­schrit­tli­chen“ Phase des Kapitals beherr­schte die Produktion die Reproduktion, denn als Trägerin einer neuen Entwicklung (z.B. der Übergang von der Kutsche zum Auto) verfügte sie über eine Art überlegene oder zusätz­li­che Dimension. Doch im „Neokapitalismus“ beherr­scht die Reproduktion die Produktion inso­fern, als letz­tere nur noch wie­de­rho­lend ist (der FIAT Punto ersetzt nur noch den FIAT Uno). Die Innovationen werden nur noch von den Reproduktionsbedingungen bes­timmt. Das ist nahe an dem, was wir sagen, aber Riccardo D’Este sieht das noch im Rahmen einer „erwei­ter­ten Reproduktion“.

48 — Jedenfalls würde eine solche „Tributpflicht“ („cours tri­bu­taire“) nur mit dem Konzept der „erwei­ter­ten Reproduktion“ kon­kur­rie­ren und nicht mit dem Begriff der Reproduktion in dem Sinne, den wir ihm geben, wenn wir von „Reproduktion des gesell­schaft­li­chen Verhältnisses“ spre­chen, z.B. wenn wir sagen, daß die Widersprüche des Kapitals heute auf der Ebene seiner glo­ba­len Reproduktion ange­sie­delt sind und nicht mehr auf der Ebene der Produktion; auf eben dieser Ebene spielt sich „die Krise“ ab. Eine wei­tere Kritik am Konzept der Reproduktion ist die, daß es die Vorstellung einer Substanz impli­ziert. Das ist inso­fern zu bes­trei­ten, als sich die Reproduktion genauso gut durch Anpassungen vielfäl­ti­ger Prozesse und Netzwerke voll­zie­hen kann, die so kon­ver­gie­ren, daß sie noch eine Gesellschaft bilden (selbst unter der Form der kapi­ta­li­sier­ten Gesellschaft) und nicht ein System. Zu diesem Punkt ist die Diskussion noch nicht abges­chlos­sen.

49 — Zu diesem Thema siehe die inte­res­san­ten Ausführungen in der letz­ten Ausgabe der Zeitschrift „Théorie com­mu­niste“ (Sommer 2009) mit dem Titel „Le moment actuel“ („Der aktuelle Moment“). Selbst wenn wir nicht so weit gehen würden, daraus eine Theorie zu machen, ist das, was wir sagen, ziem­lich nahe an dem, was diese Autoren unter „Abweichung“ vers­te­hen.

50 — Ein Beispiel für diesen Verlust an inter­nem Einfluß sind die Streitigkeiten des Delegierten der CGT bei Continental mit der Führung der CGT im Jahr 2009.

51 — Mißverstehen wir uns nicht. Wir dürfen Bewußtsein und Realität nicht ver­wech­seln. Viele Leute „glau­ben“ noch an die Arbeit als pri­vi­le­gierte men­schli­che Tätigkeit, wäh­rend das soziale Verhältnis zwi­schen Kapital und Lohnabhängigen in seiner Neuzusammensetzung mit einem sol­chen Glauben nichts mehr zu tun hat. In der Realität setzt sich eine Gleichgültigkeit gegenü­ber dem Inhalt der Arbeit, eine Gleichgültigkeit gegenü­ber dem Arbeiter durch. Jeder weiß, daß er ersetz­bar ist, nur wenige sind imstande, ihre Arbeit und deren ange­bli­che Nützlichkeit zu defi­nie­ren; es bleibt nur noch die reine Funktion, der Sinn der Hierarchie und der even­tuel­len Macht, die sich daraus ergibt. So sind selbst die oberen Führungskräfte zwar wegen ihrer ange­bli­chen Kompetenz in ihrem Spezialgebiet ein­ges­tellt worden, arbei­ten heute jedoch oft in einem ganz ande­ren Bereich. Wie in den großen moder­nen Fußballvereinen bes­teht das Wesentliche für ein Unternehmen darin, men­schli­ches Rohmaterial zusam­men­zu­brin­gen, das wert­voll­ste Kapital, wie Stalin zyni­sch sagte und wie es heute die Spezialisten der Human Relations herum­po­sau­nen. Wie in der wis­sen­schaft­li­chen Arbeitsorganisation geht es heute darum, die Arbeitskraft ein Maximum „leis­ten zu lassen“, aber diese Erfordernisse berüh­ren nun alle Lohnabhängigen und nicht nur die unge­lern­ten Arbeiter, denn diese Erfordernisse sind nicht mehr nur an die mate­rielle Produktion gebun­den.

52 — Vgl. den Artikel von Robert Kurz von der Gruppe Krisis: Die ver­lo­rene Ehre der Arbeit, in: Krisis. Zeitschrift für revo­lu­tionäre Theorie, 10/1991, S. 11-51.

53 — Vgl. Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus. Anti-Kautsky, Hamburg 1920 (zahlr. Neuauflagen, zuletzt in: Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats/W.I. Lenin, Die pro­le­ta­ri­sche Revolution und der Renegat Kautsky/Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus/Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus/Karl Kautsky, Von der Demokratie zur Staatssklaverei. Herausgegeben von Hans-Jürgen Mende, 2 Bde., Berlin 1990, Band 2, S. 7-174).

54 — Vgl. Robert Linhart, Lénine, les pay­sans, Taylor. Essai d’ana­lyse maté­ria­liste his­to­ri­que de la nais­sance du sys­tème pro­duc­tif sovié­ti­que, Paris 1976.

55 — Der zuneh­mende Substanzverlust der Arbeitskraft bedeu­tet nicht das Ende der Arbeit, son­dern ihre Krise und eine Krise der Lohnabhängigkeit, die ihre der­zei­tige Basis ist. Immer mehr Menschen müssen auße­rhalb oder am Rande der Arbeit repro­du­ziert werden (die Jugendlichen, die Alten, die neuen Migranten, die Arbeitslosen), ohne daß sie wirk­lich eine zukünf­tige indus­trielle Reservearmee bilden können. Eine immer höhere Anzahl von ihnen ist im aktuel­len Zustand der gesell­schaft­li­chen Verhältnisse überflüssig.

56 — Es han­delt sich um ein Zwangsmittel, um Arbeitslose stär­ker unter Druck zu setzen (AdÜ).

57 — Es han­delt sich dabei um die im Jahr 2000 ein­geführte Basiskrankenversicherung, die nur das Allernotwendigste abdeckt (AdÜ).

58 — Was wir über den Verlust des eigent­li­chen Werts der Arbeit sagen, betrifft nicht die gering qua­li­fi­zier­ten Lohnabhängigen. In den ande­ren Bereichen basiert der ein­zige Unterschied, außer für eine ver­sch­win­dende Minderheit, näm­lich die Führungskräfte der Macht, auf Handlungsspielräumen, die es ermö­gli­chen, auch hier durch freien Willen, die Leere einer Funktion zu füllen. Es geht also darum, „so zu tun“, als hätte unsere Arbeit noch eine Bedeutung, und für sie einen „äußeren“ Wert zu finden, um „dur­ch­hal­ten“ zu können. Im öffentlichen Dienst führt das dazu, daß die Beschäftigten eine große Unterscheidung machen zwi­schen einer­seits ihren oft schlech­ten reel­len Arbeitsbedingungen, die eine Entwertung und sogar eine Entqualifizierung dieser Arbeit auf­wei­sen, was kons­ti­tu­tiv ist für das, was wir Verlust des eigent­li­chen Werts nennen (Vgl. Temps cri­ti­que, L’État-nation n’est plus éducateur, l’État-réseau par­ti­cu­la­rise l’école. Un trai­te­ment au cas par cas, in: Temps cri­ti­ques 12/2001, S. 89-101 [http://temps-cri­ti­ques.free.fr/spip...]), und ande­rer­seits einer Mystifikation der Mission des öffentlichen Diensts (äußerer Wert), die mit ihrem Beruf und ihrem urs­prün­gli­chen Status ver­bun­den ist. Diese Mystifikation bringt diese Lohnabhängigen oft dazu, ihre Institution und ihre Mission zu ver­tei­di­gen und sich daher nicht als ein­fa­che Lohnabhängige zu sehen. Im Erziehungswesen z.B. ver­tei­di­gen die Lehrer die „Schule der Republik“ (so wie sie ist), weil sie ange­blich diesen äußeren Wert dars­tellt. Viel all­ge­mei­ner kann bei diesem Substanzverlust der Arbeitskraft die gering­ste Störung des Voluntarismus des Lohnabhängigen, der dem einen zwei­ten Sinn geben will, was seinen ersten Sinn ver­lo­ren hat, zu jenem „Leiden an der Arbeit“ führen, wovon heute soviel ges­pro­chen wird.

59 — Zugespitzt kann man sagen, daß man heute von der Arbeit nicht mehr ver­langt, daß sie Reichtum schafft, son­dern vom Reichtum, daß er Arbeit schafft (Entwicklung der Praxis der Dienstleistungs-Gutscheine, der „sub­ven­tio­nier­ten Beschäftigungen“, ideo­lo­gi­sche Appelle an „Unternehmen mit Bürgersinn“).

60 — Auch wenn das Wort in tau­send­fa­cher Weise benutzt wird, ist dies der eigent­li­che Sinn des Begriffs „Biopolitik“.

61 — Obwohl er die meis­ten Kategorien auf­greift, die wir in diesem Text benut­zen, sind wir nicht ein­vers­tan­den mit Yves Dupeux, einem gele­gent­li­chen Mitarbeiter von „Temps cri­ti­ques“, der diesen Begriff in seinem Artikel „L’époque du natio­nal-capi­ta­lisme“ (Lignes, 30/Oktober 2009) benutzt. Wir haben den Eindruck, daß Dupont in einem Abschnitt über den Steuerwettbewerb interne und externe Interventionen des Staates mitei­nan­der ver­wech­selt. Er erkennt nicht, daß die Symbiose zwi­schen Staat und Kapital nicht mehr auf Ebene 2 voll­zo­gen wird, son­dern auf Ebene 1, die die opti­male Aufteilung der Ressourcen nur auf welt­wei­ter Ebene in einer neuen inter­na­tio­na­len Arbeitsteilung anvi­siert. Diese soll allen Ländern nutzen, wenn auch in jedem Land die Bevölkerung sich an ents­pre­chende neue Vorgaben anpas­sen muß. Er zeigt zwar genau, daß der Kapitalismus welt­weit ope­riert, zieht daraus aber nicht alle Konsequenzen, wenn er behaup­tet, daß sich der Nationalstaat noch auf eine natio­nale Gemeinschaft von Arbeitern beru­fen kann, als würde seine Hauptaktion noch auf Ebene 2 liegen, wie es in den dreißi­ger und vier­zi­ger Jahren der Fall war, als wären die Arbeiter alle noch „Nationalisten“, als wären die Unternehmen in Frankreich noch franzö­si­sch, als würden die Konsumenten noch franzö­si­sch kon­su­mie­ren!

62 — Viele stel­len sich den Staat immer noch wie zu Bakunins Zeiten vor, als man inne­rhalb von zwei Stunden die Kontrolle über das Rathaus von Lyon ergrei­fen konnte!

63 — Wir grei­fen der Einfachheit halber diesen Begriff auf, denn er wird im radi­ka­len Milieu zuneh­mend bekannt. Er bezeich­net all jene Linkskommunisten, die davon überzeugt sind, daß es heute möglich sei, ohne Übergangsphase zum Kommunismus überzugehen. Insbesondere die infor­mel­len Gruppen um die Zeitschrift „Meeting. Revue Internationale pour la Communisation“ ver­tre­ten diese Ansicht. Während für die Anarchisten der Staat total ist, weil er die Herrschaft sym­bo­li­siert, ist der Staat für die radi­ka­len Kommunisten nichts, weil er nur ein Überbau des Kapitals ist. Es genügt also die Kommunisierung, um ihn zu besei­ti­gen.

64 — Während die Fabrik das Zentrum einer zen­tri­fu­ga­len Bewegung war, zu der alles hins­trebte, ist das Unternehmen der Ausgangs- und Wendepunkt einer zen­tri­pe­ta­len Bewegung, die das vol­len­det, was Polanyi die „Herauslösung der Ökonomie“ nannte. Wir sind also an dem Punkt ange­langt, den wir „kapi­ta­li­sierte Gesellschaft genannt haben.

65 — Nicht umsonst ver­sch­wand die „Internationale Arbeiterassoziation“ nach der Niederlage der Pariser Kommune als eigenstän­dige Kraft.

66 — Diese Totalisierung auf der Basis von Netzwerken bein­hal­tet auch die Möglichkeit einer kri­ti­schen Nutzung dieser neuen Technologien (freie Software, elek­tro­ni­sche Zeitungen, Mobilisierungen für Aktionen im Netz), doch der Spielraum ist eng.

67 — „Common decen­cey” meint eine all­ge­meingül­tige Moral, im Gegensatz zum Liberalismus, der eine solche per defi­ni­tio­nem nicht kennt; vgl. Jean-Claude Michéa, La double pensée. Retour sur la ques­tion libé­rale, Paris 2008 (AdÜ).

68 — Diese Zersetzung der Institution reiht sich ein in eine all­ge­meine Schwächung aller frü­he­ren Vermittlungen. Das gilt auch für die gewerk­schaft­li­che Vermittlung in Ländern (Spanien, Frankreich, Italien), in denen die Gewerkschaftstradition revo­lu­tionäre und/oder poli­ti­sche Dimensionen ange­nom­men hatte.

69 — Vgl. den Vorfall zwi­schen Sarkozy in seiner Zeit als Innenminister und den Staatsanwälten von Bobigny wegen der ange­bli­chen Langsamkeit bei der Bearbeitung der Akten von Kleinkriminellen. Vgl. auch die Pläne der „großen Justizreform“ und der Reform der Gewerbeaufsichtsbehörde.

70 — Der Begriff „ mani pulite“ (sau­bere Hände, sinn­gemäß weiße Weste ) bezeich­net die umfan­grei­chen juris­ti­schen Untersuchungen gegen Korruption, Amtsmißbrauch und ille­gale Parteifinanzierung auf poli­ti­scher Ebene in Italien Anfang und Mitte der neun­zi­ger Jahre.

71 — Nach dem jüng­sten Konflikt (Herbst 2009), bei dem ein Tag lang der Bahnhof Saint-Lazare blo­ckiert wurde, bezeich­nete Präsident Sarkozy die Gewerkschaft SUD-Rail als „verant­wor­tungs­los“.

72 — Zu den Streiks im Bildungswesen seit 1986 vgl.: À propos des luttes actuel­les dans l’éducation natio­nale (Interventions, 8/März 2009; verfüg­bar unter http://temps­cri­ti­ques.free.fr/spip.....

73 — Es gibt sogar einen „Mediator“ für die Leser der Tageszeitung „Le Monde“, so sehr hat diese Zeitung ihren Status als Presseinstitution ver­lo­ren! Und in den weni­gen Institutionen, in denen noch Vermittler wirken, wie im natio­na­len Bildungswesen, werden „Mediationen“ erfun­den. Die Lehrerausbildungsinstitute haben an diesem Mystifikationsprozeß weit­ge­hend mit­ge­wirkt. Anstatt die Form der Ausbildung in Frage zu stel­len, woll­ten sie bei den Schwierigkeiten der Ausbildung „ver­mit­teln“, indem sie „lernen woll­ten, wie man lernt“. Die Integration der Lehrerausbildungsinstitute in die Universitäten (2008) bremst zwar die Tendenz zur Verselbständigung der Ausbildung getrennt von den Wissensinhalten, stoppt sie aber den­noch nicht, weil die Universitäten eben­falls ange­hal­ten sind, ihre „Bildungsangebote“ immer mehr zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren.

74 — In Frankreich ver­lan­gen manche poli­ti­schen Fraktionen eben­falls eine Nationalisierung jener in Konkurs gegan­ge­nen Unternehmen, „die noch ren­ta­bel sind“.

75 — Manche mögen denken, daß die aktuelle Diskussion über die franzö­si­sche Identität eine Instrumentalisierung für die Wahlen oder eine fal­sche Frage oder gar der Ausdruck von verhoh­le­nem Rassismus ist. Wenn auch alles davon etwas zutref­fen mag, glau­ben wir, daß sich das Wesentliche anderswo abspielt. Eben im sch­wie­ri­gen Übergang vom Nationalstaat zum Staat als Netzwerk. Und dieser Übergang ist in Frankreich wegen des revo­lu­tionä­ren Ursprungs seines Verständnisses vom Nationalstaat beson­ders sch­wie­rig.

76 — Das erklärt den Niedergang von Formen der Konzentration wie Beteiligungen über Kreuz oder der Strategie des Zusammenschlusses, die als Schutz gegenü­ber einer Abriegelung zwi­schen „befreun­de­ten Gruppen“ des Unternehmenskapitals dient, wie dies in einer bes­timm­ten franzö­si­schen Industrietradition üblich war. Es geht heute darum, alles zu begren­zen, was mit unter­neh­men­sin­ter­nen Bewegungen zu tun hat, die zwang­släu­fig undur­chläs­sig sind. Dieser Weg scheint in Frankreich etwas frei­geräumt zu sein, seit­dem die Gruppe AXA-UAP für die Übernahme von Vivendi die angelsäch­si­sche Strategie gewählt hat. Übrigens hat die Konzentration durch Beteiligung über Kreuz mit einem auslän­di­schen Unternehmen (Nissan für Renault, Mitsubishi für Peugeot) keinen wirk­li­chen Bezug zum regel­rech­ten Baukastensystem, das die alten Formen bil­de­ten.

77 — Wir wollen die Begriffe, wie wir sie vers­te­hen, im Sinne einer Perspektive der Vorwegnahme der kapi­ta­lis­ti­schen Entwicklung prä­zi­sie­ren, wie dies auch Marx in „Resultate des unmit­tel­ba­ren Produktionsprozesses“ getan hat. Zur for­mel­len Herrschaft: „Der Arbeitsprozess wird zum Mittel des Verwertungsprozesses, des Prozesses der Selbstverwertung des Kapitals - der Fabrikation von Mehrwert. Der Arbeitsprozess wird sub­su­miert unter das Kapital (es ist sein eigner Prozess) und der Kapitalist tritt in den Prozess als Dirigent, Leiter; es ist für ihn zugleich unmit­tel­bar Exploitationsprozess frem­der Arbeit. Dies nenne ich die for­melle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.“ (Karl Marx; Resultate des unmit­tel­ba­ren Produktionsprozesses, a.a.O., S. 45-46). Folgendermaßen defi­nierte Marx die reelle Herrschaft, wobei er ganz und gar an die for­melle Herrschaft anknüpfte: „Das all­ge­mein Charakteristische der for­mel­len Subsumtion bleibt, id est die direkte Unterordnung des Arbeitsprozesses, in wel­cher Weise tech­no­lo­gi­sch immer betrie­ben, unter das Kapital. Aber auf dieser Basis erhebt sich eine tech­no­lo­gi­sch und sons­tig spe­zi­fi­sche, die reale Natur des Arbeitsprozesses und seine realen Bedingungen umwan­delnde Produktionsweise, - kapi­ta­lis­ti­sche Produktionsweise. Erst sobald diese ein­tritt, findet statt reale Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.“ (ebd. S. 60). In dieser Form wird das fixe Kapital vorherr­schend: „…ist es in der Produktion des Capital fixe, daß das Kapital in einer höhe­ren Potenz als in der Produktion von capi­tal cir­cu­lant sich als Selbstzweck setzt und als Kapital wirk­sam erscheint.“ ( Karl Marx, Grundrisse der Kritik der poli­ti­schen Ökonomie, a.a.O., S. 605). Die Selbstvoraussetzung („auto­pré­sup­po­si­tion“) des Kapitals ten­diert zum Absoluten. Marx widmet sich daher der detaillier­ten Analyse dieses Phänomens, doch um diese Anmerkung nicht zu überfrachten, ver­wei­sen wir auf Karl Marx, Grundrisse der Kritik der poli­ti­schen Ökonomie, a.a.O., 590-598. Diese neue Unterwerfung setzt eine „voll­stän­dige ökonomische Revolution“ (die stän­dig ges­chieht und sich immer wieder erneuert) in der Produktionsweise, in der Produktivität der Arbeit und in den Beziehungen zwi­schen Kapitalist und Arbeiter voraus. Im glei­chen Maße, wie die Arbeit und der Arbeiter im Produktionsprozeß unwe­sent­lich werden, ten­diert der Kapitalist dazu, zuguns­ten des Funktionärs des Kapitals zu ver­sch­win­den. Es herr­scht nicht mehr der direkte Besitz von Kapital vor, son­dern von Rechten auf die Ausbeutung der Arbeit ande­rer, eine Ausbeutung, die durch das totale gesell­schaft­li­che Kapital rea­li­siert wird. Wir benutz­ten noch die ents­pre­chende Terminologie, auch wenn unsere aktuel­len Entwicklungen sie ten­den­ziell in Frage stellt. Es gab dieser Terminologie zufolge eine chro­no­lo­gi­sche Periodisierung der Herrschaft, wobei jeder Periode eine spe­zi­fi­sche Form von Ausbeutung ents­prach (Extraktion von abso­lu­tem Mehrwert unter der for­mel­len Herrschaft und Extraktion von rela­ti­vem Mehrwert unter der reel­len Herrschaft). Diese Analyse war sinn­voll im Rahmen einer Analyse, die die Ebene 2 zum Zentrum des Kapitalismus machte. Heute, da die „Revolution des Kapitals“ eine neue Hierarchisierung auf drei Ebenen erzeugt hat und zu einer größe­ren Einheit des Ganzen voran­ges­chrit­ten ist, erscheint uns diese Unterscheidung weni­ger effi­zient. Diese Unterscheidung heute bei­zu­be­hal­ten, führt die­je­ni­gen, die sich im Wesentlichen weiter darauf bezie­hen, wie die Zeitschrift „Théorie Comuniste“, theo­re­ti­sch dazu, eine zweite Phase der reel­len Herrschaft zu behaup­ten, um zu ver­su­chen zu vers­te­hen, was pas­siert. Sie spre­chen dann von „Umstrukturierung“, ohne aber den grund­le­gen­den Bruch zu erken­nen, den die „Revolution des Kapitals“ bewirkt hat. Selbst in „Temps cri­ti­ques“ wurde diese Position vor­ge­bracht, indem Jacques Guigou von der Vollendung des Kapitals sprach (vgl. Jacques Guigou, Trois cou­plets sur le para­chè­ve­ment du capi­tal, in: Temps cri­ti­ques, 9/1996, S.43-59, wieder abge­druckt in: Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn (Hrsg.), La valeur sans le tra­vail, S. 261-276), bevor er sie seit unse­rer theo­re­ti­schen Beschäftigung mit der „Revolution des Kapitals“ wieder aufgab.

78 — Vgl. À propos des luttes actuel­les dans l’éducation natio­nale (Interventions, 8/März 2009),a.a.O.

79 — Kritische Anmerkungen zu diesem Oligarchiebegriff finden sich bei Jacques Wajnsztejn, Reproduction, sys­tème, oli­gar­chie, in: Temps cri­ti­ques, 14/2006, S. 105-110 und Jacques Guigou, Vers une domi­na­tion non sys­té­mi­que, in: Ebd., S. 111-114.

80 — Es han­delt sich dabei um Ausbeutungsverhältnisse. Wir behal­ten diesen Begriff bei, auch wenn wir ihn nicht mehr mit dem Marxschen Verständnis in Verbindung brin­gen, so wie er im Rahmen der Arbeitswerttheorie für die mathe­ma­ti­sche Berechnung einer „Ausbeutungsrate“ ver­wen­det wird. Aber in dem Maße, in dem die unmit­tel­bare leben­dige Arbeit für die Verwertung weni­ger zen­tral und ihre Funktion für das Kapital vor allem dis­zi­pli­na­ri­sch wird, wird diese Kategorie der Ausbeutung durch die der Herrschaft ersetzt. Wir haben bereits darauf hin­ge­wie­sen, daß der mora­li­sche Zwang zur Arbeit eine ihrer neuen Formen dars­tellt. Die Herrschaft ist also vielfäl­tig: Sie setzt die Ordnung der Arbeit in einer Gesellschaft durch, die immer mehr deren Nutzlosigkeit zeigt (sie hat keinen Gebrauchswert mehr); sie pro­du­ziert ein beson­de­res Verhältnis zu den Vorgaben der Maschinerie, die ihre eigene Zeitstruktur (nicht nur die des Taylorismus, son­dern auch die des Toyotismus) und ihren eige­nen Typus von Herrschaft durch­setzt, indem sie die Kategorien der Vorarbeiter abschafft; doch diese abs­trakte Herrschaft wird durch die neue Behandlung der men­schli­chen Ressource „huma­ni­siert“ (vgl. die Praxis des mora­li­schen Zwangs, von der wir schon ges­pro­chen haben).

81 — Das alles wird genau bes­chrie­ben von Pierre Souyri in: La dyna­mi­que du capi­ta­lisme au XXe siècle. Paris 1983.

82 — Vgl. die Beiträge in Temps cri­ti­ques Nr. 11/2001.

83 — Für eine inte­res­sante Interpretation dieses Phänomens siehe den Text von André Dréan, La forme d’abord (Juni 2009), verfüg­bar unter: www.non-fides.fr?La-Forme-D-Abord.

84 — Eingehendere Ausführungen zu diesem Punkt finden sich in: Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn, Crise finan­ciére et capi­tal fictif, a.a.O., S. 79-82. Noch eine Klarstellung: In Guadeloupe konnte eine Einheit zwi­schen ver­schie­de­nen Kategorien von Arbeitern, Arbeitslosen, Prekären und Jugendlichen sch­nell her­ges­tellt werden, denn allen war die Tatsache bewußt, daß der Staat und die Metropole eine Art all­ge­mei­nen Unterhalt der Arbeitskraft bezah­len mußten, und daß dies über eine Erhöhung der Löhne, eine Erhöhung der Hilfen oder eine Steuerbefreiung und Preissenkungen für impor­tierte Produkte laufen mußte. Auf dem Kontinent, wo sich die ver­schie­de­nen Kategorien der Beschäftigten wei­te­rhin meh­rheit­lich allein und jeder für sich selbst durch­schla­gen, sind wir noch nicht so weit.

85 — Vgl. zum Beispiel die Kämpfe im Frühjahr 2009 in Guadeloupe und das von neun Intellektuellen (Ernest Breleur, Patrick Chamoiseau, Serge Domi, Gérard Delver, Edouard Glissant, Guillaume Pigeard de Gurbert, Olivier Portecop, Olivier Pulvar, Jean-Claude William) in diesem Zusammenhang ver­faßte „Manifeste pour les ‚pro­duits’ de haute néces­sité“ („Manifest für die lebens­not­wen­di­gen ‚Pro­dukte’“), nach­zu­le­sen unter fol­gen­der web-Adresse: http://jac­bayle.perso.neuf.fr/livre....

86 — Vgl. François Fourquet, Les comp­tes de la puis­sance. Histoire de la comp­ta­bi­lité natio­nale et du plan. Racontée par Claude Alphandéry [u.a.]. Entretiens recueillis et pré­sen­tés par François Fourquet, Paris 1980, und ders., Richesse et puis­sance. Une généa­lo­gie de la valeur (XVIe - XVIIIe siècle) , Paris 1989. Der Bezug auf Fourquet ist nicht apo­lo­ge­ti­sch. Fourquet schrieb in den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahren, also vor dem Zusammenbruch des Sowjetblocks und dessen Folgen, das heißt ers­tens vor dem rela­ti­ven Niedergang der poli­ti­schen Funktion und Souveränität, ein­her­ge­hend mit einer Krise der National­staaten und des Imperialismus, und zwei­tens vor der Globalisierung und der Monetarisierung sowie der Neuzusammensetzung der Beziehungen zwi­schen Kapital und Staat im Sinne einer großen Instabilität (eine nicht vorhan­dene neue poli­ti­sche Weltordnung, eine „ökonomische“ Umstrukturierung, die keine Regulationsweise findet). Kurz gesagt, alles Dinge, die sich von der vorhe­ri­gen Periode unter­schei­den. Bezeichnend für mögli­che Irrtümer dieser Zeit ist, daß Fourquet den sich als falsch erwei­sen­den Gedanken Castoriadis’ von einer „sow­je­ti­schen Stratokratie“ und all­ge­mei­ner, der Renaissance des „Kriegerstaates“, teilte.

87 — Der Bezug auf Adornos „Minima Moralia“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem bes­chä­dig­ten Leben, in: Ders., Gesammelte Schriften Band 4, Frankfurt am Main 1980) bleibt frucht­bar. Ganz beson­ders der auf eine „orga­ni­sche Zusammensetzung des Menschen“ (ebd., S. 259), die im selben Rhythmus wie die orga­ni­sche „tech­ni­sche“ Zusammensetzung des Kapitals anwächst. Während die hohe tech­ni­sche orga­ni­sche Zusammensetzung die Auflösung der Klasse bewirkt, pro­du­ziert die hohe orga­ni­sche Zusammensetzung des Menschen die wach­sende Aufspaltung der Individuen (Schizophrenie des „Ich“, das „den ganzen Menschen als seine Apparatur bewußt in den Dienst (nimmt)“ [ebd., S. 261]). Doch manche Marxisten finden Adornos Kritik viel zu radi­kal, denn sie würde jede Möglichkeit aus­schließen, aus dem Widerspruch zwi­schen Produktions­verhältnissen und Produktivkräften heraus­zu­kom­men. In der Tat paßt dies zu Adornos dama­li­ger pes­si­mis­ti­scher Sicht, es paßt aber auch zu seiner Kritik der dia­lek­ti­schen Methode, die er unmit­tel­bar anschließt (ebd., S. 278-281). Im Rahmen der exis­tie­ren­den gesell­schaft­li­chen Verhältnisse ist kein radi­ka­ler Sprung möglich, und zwar gerade wegen der hohen orga­ni­schen Zusammensetzung des Menschen. Ein sol­cher Sprung würde einzig durch ein Ereignis voll­bracht, das aus dieser Dialektik hinausführt, was Jacques Camatte in seinem Text „C’est ici qu’est la peur, c’est ici qu’il faut sauter!“ („Hier ist die Angst, hier springe!“, in: Invariance, 6/1975, Série II) theo­re­ti­sch verar­bei­tet hat. Das ist auch das, was wir mit dem Gedanken einer „Revolution im Namen des Menschen“ klar­zu­ma­chen ver­su­chen.

88 — Einmal mehr äußert sich diese Kritik in einer wilden Mischung, wobei meh­rere als dur­chaus ver­schie­den zu betrach­tende Strömungen in einen Sack ges­teckt werden; so werden wir manch­mal unter dem Vorwand, wir würden jede revo­lu­tionäre Perspektive in einer Übergangsphase kri­ti­sie­ren, mit den „Kommunisierern“ gleich­ges­tellt; ebenso werden wir in der Frage des auto­ma­ti­schen Subjekts mit der Gruppe „Krisis“ ver­wech­selt, obwohl wir deren Auffassung kri­ti­siert (vgl. Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn, L’évanescence de la valeur, a.a.O., S. 63ff.) und oft die Herrschafts- und Machtlogik betont haben!

89 — Jacques Guigou/Jacques Wajnsztejn, Crise finan­cière et capi­tal fictif, a.a.O.

90 — Doch genau das ist das Ziel man­cher Anhänger des „Minuswachstums“ und vor allem der radi­kal­sten Gruppen dieser Bewegung, die „aus der Ökonomie auss­tei­gen“ wollen. Indem sie sich auf das Paar Produktivismus/Unproduktivismus fixie­ren, inso­fern es noch auf Ebene 1 aktiv ist, blei­ben diese Aussteiger aus der Ökonomie in einer ein­fa­chen Negation der Ökonomie befan­gen. Sie nehmen nicht wahr, daß das Kapital trotz allem Chaos und aller Auflösung infolge seiner Totalisierung die frü­he­ren Bestimmungen der poli­ti­schen Ökonomie und seiner Kritik besei­tigt hat. „Aus der Ökonomie auss­tei­gen“, das ist teil­weise bereits von der „Revolution des Kapitals“ umge­setzt worden. Ihre über die „Ökonomie“ hinaus­rei­chende Kritik erfolgt zum einen auf der Ebene der Wortmeldungen der Experten und zum ande­ren in der Annahme der Existenz einer „infor­mel­len Ökonomie“ (Serge Latouche), die vor allem auf Ebene 1 anzu­tref­fen ist.

91 — Vgl. Henri Lefebvre, La survie du capi­ta­lisme. La repro­duc­tion des rap­ports de pro­duc­tion (3 e édition), Préface de Jacques Guigou, Paris 2002 (deut­sch: Die Zukunft des Kapitalismus. Die Reproduktion der Produktionsverhältnisse, München 1974).

92 — Darunter Yann Moulier Boutang (Le capi­ta­lisme cog­ni­tif. La nou­velle grande trans­for­ma­tion, Paris 2007) und die neo-ope­rais­ti­schen Theoretiker des „kogni­ti­ven Kapitalismus“, die Lobredner auf die ange­blich revo­lu­tionä­ren Potentiale der freien Software und ande­rer Tools der „Selbstproduktion“ von Information und Wissen.

93 — André Gorz, La sortie du capi­ta­lisme a déjà com­mencé, ein­seh­bar unter fol­gen­der web-Adresse: www.kinoks.org/spip.php?arti.... Die deut­sche Übersetzung ( André Gorz, Das Ende des Kapitalismus hat schon begon­nen, in: Ders., Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur poli­ti­schen Ökologie, Zürich 2009, S. 17-29) stimmt mit dieser franzö­si­schen Fassung, nach der hier zitiert wird, nicht immer überein.

94 — Trotz ihres Antagonismus ver­tra­ten die beiden Pole des gesell­schaft­li­chen Verhältnisses die­sel­ben Werte der Arbeit, des Fortschritts, der Ordnung und der Familie.

95 — Der Antikapitalismus nimmt oft die Form einer Kritik des Abstrakten (das Geld, die Finanzwirtschaft, „das Großkapital“) zuguns­ten des Konkreten und Überhistorischen (die Arbeit, die Produktion) an. Diese These ver­tritt Postone (vgl. Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesell­schaft­li­che Herrschaft, a.a.O.) in seinem (bes­chränk­ten, weil rein ökonomischen) Verständnis des Antisemitismus der Nationalsozialisten als beson­de­rer Form des Antikapitalismus; dieser Antikapitalismus wird noch heute geäußert, manch­mal expli­zit (dies ist ange­sichts des Arsenals an Gesetzen, die das „poli­ti­sch Korrekte“ garan­tie­ren, selten gewor­den), doch meis­tens vers­teckt, im Rahmen und über den Umweg ver­schie­de­ner Verschwörungstheorien.

96 — Meistens sind solche Theorien vom Objekt ihrer Kritik kon­ta­mi­niert und blei­ben nur „Anti“. Sie nehmen also nur den Gegenstandpunkt dessen ein, was sie kri­ti­sie­ren. Zum Beispiel wollen manche das Finanzsystem in einen Moralkodex ein­bin­den, andere wollen die Orthografie femi­ni­sie­ren, um Geschlechtergleichheit her­zus­tel­len. Wieder andere wollen den Reichtum besser oder neu ver­tei­len, und andere, radi­ka­lere, wollen das Existierende „kom­mu­ni­sie­ren“.

97 — Wir skiz­zie­ren hier eine Kritik des Substantialismus, für den sich die Realität in der Form von Substanzen dars­tellt, die mitei­nan­der in Beziehung treten, zum Beispiel Individuum und Gesellschaft, Subjekt und Objekt, Mensch und Natur. Für uns geht es dage­gen darum, ver­schie­dene Momente (hoher oder nie­dri­ger Intensität) oder Dimensionen der­sel­ben syn­the­ti­schen Totalität in Gang zu setzen. Das ver­su­chen wir zu zeigen, wenn wir von der Spannung zwi­schen Individuum und Gemeinschaft spre­chen oder vom Kapital als einem gesell­schaft­li­chen Verhältnis und den Vermittlungen (zum Beispiel den gesell­schaft­li­chen Klassen), durch die sich diese Verhältnisse kons­ti­tuie­ren.