Wert ohne Arbeit

Mai 2010, Jacques Wajnsztejn

Übersetzung aus dem Französischen : Rolf Löper

Originalartikel: Et le navire va…

Veröffentlicht im : Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (AGWA), 14 (1996)


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In den vorkapitalistischen Formen war die Arbeit vor allem ein Herrschaftsmittel und die eigentlich ökonomische Ausbeutung stellte nur einen sekundären Aspekt dar, da das Hauptziel dieser Gesellschaften weder die Akkumulation noch die erweiterte Reproduktion war.1

Erst mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise verbindet man Wert und Arbeit, indem man in der Arbeit bloße Wertschöpfung sieht,2 während sie doch zugleich Disziplin, Arbeitszwang und Arbeitsordnung bedeutet, auch wenn dies durch den zum kapitalistischen System gehörigen Status des „freien Arbeiters" verschleiert wird. Der Glaube an Fortschritt, Wissenschaft und Technik hat die gesellschaftlichen Kräfte, die gegen die kapitalistische Produktionsweise kämpften, oft dazu geführt, den Begriff Ausbeutung — verdeckt durch das Geheimnis des Profits (den Mehrwert) — in den Vordergrund zu stellen und den Begriff Herrschaft zurückzuweisen, als ob letzten Endes das System als solches umgestürzt und zu Gunsten seiner Feinde umgedreht werden könnte.

Diese dem Begriff Ausbeutung eingeräumte Vorherrschaft hatte die Betonung der produktiven Arbeit gegenüber den verschiedenen Formen der unproduktiven Arbeit zur Folge; die daraus resultierenden Fragen stehen im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen, die bereits seit zwei Jahrhunderten andauern. Der produktiven Arbeit entsprach die Figur der Arbeiterklasse. Dieses Paar hat als geschichtliche Kraft der Transformation Bestand gehabt und zugleich Platz gemacht für eine in zweifacher Hinsicht indifferente Haltung: gegenüber dem Kapital in Beziehung auf die Natur der Arbeit, die dieses einsetzt (idealiter tendiert das Kapital dazu, aus jeder Qualität und Quantität an Arbeit einen Produzenten von Profit zu machen); dem entspricht für den modernen Arbeitnehmer die Abstraktion der Arbeitsverhältnisse.

Dieser Verlust an spezifischen Umrissen der Arbeitsformen hat — wie der vergleichbare und entsprechende Verlust an Klassenhaltungen und -identitäten — die Ausbeutung nicht aufgehoben, sondern diese ein wenig ihrer im wesentlichen ökonomischen Voraussetzungen entleert. Deshalb ziehen wir es vor, den Begriff Herrschaft, der nicht bloß die Ungleichheiten in den Arbeitsverhältnissen (in der Produktion), sondern sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse (auch die Reproduktion) betrifft, zu benutzen und in den Vordergrund zu stellen. Betont man die Herrschaft, so läßt man damit andere Widersprüche nicht außer acht. Es handelt sich also nicht darum, den Diskurs über die Herrschaft als solche wiederaufzunehmen, der, von Nietzsche über Marcuse bis zu Foucault, die Logik des Gesellschaftlichen in den Vordergrund stellt, während er gleichzeitig die die Entwicklung der modernen Gesellschaft begleitende umfassende Bewegung der Subjektivierung leugnet. Die Gesellschaft ist weder homogen noch eine Einheit. Deshalb kann man auch weder von einem Block sprechen (Adornos und Horkheimers Vision der modernen Gesellschaft) noch von einem Totalitarismus, der alle alltäglichen Handlungen eines eindimensionalen Individuums erfaßt (Marcuse). Die Analyse der Herrschaft in der Gesellschaft darf nicht mit der Analyse der Herrschaft des Staates verwechselt werden. Die erste Analyse darf nicht auf die zweite beschränkt werden.

Die Gesellschaft ist keine Einheit und die Individuen stehen nicht außerhalb von ihr. Die Gesellschaft ist kein bloßes Herrschaftsverhältnis; sie bildet ein System gesellschaftlicher Beziehungen, wobei heute die Herrschaft ins Innere der Subjektivierung gesellschaftlicher Beziehungen vordringt. Es ist diese Subjektivierung, die Bewegungen in Gang setzt, die sich auf neue Herrschaftsformen beziehen (oder aber sie offenlegen), die jedoch niemals vollkommen sein werden.

Dies erscheint wesentlich für die Charakterisierung des kapitalistischen Systems, das in seiner gegenwärtigen Form eher eine Reproduktionsweise als eine Produktionsweise geworden ist. Denn der Akkumulationsprozeß des Kapitals ist nicht mehr der Ausgangspunkt für eine Ausweitung der Produktion und für die Suche nach neuen Profiten. Für die großen Unternehmen wird das Kapital von einem Produktionsfaktor zu einem Ziel an sich. Nun kann alles Objekt der Kapitalisierung werden und sie kann sich auch außerhalb des Produktionsprozesses vollziehen. Auf der konkreten Ebene der Unternehmen schlägt sich dies in dem Hauptziel nieder, eher die Rentabilität als den Profit zu steigern.3 Dies ist natürlich nur möglich, wenn die Unternehmensleiter oder die Manager gegenüber den Kapitalbesitzern oder den Aktionären eine gewisse Selbständigkeit errungen haben. In der Optik dieser „Politik des cash-flow", die die dem Unternehmen für Investitionen zur Verfügung stehende Geldmenge mißt, sind die auf die Aktionäre ausgeschütteten Dividenden Kosten vergleichbar. Rein finanzielle Faktoren siegen über die Ziele der Produktion und die Investitionen müssen nicht vorrangig produktive Investitionen sein. Die Wertschöpfung, wenn es sich überhaupt um Wertschöpfung handelt, erfolgt zunehmend außerhalb des Arbeitsprozesses, im Rahmen von „Kasinokapitalismus" und zunehmenden mafiösen Affären und Praktiken. Steigerung der Rentabilität in diesem Sinne ist gleichbedeutend mit der Steigerung der Macht!

In der gegenwärtigen Gesellschaft dient der erlöste Mehrwert in erster Linie der (vor allem infrastrukturellen) Verstärkung eines auf Konsum — und damit der Destruktion — gegründeten Systems. Die Tatsache, daß auf der Ebene der Individuen dieser Konsum eine im wesentlichen individuelle Form annimmt, verstärkt diese Erscheinung nur. Die meisten Lohnarbeiter produzieren keinen neuen Reichtum und in der Praxis ist ihre Arbeit der Konsolidierung des grundsätzlichen System und der Erneuerung der Zerstörungen des jeweils vorhergehenden Kreislaufs gewidmet.

Wenn von Reproduktionsweise die Rede war, so muß beachtet werden, daß sie sich von der feudalen und asiatischen (China der Mandarine, Ägypten der Pharaonen) Reproduktionsweise unterscheidet. Der erste Unterschied gegenüber diesen vorkapitalistischen Formen besteht darin, daß die Reproduktion nicht einem Immobilismus verfällt, sondern ganz im Gegenteil in einem kontinuierlichen Fortschreiten befangen ist, das sich in einer Flucht nach vorne unter zunehmenden Kontrollverlusten noch beschleunigt. Der zweite Unterschied liegt darin, daß eine Individualisierung und Psychologisierung aller Herrschaftsverhältnisse stattfindet. Anstatt Schmelztiegel der Solidarität zu sein, wird die Arbeit zum Terrain der Erfüllung persönlicher Leistungen, die der Bewertung unterworfen sind. Wir erleben eine Art Demokratisierung der Herrschaftsverhältnisse. Was in den traditionellen Gesellschaften Eigenschaft einer Minorität, einer Elite war, wird nun zum Schicksal einer steigenden Zahl von Lohnempfängern, und das, obwohl die Bedeutung nicht die gleiche ist (man steigt in der Hierarchie nicht mehr auf, um mehr Macht zu haben, sondern weil dies ein Zeichen des persönlichen Erfolges ist) und der daraus resultierende Status prekär bleibt, weil Funktionen nicht in Form von Titeln institutionalisiert werden: Der Adlige blieb adlig, egal was er machte; leitende Angestellte haben eine Position und möglicherweise Macht, dies aber nur insofern, als sie von Kopf bis Fuß mit ihrer Arbeit verbunden bleiben. Die Arbeit als solche muß einer Persönlichkeit (z.B. dem „jungen dynamischen Angestellten") anhängen, ohne daß es auf den realen Inhalt ankommt. Die Vielseitigkeit und Flexibilität der Lohnarbeiter beweisen, daß die Arbeit kein eigenständiges Profil hat: es ist bloß ihre Arbeit. Kritik resultiert nur aus einem Nichtfunktionieren des Systems, das dem Individuum offenbart, daß es selbst etwas anderes als seine Arbeit ist. Diese existiert ohne das Individuum: Im Austausch Kapital — Arbeit entsteht über Nacht das Unnütze, die Negation des Individuums mit Arbeitslosigkeit und Ausgeschlossen-Sein. Dies zeigt dem Individuum, daß die Arbeit ein Element der Herrschaftsbeziehung ist, durch das sich eine widersprüchliche Individualisierung verwirklicht, die als aufwertend empfunden wird.

Wenn die Arbeit das zentrale Problem der gegenwärtigen Gesellschaft bleibt, so paradoxerweise, weil sie, auch wenn sie nicht mehr zentraler Bezugspunkt des Produktionsprozesses ist, doch Bezugspunkt auf der Ebene des Reproduktionsprozesses der Gesellschaft bleibt (soziale Anpassung und Kontrolle werden immer noch im wesentlichen durch die Arbeit verwirklicht: Sozialversicherung und Gehaltsbescheinigungen sind notwendig, um Wohnung und Kredit zu bekommen, etc.). Neue Solidaritäten, die Kämpfe auslösen könnten, resultieren nur noch schwerlich aus der Vorstellung der „Arbeit für alle".

Das Verschwinden von Arbeitsordnungen und bestimmten Arbeitsverträgen, die Arbeitslosigkeit, erzwungene Teilzeitarbeit und vorzeitige Pensionierungen führen bei den Individuen unmittelbar zu Interessensunterschieden, und nicht mehr, was wenigstens den Erfolg der Gewerkschaftsorganisation der Arbeiter ausmachte, zu einer Interessengemeinschaft. Mit anderen Worten: Die Lohnabhängigen sind heute aufgrund der Transformationen des Systems in der Defensive. In einer kritischen Praxis kann sich heute eine Einheit nur jenseits der unmittelbaren Interessen, jenseits einer Aufwertung der Arbeit und einer Aufwertung der Individuen durch die Arbeit vollziehen. Das bedeutet nicht, daß man sich nicht überall dort verteidigen muß, wo man sich befindet und dies besonders an den Arbeitsplätzen. Aber man muß die Grenzen dieses Terrains erkennen.

Die notwendige Infragestellung des Unterschieds zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit

Der Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft im Gesamtprozeß des Kapitals beinhaltet, daß es nicht mehr möglich ist, einem Individuum oder auch einem Kollektiv von Individuen die eigentliche Produktion oder gar die Eigenschaft des „Produktiven" zuzuschreiben.4 Daraus folgt, daß es nicht mehr die Arbeit der Arbeiter ist, die die gewaltige Wertschöpfung des Kapitals ermöglicht. Diese verdankt sich vor allem dem fixen Kapital, der kapitalistischen Form der Akkumulation vergangener und (z. B. in Maschinen) objektivierter Arbeit, sowie dem Einsatz von Wissenschaft und Techniken, die nicht neutral sind, sondern durch die Vereinnahmung im Innern eines bestimmten und besonderen Systems an Bedeutung gewinnen. Aber wenn die Arbeitskraft in dem Maß, in dem sich die Akkumulation des fixen Kapitals und die Automatisierungsprozesse entwickeln, ihre „wertschöpfende Bedeutung" verliert, wird es immer schwieriger zu behaupten, daß es ein immer winziger werdender Anteil an lebendiger Arbeit ist, der im Rahmen des Gesamtprozesses weiterhin den Wert steigert.5

Die Theorie der wertschöpfenden Arbeit hat einen wichtigen Abschnitt im Autonomieprozess der Ökonomie gebildet. Für Adam Smith leitet sich die Gesellschaft aus dem Zusammenstoß mit der Natur ab, und die produktive Arbeit sollte als das definiert werden, was eine materielle Produktion in Gang setzte. Auch wenn diese Gleichsetzung bei Marx weniger deutlich ist, so findet man sie dort doch in einer anderen Form, in der Arbeiterideologie der produktiven Arbeit. Was der Arbeiterklasse Kraft und Identität gibt, ist, einem prometheischen Bild folgend, die Konfrontation mit der Materie und die daraus resultierende materielle Produktion.

Der Wert sei ein Wesen an sich mit einer Substanz (die Arbeit), die gesellschaftlich anzuerkennen nicht nötig sei. So hatte z.B. in der sowjetischen Produktionsweise ein Paar produzierter Schuhe einen „Wert" noch bevor man zwei Füße gefunden hatte, die hineinschlüpfen konnten; der Wert wurde also nicht als eine Beziehung zwischen Produktion, Tausch und Konsum gesehen.

Die Frage nach der Arbeit in bezug auf den Wert zu stellen und damit aus der produktiven Arbeit das Zentrum der gesellschaftlichen Transformationen zu machen, ging konform mit einer Analyse in Klassenbegriffen. Der zentralen Stellung der produktiven Arbeit auf ökonomischer Ebene entsprach die zentrale Stellung der Arbeiterklasse auf politischer und revolutionärer Ebene. Diese Perspektive führte jedoch dazu, diese Klasse, wenn auch nur vorläufig, mit dem kapitalistischen System zu verknüpfen. Sie führte zur Auffassung, daß diese Klasse aktiver Teil des gigantischen Unternehmens der Transformation und Beherrschung der Natur sei, daß der Kapitalismus bis zu einem gewissen Maße progressiv sei und daß das Kapital keine Sache und kein Monster sei, sondern eine gesellschaftliche Beziehung zwischen Klassen, die sich, ausgehend von ihren unmittelbaren, divergierenden Interessen, dem gleichen Projekt stellten. Da jede produktive Arbeit als nützlich erachtet wurde, da sie wertschöpfend war, stellte sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen dieser oder jener Arbeit gar nicht und das revolutionäre Projekt verlor jede ethische Stärke, indem es dem Utilitarismus und dem Ökonomismus nachgab. Es war dies eine erste Niederlage, die später die kommunistischen Parteien und ihre gewerkschaftlichen Ausläufer dazu führen sollte, „ihre" Bomben-, Panzer- und Flugzeugfabriken zu verteidigen, da die Produktion von Krieg und von Toten genauso wertsteigernd ist wie die Produktion von Lebensmitteln!

Wir fassen die Produktion weiterhin als eine Summe von Arbeit auf und als proportional zur Quantität der gelieferten Arbeit. Die gegenwärtige Auseinandersetzung ist exemplarisch für die Verwirrung, die weiterhin die herrschenden Meinungen bestimmt.

Solch eine additive Logik der Arbeit und der Produktion macht es unmöglich, die Bedeutung der Produktion von Maschinen und allgemeiner die intellektuelle Funktion innerhalb der Produktion zu reflektieren. Sie schließt die Idee eines Prozesses aus, der innerhalb der Zeit abläuft und sowohl nach oben als auch nach unten für die Zirkulation der Zeit geöffnet ist.6 Wenn das System automatisiert wird, scheint die Zeit vom Menschen auf die Maschine übergegangen zu sein und die Produktion von der Arbeit getrennt zu werden. Die oben erwähnte additive Konzeption beruht auf der Vorherrschaft der lebendigen Arbeit innerhalb der Produktion, auf dem Bild einer statischen Zeit,7 in der die Produktion von der Zirkulation völlig getrennt ist, in der sich ein bereits als Wert definiertes Produkt ökonomisch realisiert.

Heute jedoch, mit der Entwicklung der Automation und der Fließbandsysteme, muß zwischen der Arbeitszeit und der Produktionszeit im weiteren Sinne unterschieden werden, die ebenfalls Entwurf, Transport und Verkauf beinhaltet. Je automatisierter der Prozeß wird und je mehr sich die Produktionszeit verlängert, desto mehr dominiert die abstrakte „allgemeine Zeit" und wird die Zeit der menschlichen Arbeit an den Rand gedrängt. Unter diesen Umständen kann diese nicht mehr das Maß des Wertes sein. Die Wertproduktion scheint in einer allgemeinen Bewegung der Zirkulation aufgelöst zu sein und der Profit aus allen Bereichen zu stammen, ohne daß sich seine Herkunft fassen, ohne daß er sich also genau messen ließe.

Anstatt die Dynamik der Wertschöpfung zu beherrschen, versuchen die Großunternehmen, sich zum Herrscher über Zeit und über Raum zu machen. Der „unsichtbaren Hand" (Adam Smith), die in der klassischen, später in der liberalen Perspektive die ökonomische Aktivität regeln sollte, folgt nun eine noch härtere „sichtbare Hand" (Raymond Chandler). „Der Bruch zwischen Produktion und Arbeit stellt die theoretische Autonomie eines produktiven Raums in Frage, dem man ausschließlich die Wertschöpfung zurechnen könnte" (Vatin).

Wie soll man deutlich zwischen direkter und indirekter, produktiver und unproduktiver Arbeit unterscheiden, wenn sich der zur Produktion gehörende Teil der Arbeit zur bloßen Oberfläche reduziert, wenn die gesamte Arbeit der Produktion im engeren Sinn äußerlich wird? Denn tatsächlich wird die Arbeitszeit im Laufe des Zyklus, der sich von der Konzeption einer Produktion bis zu dessen Realisierung erstreckt, verdünnt. Dabei wird die Konzeption selbst immer langwieriger, denn sie zieht Vorteile aus den komplexen Erfolgen der wissenschaftlich-technischen Revolution und sie wird in Forschungsbüros realisiert, denen sich der größte Teil des erhofften Mehrwerts verdankt (d.h. in der gegenwärtigen ökonomischen Sprache: des hinzugefügten Werts). Daran schließt sich der produktive Akt selbst an, der tatsächlich sehr kurz ist, und bei dem, wie Philippe Zarifian in vielen seiner Arbeiten bewiesen hat, der Akzent auf den technologischen Akt gesetzt wird und dessen Ziel eher die intensive Nutzung des fixen Kapitals als die Intensivierung der Arbeitsproduktivität ist. Es geht nicht darum, die Leute länger arbeiten zu lassen, sondern vielmehr darum, die Bedingungen für das Wiederauftreten der toten Arbeit (d.h. des fixen Kapitals) zu ändern, als ob allein diese Mehrwert produzieren könnte. Zarifian schließt mit der Erklärung, daß dies nicht möglich ist, denn mit einer besseren Verwertung des fixen Kapitals ließe sich nur eine gesteigerte Wertzirkulation erreichen — und nicht die Übertragung eines gesteigerten Werts.8 Welche Schlüsse lassen sich unter praktischen Gesichtspunkt aus diesen Analysen ziehen? Zuerst einmal, daß die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit (Schichtarbeit, Nachtarbeit für Frauen etc.) nicht als Mehrausbeutung der Arbeitskraft zu beschreiben, sondern vielmehr als Konsequenzen der eben beschriebenen Transformationen zu sehen ist. Sich hier immer noch auf das Wertgesetz und damit auf den Begriff des relativen Mehrwerts zu beziehen bedeutet, das System weiterhin einzig und allein vom Standpunkt der ökonomischen Ausbeutung aus zu analysieren — und nicht vom Standpunkt der Herrschaft und der Menschen von Menschen in der Form eines erneuerten „Fabrikdespotismus" aufgezwungenen Disziplin aus. So verbringen in Japan die Lohnarbeiter immer mehr Zeit in den und für die Unternehmen, ohne daß sich die dabei realisierte Arbeit wirklich bestimmen ließe! Ebenso ist in jenen Großunternehmen, die sich ohne zwingende technische Notwendigkeiten (z.B. elektronischer und informatischer Natur) auf die Nachtarbeit gestürzt haben, diese „Arbeit" praktisch ohne menschliche Beteiligung, ja selbst Kontrolle vorgesehen (ein Beispiel in Frankreich ist IBM).

Nachdem wir die Phasen der Konzeption und der Produktion betrachtet haben, gehen wir nun zur Phase der Realisierung über. Man kann sie aus Gründen der Darlegung vermittels der traditionellen Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit betrachten. Folgt man dieser Unterscheidung und damit der Werttheorie, kommen die Unternehmen nicht umhin zu versuchen, die Zeit der Zirkulation und die mit ihr zusammenhängenden Arbeitszeiten zu verringern, da sie als Nebenkosten betrachtet werden. Aber man kann ganz genausogut die Frage stellen: Was sind heute Nebenkosten? So sind z.B. die Mittel für Werbung, die in den „Konsumgesellschaften" der 70er und 80er Jahre eine zentrale Rolle im Wettlauf um die Profite spielte, seit Anfang der 90er Jahre zu Nebenkosten geworden.

Ständige Versammlungen, verstärkte Unternehmensfortbildung und die unglaublichen Strecken, die leitende Angestellte im Zeitalter des Fax und der Informatik zurücklegen müssen, könnten als Nebenkosten betrachtet werden, argumentierte man weiterhin in Begriffen des Werts. Aber sie werden nicht reduziert; allenfalls wird die Anzahl der Champagnerflaschen im Kühlschrank bei Empfängen verringert.

Das alles läßt sich allein vom Standpunkt der ökonomischen Rationalität aus nur schwer verstehen. Die Führung der „menschlichen Ressourcen" leitet sich aus komplexen Zielsetzungen her, die mit der Ausbeutung auch der qualifizierten Arbeitskraft allein wenig zu tun haben.

Marktstudien, Umfragen und Verkaufsargumente lassen sich nicht mehr nur als Brücken zwischen Produktion und Konsum begreifen, sondern sie sind Zeichen der Einheit des Gesamtprozesses. Man könnte sagen, daß es für das Kapital a priori keine Verschwendung gibt. Es versucht vielmehr, den Widerspruch, den der Rückgang der produktiven Arbeit und das Wachstum der unproduktiven Arbeit (im klassischen Sinne) bilden, dadurch aufzulösen, daß man aus egal welcher Qualität des Kapitals und der Zeit (einschließlich der Arbeitszeit) einen Produzenten von Profit macht.

Auf anderer Ebene zeigt der gegenwärtige Boom des „Handels", bis zu welchem Punkt die Produktionssphäre selbst zum Profithemmnis geworden ist.9 Deshalb hat der Begriff des „Produktiven" nur dann Sinn, wenn man ihn im historischen Kontext sieht. So wurde z.B. die Waffenproduktion in einem zweifachen Kontext als produktiv angesehen: Zum einen im Rahmen der Akkumulation des Kapitals, die von ihr vorangetrieben wurde und zum zweiten im Kontext von Innovationen, die sie mit Hilfe von Staatskapital realisierte. Oft erschien dieser Sektor als Allheilmittel zur Lösung von Überproduktionskrisen (Kriege = massive Zerstörungen) oder aber, durch den Transfer öffentlichen Kapitals und der Innovationen in den privaten Sektor, als Mittel der Gegensteuerung gegen den Fall der Profitrate. In diesem Sinne stellte er einen zentralen Sektor der Gesamtproduktion dar (s. die Aufträge durch das Pentagon, des Hauptkunden amerikanischer Großunternehmen, und allgemeiner den französischen, englischen, amerikanischen und russischen militärisch-industriellen Komplex). Aber der Zusammenbruch des sowjetischen Blocks und der Golfkrieg haben die Gegebenheiten geändert: Die Kriegszerstörungen haben keine neuen Produktionen angekurbelt, die „neue Weltordnung" verpflichtet! Der Rückgang der Militärausgaben steht überall — unter dem gleichgültigen oder amüsierten Blick Deutschlands und Japans — auf der Tagesordnung. In Zeiten, in denen Kriege aus der Distanz, logistisch und fernsehgemäß geführt werden, gibt es (außer Menschen!) nicht viel zu zerstören und somit keine ausreichenden Wertzerstörungen. Vor allem entstehen Kosten, die zu verteilen sind.

Die Intervention des Staates

Sowohl bei den klassischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts als auch bei Marx entstanden die Analysen in Begriffen des Wertgesetzes, ausgehend von einer Analyse der verschiedenen Kapitalien und des individuellen Arbeiters, der auch Wertproduzent sein sollte. Für Marx trat der Begriff des globalen Kapitals nur auf der Ebene der Globalisierung der Profitrate auf. Der daraus resultierende Preis der Waren aber hängt nicht mehr direkt von dem in jeder Ware durch die sie herstellende Arbeitskraft verkörperten Wert ab. Wenn er vom individuellen Arbeiter abläßt, um zum „kollektiven Arbeiter" überzugehen, verschiebt er das Problem auf quantitativer Ebene, bleibt aber weiterhin auf der Ebene der Analyse des unmittelbaren Produktionsprozesses. Die Angleichung jedoch annuliert für jedes besondere Kapital den Unterschied zwischen den Arten von Arbeit in dem Maße, in dem es keinerlei Folgen auf der Ebene des Profits gibt, wie er wirklich wahrgenommen wird.

Wirklicher Agent des Produktionsprozesses ist die Gesellschaft in der Form der gesellschaftlich kombinierten (und nicht bloß kollektiven) Lohnempfänger, die die gesamte für das Kapital notwendige Arbeit abdecken, ohne daß jede dieser Arbeiten notwendigerweise produktiv sein muß. Der Widerspruch wird verschoben: Das globale Kapital beutet alle Arbeit aus, ohne daß diese Arbeit notwendigerweise Kapital schafft (dies definiert im übrigen traditionellerweise die produktive Arbeit).10

Dieser determinierende Aspekt des globalen Niveaus erklärt die Politik des Wohlfahrtsstaats, die Einkommenspolitik etc. Weil das Kapital immer größere Schwierigkeiten hat, Profit zu erzielen, gewinnt die Frage der Produktionspreise, die eher durch die Konkurrenz als durch die Produktionskosten bestimmt werden, eine größere Bedeutung als die Frage der Ausbeutungsrate und der Zunahme des Mehrwerts. Die unmittelbare Arbeitszeit hört auf, direkte Determinante des Werts zu sein. Der Lohn wird nicht mehr als etwas betrachtet, was den Profit voraussetzt, sondern als ein Resultat, ein Einkommen.11

In dieser Perspektive konnte die Arbeiterklasse in den vergangenen dreißig Jahren als „Mittelstand" behandelt werden und sich mit diesem identifizieren (dies trifft vor allem für die USA und für die Bundesrepublik Deutschland zu, in einem geringeren Maße und sich später entwickelnd auch für Frankreich).

Die Intervention des Staates hat die zunehmende Autonomie des Wertes gegenüber den besonderen Kapitalien und gegenüber der Arbeit ermöglicht (Verstaatlichungen, Verwässerung der produktiven und unproduktiven Eigenschaften der Arbeit auf globalem Niveau, Fiktivität des Kapitals im Kredit, Entwicklung des sozialen Einkommens, Inflation). Diese zunehmende Autonomie läßt auch verständlich werden, daß der „soziale Umgang" mit der Arbeitslosigkeit in Ländern mit einer starken interventionistischen Tradition, wie Frankreich, über den ökonomischen Umgang den Sieg davontragen könnte. „Wert und produktive Arbeit" werden an die Ränder des Systems geschoben, Finanzkapital, Kredit und Konsum scheinen den Ton anzugeben.

Es entwickelt sich eine tendenzielle Autonomie des Werts, wenn alles und egal was Arbeit wird (vgl. die Nachbarschaftsarbeit). Dank der Vermittlung des Staates setzt sich das Kapital nun dafür ein, im Idealfall alle diese Arbeiten zu produktiver Arbeit zu erklären (auch der Postbeamte und der Lehrer müssen nun „produktiver" werden). Es stößt damit auf einen wichtigen Widerspruch: Zur Reproduktion des Kapitals wird jede Arbeit notwendig, aber die Quelle der Profitproduktion versiegt zunehmend, denn in der Realität ist nicht alles gleichwertig. Der Staat ist nun verpflichtet, das abzuschaffen, was er andererseits wieder erzeugt, um die Produktivität zu erhöhen. An einem Punkt allerdings die Arbeit zu reduzieren (indem man den öffentlichen Dienst rentabel macht), führt an einem anderen Punkt wiederum dazu, sie zu erhöhen (mehr Betriebsräte, Wirtschaftsprüfungen, Lehrgänge etc.).12

Anmerkungen über den Begriff des globalen Kapitals

Auch wenn dieser Begriff von den Klassikern vernachlässigt worden ist, wurde er andererseits von John Maynard Keynes und bestimmten Strömungen des ökonomischen Denkens wie der Schule von Cambridge hervorgehoben, um sowohl den Wandlungen des Kapitalismus Rechnung zu tragen (Probleme der Reproduktion, die neue Rolle des Staates) als auch die Grenznutzentheorien der Verteilung und der Produktivität zu kritisieren.

Ein Satz von Keynes ist von außergewöhnlicher Klarheit, insofern er die Intelligenz des Kapitals beweist und für das, was uns beschäftigt, auch heute noch gültig ist: „Es ist unmöglich, die Arbeitslosen wieder in Arbeit zu setzen, indem man sich zurückhält, indem man keine Aufträge vergibt, indem man die Passivität kultiviert. Ganz im Gegenteil, Aktivität, welcher Art auch immer, ist das einzige Mittel, die Räder des wirtschaftlichen Fortschritts und der Schaffung von Reichtum wieder ins Rollen zu bringen."13 Gibt es einen eindeutigeren Willen, den Unterschied von produktiver und unproduktiver Arbeit zu überwinden?

Das globale Kapital stellt nicht die Addition der besonderen Kapitalien dar, sondern eine Einheit, die diese reproduziert; es ist auch keine Abstraktion mehr, da der moderne Staat eine seiner konkreten Formen ist. Es ist die staatliche Intervention, die die zunehmende Autonomie des Werts gegenüber den besonderen Kapitalien ermöglicht; das Kapital scheint auf diese Weise seine Widersprüche zu überwinden, indem es sie auf eine höhere Ebene bringt.

In verschiedenen Konzeptionen wird der Staat als ein Bindeglied zwischen dem Ökonomischen und dem Politischen präsentiert, während er in Wirklichkeit ein Element der Bewegung der Gesellschaft ist. Es ist also unnütz und darüber hinaus redundant, das, was aus ökonomischen Notwendigkeiten erwächst (Übernahme wenig rentabler Sektoren im Rahmen von Verstaatlichungen), von dem zu trennen, was aus dem Politischen stammt (der Wille zur gesellschaftlichen Kontrolle). Wenn es wirksame Notwendigkeiten gibt, so sind es die der Reproduktion des gesamten Systems. So wird z.B. jede Bewertung der Mittel, die das Funktionieren der Wirtschaft erlauben, durch außerökonomische Zwecke determiniert (gewählte Art der Energie, Infrastruktur der Straßen, Priorität des Güterverkehrs oder Schwertransporte) und hängt damit im wesentlichen nicht von einem ökonomischen Kalkül ab. Es gibt natürlich ökonomische Kosten, aber sie werden nachträglich berechnet, denn es sind sozialisierte Kosten (sie werden auf dem Niveau des globalen Kapitals, des Staates verbucht). Die Erfordernisse der Reproduktion gewinnen die Oberhand, wie die französische Option für die „nukleare Energie" beweist. Diese besondere Energie erzwingt ein sehr zentralisiertes staatliches und bürokratisches System und führt zu Techniken, die auch bestimmte Herrschaftsformen über Raum und Zeit zur Folge haben.

Krise und Wert. Der Neoliberalismus auf dem Prüfstand

Der Eindruck, daß seit den 80er Jahren der Wohlfahrtsstaat infragegestellt wird, scheint auf den ersten Blick zu belegen, daß die Überschreitungen der Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise, von denen wir gerade gesprochen haben, doch nicht real sind und daß der Wert noch immer sein ehernes Gesetz durch die Reduktion der „Nebenkosten", durch besorgniserregende Einschnitte im Bereich der unproduktiven Arbeit, durch Produktivitätsgewinne im tertiären Sektor (Automatisierung) sowie durch die Reduktion der öffentlichen Ausgaben durchsetzen würde. Daß Unternehmen und besondere Kapitalien als Ort des Profits, daß die Arbeit als einzige Quelle der Wertschöpfung im Zusammenhang mit einem Rückgang der Einkommenspolitik und dem Sinken der sozialen Transferleistungen im Globaleinkommen wieder in den Mittelpunkt gerückt werden, könnte ebenfalls als manifestes Zeichen für diese Entwicklung gesehen werden.14

Aber dies würde nur dann stimmen, wenn der Neoliberalismus wirklich durchführen würde, was er vorbringt. Aber entweder macht er das Gegenteil von dem, was er sagt (so Reagan mit seiner Steuerpolitik und seiner defizitären Politik im allgemeinen in den USA oder Béregovoy mit seiner Fortentwicklung der sozialen Einkommen auf der Basis eines gesetzlichen Minimallohns und staatlich subventionierter Beschäftigung in Frankreich), oder aber er macht, was er sagt, und das führt zur Katastrophe (Thatcher in Großbritannien, Fujimori in Peru, Collor in Brasilien).

Wenn der Neoliberalismus auch kein Heilmittel zur Reduktion der Nebenkosten ist, da er sie in Wirklichkeit sowohl in den Unternehmen15 als auch auf staatlicher Ebene erhöht (nichts scheint das Anwachsen defizitärer Budgets begrenzen zu können), so ist er trotzdem das Zeichen einer Krise der Reproduktion des globalen Kapitals. Diese Krise wird zudem noch durch eine Krise in den Beziehungen zwischen besonderen Kapitalien und dem globalen Kapital überlagert, indem die ersten sich von dem zweiten unabhängig machen wollen. Darin liegt der Sinn jener berühmten „Rückkehr zum Unternehmen". Aber es ist unmöglich, sich wirklich unabhängig von dem zu machen, was Voraussetzung der eigenen Existenz ist. Denn in der Realität läßt sich nur noch auf dem Niveau der kleinen und mittleren Unternehmen von wirklich besonderen Kapitalien sprechen. Für die Großunternehmen dagegen greifen Industrie-, Finanz- und Staatskapital, Real- und Fiktivkapital (ein Antizipationsphänomen bezüglich zukünftiger Profite) derart ineinander über, daß deren Verbindungen nur sehr schwer zu erschließen sind. Dieses Phänomen wird durch die weltweite Internationalisierung der Bedingungen wirtschaftlichen Handelns noch verstärkt. Auf ihre Weise stiften sowohl das GATT-Abkommen als auch der Vertrag von Maastricht zusätzlich Verwirrung und erinnern daran, daß sich auf der Ebene der besonderen Kapitalien nichts „autonom" entscheidet, was sich nicht in einem Rahmen bewegt, über den auf einer höheren Ebene entschieden und der ebendort bestimmt wird.

Der Einsatz neoliberaler Praktiken war ein Zeichen der Krise und ihr politischer Erfolg läßt sich durch ihre kritische Sichtweise der in der vorherigen Periode herrschenden keynesianischen Theorien erklären. Trotzdem war dieser relative Erfolg bloß ein Strohfeuer und ihr heutiges ökonomisches Scheitern ist nicht bloß Ausfluß dessen, daß man sich geirrt hatte und zum Ausgangspunkt zurückkehren muß: Dieses Scheitern ist auch ein Zeichen dafür, daß sich das globale Kapital nur durch die zunehmende Autonomie des Wertes, in der Flucht nach vorne reproduzieren kann.

Ein Beispiel für diese Flucht nach vorne erscheint in den Umgestaltungen der Profitverteilung im Rahmen des irrsinnigen Wettlaufs um die Steigerung der Produktivität. Jedes hochproduktive Kapital setzt eine mittlere Profitrate voraus und da es zu Produktionskosten produziert, die gesellschaftlich viel niedriger sind als im Durchschnitt, eignet es sich einen Extraprofit an.16

Durch das Phänomen der Kartellierung verstärken die beteiligten Kapitalien ihren Vorteil, indem sie dank der Möglichkeit von Dumpingpreisen dem Eindringen anderer Kapitalien Schranken setzen. Als Konsequenz daraus brechen zunehmend größere Teile der weniger leistungsfähigen Kapitalien zusammen (in der Dritten Welt, z.B. in Indien und Algerien, wird ein ziemlich modernes Kapital aufgrund seiner Unfähigkeit, Extraprofite zu realisieren, nicht genügend genutzt). Dies beseitigt jede Dynamik für die Schöpfung neuer Kapitalien, denn zur produktiven Akkumulation müssen sich diese neuen Kapitalien von Anfang an auf das leistungsfähigste Niveau, d.h. auf Weltniveau begeben.

Dieser Mechanismus könnte trotz seiner antiliberalen und zutiefst inegalitären Aspekte einen stabilisierenden Effekt haben. Aber dazu kommt es nicht, denn jeder Extraprofit wird dadurch wieder aufgehoben, daß das Unternehmen, das ihn realisiert, nahezu sofort zur neuen Norm der Bestimmung des durchschnittlichen Profits, zur neuen Norm auf Weltebene wird.

Die strategischen Pläne der Großunternehmen basieren im wesentlichen auf dem Produktivitätswettlauf, der Grundlage der Extraprofite. Aber diese werden zunehmend zufälliger und realisieren sich außerhalb jedes Bezugs auf den Wert und die Mehrwertschöpfung. Dieser Produktivitätswettlauf schlägt sich in einem unaufhaltsamen Verlangen nach Krediten nieder, um das äußerst unzureichende Niveau der Selbstfinanzierung der Unternehmen und der Haushaltsersparnisse (außer in Japan) zu kompensieren. Dieser Aspekt der produktiven Tätigkeit erklärt auch die Entwicklung der Börsenspekulation, der kurzfristigen Investitionen und der mafiösen Praktiken aller Art.

Oft wird davon gesprochen, daß produktives Kapital knapp sei. Aber diese angebliche Knappheit ist ein sekundärer Effekt der Intensivierung der Konkurrenz auf Weltniveau, die den Rhythmus des Veraltens der Ausstattungen beschleunigt. In weitergehender Hinsicht ist dieses Phänomen Ausdruck der Unterwerfung des produktiven Kapitals unter andere Imperative als die der Akkumulation, und zwar der Unterwerfung unter die Logik der „Konsumgesellschaft", die genau diese Konkurrenz erzwingt.

Für das System hat diese fehlende Stabilität zwei Konsequenzen. Zum einen ließe sich allein auf der Basis einer Stabilität von langer Dauer ein Bündnis herrschender Unternehmen unter dem Schutzmantel der wichtigsten Industriestaaten errichten. Zum anderen müßte diese Stabilisierung des Produktivitätswettlaufs von einer Stabilisierung der Innovationsprozesse begleitet werden, damit die Unternehmen Zeit haben, neue Verfahren einzusetzen und damit zu amortisieren und die Individuen wiederum Zeit haben, diese kennenzulernen und neue Produkte zu konsumieren (vgl. zu dieser Problematik die Lage in der Informatik- und Elektronikbranche, wo genau das Umgekehrte geschieht und ein Krieg aller gegen alle im Gang ist, bei dem selbst IBM und Sony mitmachen). Auch wenn die weltweite Vereinigung zu einem einzigen wirtschaftlichen und sozialen System auf dem Papier sehr wohl realisiert ist (Aufnahme der östlichen Länder, gemeinsamer europäischer Markt, GATT, IWF und Weltbank für alle Länder), so bleibt sie vor Ort doch problematisch: Der Wirtschaftskrieg führt sowohl zu einer Wiederkehr protektionistischer Reflexe (Europäische Union, Frankreich) als auch zu Ausschlüssen (Afrika).17 Auf der anderen Seite verhindert die fehlende Stabilität ebenfalls die Fortsetzung des fordistischen Modells der gesellschaftlichen Regulierung, das auf der Fähigkeit zur Voraussicht beruhte. Die daraus folgende Integration der Lohnarbeiter ist überall in Frage gestellt — entweder in der direkten Form gewalttätiger Angriffe gegen die Gewerkschaften (Großbritannien, USA, in Frankreich gegen die CGT), oder aber in der indirekten Form des Rückgangs des sozialdemokratischen Einflusses auf der politischen Ebene (Deutschland, Schweden).

Wert und menschliche Aktivität

Betrachtet man den Wert nicht als Subjekt und stellt sich auf den Standpunkt menschlicher Aktivität, so kann man sagen, daß der Wert nichts als eine Form menschlicher Produktion, die Form einer Beziehung zur Natur gewesen ist (Herrschaft über die Natur, Vorherrschaft der materiellen Produktion). Der Wert steht für die Reduktion der menschlichen Aktivität auf die Arbeit und der Wert wird zum Instrument des Erhalts der Menschen als Werte (Konkurrenz, Wettbewerb, Mode sowie Konsum liefern die Rahmen für die Bewertung). Man kann das gut erkennen, wenn Individuen immer noch das Bedürfnis haben, sich als Wert zu definieren (z.B. in der Arbeit, aber auch im Alltagsleben und in den zwischenmenschlichen Beziehungen), obwohl diese Werte bekanntermaßen herabgestuft worden sind (wohin kann sich der Stolz eines Polizisten, eines Wachmanns, eines Arbeiters in einer Rüstungsfabrik flüchten? Welches Verhaltensmodell kann noch herausgestellt werden?).

Heute erleben wir jedoch eine Krise dieser Beziehung zwischen Mensch und Natur, die damit als historisch (vgl. die gegenwärtige Dimension ökologischer Probleme und Überlegungen) und als zum kapitalistischen System gehörig erscheint (unter der Voraussetzung, daß die sogenannten sozialistischen Länder in vielen Punkten nicht auf anderen Prinzipien beruhten).

Man muß sich also nicht nur mit dem Markt und dem Tauschwert beschäftigen, sondern mit der Ökonomie und dem Wert selbst.18 Ein richtiges Verständnis der menschlichen Gemeinschaft besteht in der Rückkehr zum direkten Tausch zwischen den Menschen (am Anfang die Grundlage der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft und zwischen den Gemeinschaften), allerdings auf einer erweiterten Basis. Eine solche Bewegung darf sich nicht auf reaktionäre Prinzipien (im wörtlichen Sinne) stützen, sondern muß im Kontext der umfassenden Möglichkeiten agieren, wie sie das gegenwärtige Niveau von Individualisierung und Technik bieten.

Meine Daseinsweise, mein Bezug zur menschlichen Natur, d.h. meine Beziehung zu anderen können meinen allgemeineren Beziehungen zur Welt nicht wirklich widersprechen. Die Individuen müssen nicht bloß neue gesellschaftliche Beziehungen entwickeln, sondern auch eine neue Beziehung zur Welt. Nur in Bezug auf die Utopie eines Systems, das über ihn hinausgeht, in Bezug auf ein System, in dem er nicht mehr Hauptbezugspunkt ist, ist der Mensch überflüssig.19

Man muß über den Begriff des Werts selbst hinausgehen, wenn auch nur, um zu sagen, daß es das System ist, das Werte zuschreibt. Die Art der kapitalistischen „Produktion" ist im wesentlichen eine Art der Reproduktion und der Zuweisung geworden: von Werten, Funktionen (nicht mehr Arbeiten), Einkommen (nicht mehr Löhnen). Nicht mehr die Arbeitszeit ist Maß des Werts, sondern, unabhängig von der Arbeit selbst, die Zeit wird zum Maß aller Dinge.

Wert, Lohnempfänger und Arbeitskraft

Das kapitalistische Lohnverhältnis nimmt eine Vertragsform an, in der die Vertragspartner formal frei sind, den Vertrag zu kündigen oder nicht. In Wirklichkeit jedoch hat dieser Vertrag eine Zwangsnatur, denn im 19. Jahrhundert ist es der Staat, der die Zwangs-Lohnarbeit durchsetzt. Sie beruht auf einer realen Ungleichheit zwischen den Vertragspartnern: Für den Arbeiter herrscht der Zwang zur Arbeit, da er von den Produktionsmitteln getrennt ist und ihm der Erhalt eines Lohns das Überleben garantiert, während es für den Kapitalisten keinen wirklichen Zwang zur Einstellung gibt (er hat Reserven), er jedoch dann, wenn er einstellt, sich die Produkte und den Profit aneignet.20 Das Lohnverhältnis ist in sich selbst ein gesellschaftliches Verhältnis und keine einfache Beziehung zwischen Individuen.

Sobald man festhält, daß im gegenwärtigen kapitalistischen System Herrschaft und Reproduktion das dominante Begriffspaar sind, das das alte Paar Ausbeutung — Produktion ersetzt hat, muß man auf die fundamentale Ungleichheit im Lohnverhältnis, auf die speziellen Eigenheiten der Arbeitskraft und auf die Eigenschaften der Sozialisation in der kapitalistischen Produktionsweise zurückkommen.

Die Arbeitskraft ist im strikten Sinne keine Ware. Wie Karl Polanyi in „The Great Transformation" gezeigt hat, wurde sie, im Unterschied zu anderen Waren, nicht für den Austausch und für den Verkauf produziert. Sie ist nichts als eine Fähigkeit und ganz und gar eine geschichtliche und gesellschaftliche Produktion. Sie hat keinen Wert an sich und sie findet erst im Kapitalismus in Form der Lohnarbeit einen Gebrauchs- und Tauschwert.

Zu Beginn des Kapitalismus erfolgt die Reproduktion der Arbeitskraft durch Teilnahme an den Warenbeziehungen (sie tauscht sich aus) im wesentlichen außerhalb der kapitalistischen Sphäre, nämlich in der und durch die Familie. Auch wenn der Kapitalismus bereits den Sektor der Produktion beherrschte, so doch noch nicht die gesamte Gesellschaft. Das wertschaffende Handeln des Kapitals beschränkte sich auf eine zunehmend kapitalistischer werdende Produktion der Subsistenzmittel, so daß die Preise für die Arbeitskraft, d.h. die Kosten für ihren Unterhalt sanken.

Heute zeigen uns die Umgestaltungen in der Reproduktion der Arbeitskraft, daß der Kapitalismus alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen hat. Aber das funktioniert nicht ohne einige Widersprüche. Wir erleben z.B. eine Weiterentwicklung und Ausdehnung der Privatsphäre durch eine Reaktivierung der Familie als abgetrennter Ort, als schützender Kokon. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten bleiben bei den neuen Formen der Reproduktion der Familie nicht ohne Folgen: Man findet sie auf allen Einkommensebenen innerhalb von Familien, die zum einen durch die Verlängerung der Lebensdauer und zum anderen durch den sich immer mehr hinauszögernden Auszug der Nachwachsenden größer werden. Auf der anderen Seite führen der Rückgang der Lebensarbeitszeit sowie die abnehmende Bedeutung der Arbeitszeit (wachsende Arbeitslosigkeit und Ausschluß aus dem Berufsleben) die Individuen dazu, soziale Beziehungen außerhalb der Arbeit und auf Grundlagen zu knüpfen, die nicht zwangsläufig kapitalistisch sind (Zunahme von freiwilligen und ehrenamtlichen Arbeiten einerseits, Banden und Revolten andererseits). Daß diese Bewegungen interessant sind, muß man anerkennen; allerdings sollte man sich keine Illusionen über die realen Kapazitäten autonomer Entwicklungen machen, denn sie sind Reaktionen auf die Schwierigkeiten der Reproduktion der Individuen und nicht das Resultat freier Aktivitäten.21

Der spezifische Charakter der Arbeitskraft in bezug auf die Waren wird deutlich in der besonderen Eigenschaft, die der Arbeitsmarkt annimmt.22 Solange dieser Markt von der Position desjenigen beherrscht wird, der Arbeitsplätze anbietet, gehorcht er nicht den üblichen Regeln des freien Austausches. Mehr noch: Diese Arbeitskraft wird nicht wirklich verkauft (manchmal spricht man von Verpachtung der Arbeitskraft), sie wird eher zugunsten des Eigentümers der Produktionsmittel oder des Arbeitgebers sich selbst entfremdet. Diese Entfremdung einer Fähigkeit, die als solche existiert und einem Vertrag und der wirklichen Arbeit vorausgeht, erzeugt zugleich eine Form der Sozialisation in der und durch die Arbeit. Zu Beginn nimmt sie vor allem die Form einer „professionellen" oder gewerkschaftlichen „Kultur" an: die Kooperation. Es ist wichtig, daß selbst in der Entfremdung diese Sozialisation den Warencharakter der Lohnarbeit bei weitem überschreitet. Berufliche Kultur und Kooperation bilden Arten persönlicher Aneignung — allerdings in einem aufgezwungenen und nicht beherrschten Rahmen. Man könnte soweit gehen und sagen, daß sie als eine Art „Reserve" funktionieren. Man kann von daher auch verstehen, daß, anders als die Proletarier, die Lohnempfänger (einschließlich der Arbeiter) nicht bloß „ihre Ketten zu verlieren" haben. Desweiteren läßt sich sagen, daß die Entwicklung des Konsums den modernen Lohnempfänger verändert hat: Die konsumierte Ware reproduziert nicht so sehr die physische oder intellektuelle Kapazität der Arbeitskraft als daß sie auch ihren Benutzer/Konsumenten verändert. Gerade weil das Individuum als Lohnarbeiter nicht auf eine Ware (die Arbeitskraft) reduziert werden kann, läßt sich die Steigerung des Konsums nicht als eine von seinem Lebensniveau abhängige gesellschaftliche Steigerung seiner Reproduktionsbedürfnisse verstehen, sondern als geschichtliche Produktion einer Subjektivität, die zu Teilen von einem gesellschaftlichen Warenverhältnis determiniert wird. Heutzutage ist die Lohnarbeit die Sozialisationsweise nicht bloß des Arbeiters, sondern des Individuums im allgemeinen.

Das Lohnverhältnis läßt sich als besondere Art der Sozialisation begreifen, die — tief eingeschrieben in die Warenbeziehungen — vor allem eine Herrschaftsweise ist, die auf einem Zwang zur gegenüber den eigentlichen Arbeitsbeziehungen äußerlichen Arbeit beruht. Die nachlassende Bedeutung der Unterschiede zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit sowie zwischen Produktion und Reproduktion beinhaltet, daß sich die gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfe zunehmend außerhalb der und sogar gegen die traditionelle Gestalt des „Arbeiters" abspielen werden.

Die allgemeine Ausweitung der Lohnarbeit erzeugt den Eindruck, daß jedes Individuum potentiell eine für das System nützliche Funktion hat und deswegen in seine ökonomische Logik eintreten kann. Aber der moderne Kapitalismus ist eine „Reproduktionsweise" oder genauer eine Produktionsweise gesellschaftlicher Beziehungen, die impliziert, daß Arbeit und Nicht-Arbeit auf globale Weise — und nicht bloß abhängig vom „Wert" — behandelt werden. Genau dies erzeugt den Eindruck, daß jede Aktivität für das Kapital funktionabel ist und von daher jede andere Perspektive unmöglich und undenkbar ist (Ende der Utopien). Bleibt man aber dabei stehen, erkennt man nicht, daß die Stärke des Systems, seine Vielfalt und seine Anpassungsfähigkeit, auch seine Schwäche ausmachen, denn es verliert an dem, was seine eigentliche Definition ausmacht und was es leben läßt, es mangelt ihm an Bewußtheit und damit an Strategie, denn es gibt keine herrschende Klasse mehr, obwohl es natürlich führende Kreise gibt.

Arbeit, Dienstleistungen und Reproduktion

Der Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit läßt sich durch Formeln wie: Heute ist jede Arbeit produktiv, oder umgekehrt: Jede Arbeit ist reproduktiv, „überschreiten". Dies erlaubt bestenfalls, Tendenzen zu erfassen, jedoch nicht, zu verstehen, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Maßnahme ergriffen wird und keine andere. Das Beispiel der Nachbarschaftshilfe ist in diesem Zusammenhang lehrreich. Es spielt keine Rolle, daß diese Art Arbeit in einer klassischen Perspektive als unproduktiv (sie produziert kein Kapital), in einer modernistischen Perspektive als produktiv wahrgenommen wird (in Bezug auf den Warencharakter aller gesellschaftlichen Beziehungen). Wichtig ist es zu wissen, warum der Staat gerade heute eine zwar sehr alte, aber am Rande des Systems sich bewegende Tätigkeit zu rationalisieren und normalisieren sucht; wichtig ist zu wissen, was die Konsequenzen dieses Vorgehens sind.

Allgemein gesagt bringen die unterschiedlichen Rechtsstandards und die unterschiedlichen Arbeitsverträge tiefe Veränderungen mit sich:

Dies ist der Fall beim Lohnverhältnis, wo man einen Gegensatz von „garantierter" Arbeit einerseits, die von den Großunternehmen zumeist als Fixkosten betrachtet und damit als dem fixen Kapital ähnlich betrachtet wird, und „unsicherer" Arbeit andererseits registrieren kann, die als variabler Kostenfaktor betrachtet wird und die man so flexibel wie möglich handhabt, da sie mit Nebenkosten zu vergleichen ist. In diesen unterschiedlichen Standards ist das einzige, was die Individuen objektiv verbindet die Tatsache, daß sie als Lohnarbeiter beschäftigt sind. Diese Verbindung erlaubt es ihnen jedoch nicht, aus sich selbst heraus eine subjektive Einheit (vom Typ der alten Klassen) zu bilden, denn der Status als Lohnempfänger ist nur die Form, die die Reproduktion der Individuen annimmt. Dieser Status bildet ein System, in dem der Lohnempfänger weitgehend von der konkreten Arbeit losgelöst ist. Diese ist nur noch ein, wenn auch gegenwärtig noch das wichtigste Element. Der Arbeitslose, der Rentner und der Empfänger des gesetzlichen Minimallohns werden ebenso durch ihre Stellung als Lohnempfänger definiert wie der „wirkliche" Lohnempfänger. Die Arbeit löst sich in einer doppelt widersprüchlichen Bewegung auf: Auf der einen Seite gibt es eine Ausweitung des Systems der Lohnarbeit und des entsprechenden gesellschaftlichen Modells; gleichzeitig aber wird die Arbeit für die Produktion von Reichtümern zunehmend unwesentlicher. Die beiden „Hauptprodukte" der Arbeit, der Lohn und die Ware, verlieren ebenfalls ihre ursprüngliche Eigenschaft als Bezahlung der Arbeitskraft und Befriedigung der Bedürfnisse. Auf der anderen Seite funktioniert die Lohnarbeit als Disziplinierung zur Arbeit, für die die Individuen zur Verfügung zu stehen haben, als soziale Kontrolle und als Kommandogewalt — aber zugleich ist sie, besonders im Rahmen des Wohlfahrtsstaates, ein Faktor der Sozialisation und der Reproduktion der Individuen.

Tiefgreifende Veränderungen ereignen sich auch auf dem Niveau gesamtgesellschaftlicher Beziehungen, indem sich neue Arten von Dienstleistungen entwickeln, die sich manchmal kaum von bestimmten altertümlichen Formen der Leibeigenschaft oder der Dienerschaft unterscheiden und von Herrschaftsbeziehungen im zwischenmenschlichen Bereich bestimmt sind. Wenn sich dieses System als „Dienstleistungs-gesellschaft" darstellt, so liegt darin so etwas wie ein Systemwiderspruch — denn die Dienstleistung ist feudalen Ursprungs und den herrschenden demokratischen Werten entgegengesetzt. Der Leibeigene jedoch diente (wie der Sklave) in gutem Glauben, da es ihm (individuell und außer in Zeiten großer kollektiver Revolten) als selbstverständlich erschien. Erst als dieses System als etwas Überlebtes erschien (gegen Ende des 19. Jahrhunderts), entstand, wie bereits von Swift gezeigt und heute von Baudrillard wieder aufgegriffen, eine Art gemeinsamer Ausbeutung von Herren und Knechten. Das mürrische Wesen eines Beamten oder Bürokraten, das von seiner unbedeutenden Arbeitsstelle ausgeht, die er in eine höhnische Macht über die Öffentlichkeit umgestaltet, ist immer noch swifteanisch. Neu ist dagegen das mürrische Wesen der Öffentlichkeit, die ihre öffentlichen Dienstleistungen fordert und die, das Ausgangsprinzip umkehrend, vom öffentlichen Dienst eine private und persönliche Dienstleistung fordert. Baudrillard sieht darin einen Widerstand gegen die funktionelle „Personalisierung" der Tauschvorgänge, während ich versucht wäre, darin eine Ausweitung des Feldes zwischenmenschlicher Herrschaftsbeziehungen zu erkennen.

Der Begriff der Dienstleistungsarbeit umfaßt sowohl viele „kleine jobs" als auch die verschiedenen „Nachbarschaftsarbeiten", denn was sie definiert, ist hauptsächlich nicht die konkrete Natur der betreffenden Aktivitäten. Natürlich werden in der produktivistischen Ideologie diese Handlungen nicht als wirkliche Arbeit betrachtet und oft mit der „Hausarbeit" verglichen, die als „wertlos" betrachtet und den Frauen reserviert wird. Aber diese Haltung verschwindet allmählich. Wichtig wird nicht die Natur der Arbeit, sondern die Art der gesellschaftlichen Beziehung, die sie zur Folge hat und der ungleiche Tausch der Zeit, den sie mit sich bringt: Arbeitszeit contra Freizeit, qualifizierte Zeit contra unqualifizierte Zeit, Zeit der Produktion contra Zeit der Reproduktion etc. Darüber hinaus ist in vielen Fällen der gesellschaftliche Nutzen, der durch die durch diese Handlungen herbeigeführten zeitlichen Ersparnis entsteht, nur schwer meßbar — und dies kann zu einem bloß supplementären Einsatz der Arbeit führen, die die Fortdauer der ursprünglichen Arbeit möglich machen soll. In diesem Fall verschwindet die ökonomische Beziehung hinter der Herrschaftsbeziehung: Eine Person arbeitet, damit eine andere, deren Arbeit (von wem?) als wichtiger beurteilt wird, weiterarbeiten kann. Diese Ungleichheit zwischen zwei Arten der Arbeit, die auf eine Statusungleichheit zwischen zwei Personen verweist, wird durch Anreize von seiten des Staates noch verstärkt (die Steuererleichterungen kommen den Personen höheren Status zugute).

Anders ist es, wenn sich Individuen zusammenschließen, um völlig destabilisierte soziale Beziehungen (einschließlich erweiterter familialer Modelle) außerhalb oder am Rande der Lohnarbeit neu zu schaffen. Nur durch die Entwicklung solcher Initiativen lassen sich Dienstleistungsbeziehungen zu Beziehungen der Solidarität oder der Gemeinschaft umgestalten. Bleiben sie dagegen — vom Staat gefördert — in der Form der Lohnarbeit eingeschlossen, fallen sie in die Dienstbarkeit zurück, und zwar sowohl durch die Realität der Herrschaft, die sie mit sich bringen, als auch durch die kulturellen Belastungen, auf die sie verweisen.

Es gibt auch eine Entwicklung von „Milieus" anstelle von Klassen.23 All dies bildet die Grundlage für neue Quellen von Konflikten, für die sich in Form von korporatistischem Verhalten und spontaneistischen Reaktionen und entsprechend deformierter und parzellierter Bewußtseinsformen schon einige Beispiele finden lassen: der Gegensatz reich — arm, das diffuse und veränderte Bild des Bourgeois im modischen Begriff des Neureichen, der Gegensatz Arbeiter — Beamter, festes Gehalt — zeitweiliges Einkommen, Arbeiter — Arbeitsloser etc.

Die Krise der Arbeit und der Niedergang der kapitalistischen Produktionsweise

Die Arbeit ist keine Kraft mehr, sondern eine Funktion, sie verleiht einen Status und man kann sie gegen Nicht-Arbeit, Freizeit eintauschen. Die Indifferenz der Arbeit entspricht der wirklichen Natur des Systems und die Unterscheidung produktiv — unproduktiv ist nur ein Moment seiner Entwicklung gewesen, man könnte hinzufügen: der eigentlich kapitalistische Moment. Diese Beliebigkeit der Arbeit ändert nichts an der Vertiefung der Herrschaft. Tendenziell gibt es nur noch eine Art Arbeit, die Arbeit als Dienstleistung, als Funktion, die eine Lohnzuweisung ermöglicht, die sich selbst wiederum in ein globales gesellschaftliches Einkommen einfügt.

Arbeit als Dienstleistung wird hier nicht im feudalen Sinne des Wortes verstanden, denn im gegenwärtigen System gibt es keine Beziehungen reziproker Verpflichtungen, die den Herrn und den Knecht bzw. Sklaven binden würden (Firmenchef und Lohnarbeiter sind bloß durch die weitaus lockeren Bande des Arbeitsvertrags verbunden), sondern ein Lehnsystem der Lohnarbeit, dessen Existenz anhand der Mobilität der Personen gezeigt werden kann.

Dies ist ein zutiefst totalitärer Prozeß, denn ein ökonomisch verursachtes Bedürfnis nach Arbeit wird immer geringer, also kann keine Arbeitsmoral Bestand haben. Deshalb leben Aktivitäten wieder auf, die in den vorkapitalistischen Gesellschaften florierten, wie das Glücksspiel, und die heute vom Staat organisiert und kontrolliert werden.

Es geht darum, der Arbeit auf der Ebene des gesamten Lebens und unabhängig von irgendeiner konkreten Arbeit eine neue „totalisierende" Bedeutung zu geben. Arbeitsplätze werden mit dem Ziel geschaffen, andere Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten.24 Reproduziert wird der Kapitalismus nicht als ökonomisches System, das auf der Dreifaltigkeit Produktion — Akkumulation — Profit beruht, sondern als gesellschaftliches Verhältnis von Reproduktion und Herrschaft. Das bedeutet nicht, daß er, um akzeptiert zu werden und seine Legitimität zu sichern, nicht gezwungen wäre, den ökonomischen Zwang herauszustellen. In der vorherigen Periode, den „glorreichen dreißig Jahren", triumphierten Wachstumsideologie, unbegrenzte Bedürfnisse und deren Befriedigung in der Konsumgesellschaft. Heute dagegen sind die Erpressung mit dem Mangel und die Ideologie der Knappheit die letzten Legitimationen des Ökonomischen in einem System, das entgegen allem Schein nicht mehr vom Ökonomischen und einer Klasse (der Bourgeoisie), deren Ideologie und Praxis um die Suche nach Profit in Produktion und Akkumulation zentriert waren, beherrscht werden.

In der Arbeiterklasse selbst scheint man die Bedeutung der gegenwärtig ablaufenden Veränderungen kaum zu erfassen, da man dort am längsten die Illusion vom Fortbestand der produktiven Arbeit aufrechterhalten kann. Auf dieser Grundlage versteift man sich (was aber nicht unabwendbar ist) auf die Verteidigung der eigenen Sonderinteressen, die nicht mehr die der großen Mehrheit der Lohnarbeiter sind. Die traditionelle Arbeiterklasse, die in den Großunternehmen oder den alten gewerkschaftlichen Bastionen nahezu vollständig die Gruppe der „Stammarbeiter" umfaßt, könnte damit noch einmal ihre geschichtliche Entwicklung durchlaufen -allerdings dieses Mal in umgekehrter Richtung und „gegen den Verlauf der Geschichte". Damit befände sie sich freiwillig in einer Situation des Ausschlusses gegenüber dem Rest der Gesellschaft, einer Situation, die sie (vor allem vor dem Ersten Weltkrieg) schon einmal erlebt hat — allerdings hat sie sie damals erlitten. Diese Bewegung kann politisch-gesellschaftliche Formen einer Linkswendung kommunistischer Parteien annehmen, die bei Wahlen zwar nahezu auf Null reduziert sind, jedoch die Linie der 30er Jahre — „Klasse gegen Klasse" — neu vertreten. Oder aber sie entwickelt sich in Richtung eines faschistischen, rassistischen, sexistischen und puritanischen Flügels. In beiden Fällen handelt es sich nicht um eine Bewegung der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit, da es für ihre Einheit keine reale Grundlage mehr gibt und ihr in einer Gesellschaft, in der sie ihre zentrale Stellung verloren hat, bei weitem das entsprechende Selbstbewußtsein und eigene Entwürfe fehlen. Es würde sich also um isolierte und parzellierte Kämpfe handeln, was schon daraus folgt, daß die gegenwärtige Krise nicht zu einer Verschärfung der Proletarisierung geführt hat (d.h. zur Ausbeutung einer größeren Masse Arbeitskraft im „produktiven" Sektor), sondern zu einer Ausweitung der verschiedenen Formen von Arbeit, ihrer Unbestimmtheit und einem Ausschluß, der nicht die alte Form der „industriellen Reservearmee", sondern eher die der „neuen Armen" annimmt.

Was die herrschende Klasse betrifft, so hat deren verwaltende und bürokratische Sichtweise in Riesenunternehmen und Spitzenverwaltungen nur noch entfernte Beziehungen zum bürgerlichen Denken, wie es sich historisch entwickelt hat. Außerdem haben die unterschiedlichsten Interessenslagen der herrschenden Kreise, ihre vielfältigen Machtquellen sowie ein fehlendes Erhaltungsbewußtsein nicht die Bildung einer wirklichen sozialen Klasse als kollektives Subjekt und historischer Akteur zur Folge.

Da der Kapitalismus die beiden Sphären der Produktion und der Zirkulation beherrscht hat, kann er am besten in dem existieren, was man die Sphäre der Repräsentation nennen könnte, die Spähre des Kredits und des „finanziellen Freibriefs". Dies war im klassischen ökonomischen Denken und auch im Marxismus unvorstellbar, denn es waren der Profit und die Profitraten, die die Zinsrate bestimmten.

Es ist zu erkennen, daß die Kapitalisierung im wesentlichen außerhalb des Produktionsprozesses stattfindet und daß die Akkumulation häufig Akkumulation eines fiktiven Werts ist. Der „finanzielle Freibrief" ist die Regel. Er läßt sich als eine Sphäre definieren, in der eine konstante, aber beherrschte Inflation verläuft, insoweit sie nicht mehr in den Formen früherer Perioden auftritt (Preiserhöhungen). In diesem Sinne ist eine Börsenkrise eine nicht mehr beherrschte Beschleunigung der Zirkulationsgeschwindigkeit der Zeichen des Wertes. Dasselbe Geld und dieselben Zeichen werden mehrere Mal gleichzeitig benutzt — was zugleich ihre Fiktivität andeutet. Die Zeichen werden also von ihrem Bezug auf einen realen Wert, der Wert wird von seinem Bezug auf den realen Profit abgekoppelt.

Kapitalisierung ist in dieser Sphäre kaum mehr als eine Akkumulation von Konventionen, Repräsentation von Reichtum statt Reichtum selbst. Ein „populäres" und „demokratisches" Beispiel für dieses Repräsentationsphänomen findet man in der von den Medien zu Ende jeder Nachrichtensendung realisierten Gehirnwäsche in Form einer langen Litanei über die Börsenkurse. Der Reichtum ist zwar nicht greifbar, aber er muß glaubwürdig sein! Also muß man zeigen, daß sich sein Wert jeden Tag ändert. Die staatliche Wirtschaftspolitik ist heute trotz aller Reden über die „Rückkehr zum Unternehmen" im wesentlichen Finanzpolitik. Das Barometer der Börsenaktivitäten und die Wechselraten sind der Nerv dieses Krieges.

Trotzdem kann man nicht von einem Verschwinden des Kapitals sprechen, denn damit sich gesellschaftliche Verhältnisse reproduzieren (was die „Legitimität" des Kapitalismus als „am wenigsten schlechtes" System ausmacht) und der Reichtum weiterhin gezeigt werden kann (was seine Zuverlässigkeit bezeugt), muß es auch zukünftig Investitionen und Produktion geben. Deshalb muß erst recht jede Aktivität in eine Arbeit umzuwandeln sein und jede Arbeit eine „Produktion" ergeben. Ob diese Arbeit nun eine Materialität hat oder nicht, einen Warenwert oder nicht, all das spielt keine Rolle, solange sie einen Buchungswert hat und also ins betriebsinterne Bruttosozialprodukt aufgenommen werden kann.

Das notwendige Fortbestehen der Produktion in ihrer materiellen Form beinhaltet auch eine spezielle und neue Beziehung zwischen den Ländern des zentralen Kapitalismus und den Ländern der Peripherie. Die letzten bleiben und werden manchmal zwar wichtige Produktionsorte, selbst wenn ganze Teile des Landes aufgegeben oder Brachland werden. Tatsächlich aber existiert eine mehrstöckige Struktur mit horizontalen Beziehungen der Komplementarität und vertikalen Beziehungen der Unterordnung. So kontrollieren z.B. die USA diese Struktur nicht mehr durch ihr imposantes nationales Bruttosozialprodukt, sondern durch ihre Vorherrschaft auf militärischer Ebene und im Bereich der Informationsmedien, die wiederum mit der Beherrschung bestimmter Technologien verbunden ist. Im Austausch dafür wird ihr Defizit von den Japanern und den Arabischen Emiraten finanziert.

Man braucht zwar eine Regelung, die all diese Ebenen integriert, aber diese Integration kann weder durch pure Gewalt (imperialistische Phase) noch durch eine wirtschaftliche Regulierung auf der Ebene eines allgemeinen Äquivalents, wie es das Gold war, erfolgen (der „Spielbank-Kapitalismus" und die zunehmende Autonomie des Wertes machen dies unmöglich). So bleiben natürlich nur die Gesetze des Markts, von GATT und IWF, die Unotruppen und deren Verständnis von Harmonie.

Einige vorläufige Thesen

1. Sobald die Arbeit für die Lohnarbeiter eine bloße Funktion wird, zählen die wirkliche Arbeit, der Inhalt der Arbeit kaum noch und die eventuelle Zuschreibung eines Mehrwerts zu einer bestimmten Arbeitskraft erweist sich als unmöglich. Der gesetzmäßige Zusammenhang von Wert und Arbeit läßt sich nicht mehr herstellen, da die Produktion von „Reichtümern" nur noch eine äußerst eingeschränkte Beziehung zu der eingesetzten Arbeitszeit hat. Das bedeutet nicht, daß es keine Ausbeutung der Arbeitskraft mehr gibt. Allerdings spielt die Quantität der eingesetzten Arbeit keine grundsätzliche Rolle mehr, sondern der Einsatz komplexer Einrichtungen (Ausbildung-Innovation-fixes Kapital-"menschliche Ressourcen"). Die Führungsschicht von Riesenunternehmen kauft im wesentlichen keine Arbeitskraft mehr, sondern Macht über produktive Einrichtungen, und in dieser Hinsicht ist die Arbeitskraft nur ein Faktor unter anderen. Daher bezahlt man dem Lohnarbeiter nicht die effektive Arbeitsdauer, seinen genauen Beitrag zum Gesamtprozeß, sondern seine Verfügungsbereitschaft im Rahmen einer Funktion, die oft erst noch zu definieren bleibt; die berühmte „Flexibilität" bedeutet nichts anderes. Lohnarbeiter werden zunehmend weniger für eine spezielle Arbeit eingestellt und häufig genug erfüllen sie Aufgaben, die mit ihrer Qualifikation wenig zu tun haben. Deshalb dienen Diplome als obligatorischer Nachweis zur Befähigung komplexer Arbeitsleistungen und deshalb begeben sich Unternehmen auf die Jagd nach Diplomen. Ihre effektive Verwendung spielt keine Rolle, Gehirnzellen werden zusammengekauft, wie man Kapital akkumuliert. Das Ziel ist das gleiche: die Macht des Unternehmens und möglichst die seiner Führer.

2. Die gegenwärtige Gesellschaft wird von der Ökonomie der Zeit geleitet. Die Ökonomie der Zeit setzt jedoch die Ökonomie der Mittel und damit einen zumindest geringen Einsatz lebendiger Arbeit voraus (an dieser „Größe" ist am leichtesten auf der mikroökonomischen Ebene zu sparen, selbst wenn diese Ökonomie de facto hohe zusätzliche Ausgaben schafft, die auf der makroökonomischen Ebene den Staat belasten). Die massive Reduktion der eingesetzten Arbeitszeiten (die berühmten „Produktivitätsgewinne") macht tendenziell den Gebrauch eben dieser Arbeitszeit als Maß der Produktion hinfällig.25

Wenn man davon ausgeht, daß der Austausch von Kapital und Arbeit sowie die sich daraus herleitende Herrschaft des fixen Kapitals dazu führen, sparsam mit der Arbeit umzugehen, auf die das Kapital wegen seines Hungers nach Mehrwert doch ganz versessen zu sein habe, argumentiert man immer noch in den Begriffen des Gesetzes von Wert und Arbeit. Aber die kapitalistische Produktionsweise funktioniert heute als Ökonomie der Zeit — nicht um mehr freie Zeit für andere Gelegenheit einzusetzen (das war das Ziel des ursprünglichen Kapitalismus: die erweiterte Reproduktion), sondern weil das fixe Kapital auf zweifache Weise symbolisch ist. Es ist Symbol der unseren gegenwärtigen Bezug zur Welt beherrschenden „technischen Haltung" und es ist Symbol der menschlichen Macht, insofern es Kristallisierung vergangener Aktivitäten ist. Dieser der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer modernen Form inhärente „Wille zur Macht" verkörpert sich in den Führern der Staaten und Großunternehmen.26 Ihre „grandiosen" Projekte sind eine Art und Weise, mit den Möglichkeiten der Macht zu spielen und ihren eigenen Willen zur Macht auszuüben. Wie gewöhnliche Sterbliche, wie Kinder spielen sie Monopoly, allerdings in der Realität.

Die Existenz der lebendigen Arbeit nimmt in der Strategie der modernen Titanen nur einen sehr untergeordneten Platz ein; daher die immense Verschwendung von beruflichen Ausbildungen und Laufbahnen. Arbeit wird tendenziell zu einer rückständigen Tätigkeit und sie wird gerade noch wegen ihrer passiven Mitwirkung (als überwachende Tätigkeit) an der Reproduktion des Gesamtsystems gewürdigt. Zu widersprechen scheint all dem die Entwicklung der Ideologie „menschlicher Ressourcen", der Theorie des „Humankapitals" und der kontinuierlichen Ausbildung „menschlicher Ressourcen", die seit den 80er Jahren in Mode ist; auch wenn bestimmte dieser Theorien in den 30er Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelt worden sind, gewinnen sie doch mit dem endgültigen Bedeutungsverlust der Arbeitskraft heute eine neue Relevanz. Tatsächlich ist dieser Widerspruch real, insofern global und in der gesellschaftlichen Rangordnung die Ausbildung menschlicher Ressourcen und der Ausschluß der Arbeitskraft nebeneinander existieren. Die Ideologie der kontinuierlichen Weiterbildung der „menschlichen Ressourcen" entspricht dem alten Konzept der „industriellen Armee", von der Marx sagte, daß sie immer da zu sein habe, auch wenn sie nicht beschäftigt ist. Was diese Ideologie von dem alten Konzept unterscheidet, ist die klare Abgrenzung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, zwischen Ausbildung und Arbeit, zwischen Lehrgang und Arbeit, zwischen Lehrgang und Ausbildung. Man muß nicht bloß bereit zur Arbeit sein, sondern bereit sein zum Bereit-Sein. Man muß sich in einer virtuellen Arbeitssituation befinden, da es zu einer realen Situation immer weniger Gelegenheiten gibt. Unaufhörlich muß man Arbeit simulieren, da das System einen Horror vor dem Nichts hat.

 In einer Welt, in der es (in Bezug auf die Gesamtbevölkerung) immer weniger Arbeit gibt und man immer mehr machen muß, damit die Arbeit als das Wichtigste erscheint, ist die Funktion der Ausbildung sicher mehr ideologisch als praktisch. Der Wille von seiten der Unternehmen, berufliche Laufbahnen und Entlohnungen zu personalisieren (Einzelgehälter „nach Verdienst"), ist ebenso sehr eine praktische Notwendigkeit, die Motivation und Einsatz der Lohnarbeiter garantiert und zugleich deren Bewertung und Selektion erlaubt, als auch eine ideologische Notwendigkeit, die den Lohnarbeitern den Eindruck vermittelt, daß die Arbeit, die sie ausführen, sehr konkret und wichtig ist und daß ihr Erfolg von ihnen abhängt. Die Ideologie der „menschlichen Ressourcen" und die ihr entsprechende Praxis sind im Grunde mit einem bürokratisch zentralisierten und nach technischen Einheiten strukturierten System nicht vereinbar. Sie verlangen eine Dosis an minimalem Paternalismus, wie er in den Unternehmen, deren Generaldirektoren genauso austauschbar sind wie die Aktionäre, nur schwer zu entdecken ist. Und so erleben die Ideologen der „menschlichen Ressourcen" seit einigen Jahren, nach vielen den Umstrukturierungen entsprechenden Weiterbildungs- und Umwandlungsplänen ratlos, wie ihnen ihr Grundstoff ausgeht. Sie werden bald niemanden mehr weiterzubilden haben — für den Kapitalismus ist der Mensch überflüssig.

3. Wenn das Individuum nicht mehr ist als Träger von Zeit und das Schicksal den Habitus der ökonomischen Notwendigkeit annimmt, muß es „seine Zeit", d.h. die ihm zugestandene Zeit „verwalten". Es gibt nicht nur eine Ökonomie der Zeit, sondern einen Kampf um Zeit, Erschleichung von Zeit, Zuordnung und Umverteilung von Zeit. Diese Bewegung durchzieht die gesamte Gesellschaft und dort, wo es auf der einen Seite Ökonomie gibt, gibt es auf der anderen Umverteilung. Bewirtschaftung von Zeit, Verwaltung von Zeit und Aufteilung von Zeit sind Produktions- und Verteilungsformen von Zeit — und alle diese Zeiten bilden keinen neutralen und unparteiischen Rahmen für menschliche Handlungen, sondern den Grundstoff selbst der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Ich möchte dafür drei Beispiele geben: Die Ansprüche des Konsumenten machen aus den Angestellten des Handels „Zeitgeber", denn der Druck kommt nicht bloß von der Geschäftsführung, sondern auch von den Kunden (das Problem der Sonntags- und Feiertagsarbeit in den Supermärkten); die Zeit gesellschaftlicher Aktivitäten löst sich zunehmend von der Arbeitszeit (das Problem der Pensionierungen); die umgangssprachliche Wiederaufnahme eines der Geschäftswelt entlehnten Ausdrucks („Zeit verwalten") und dessen Umsetzung in „meine Zeit einteilen", signalisiert — über die enthüllende soziale Mimikry und Modellbildung und über den damit erwiesenen Einfluß der Medien in der Produktion sprachlicher Eigenheiten hinaus — eine wirkliche „Ökonomie der Innerlichkeit". Das „gerade zur rechten Zeit" der Unternehmen und das „Zeit einteilen" der Individuen reduziert die Zeit auf das Unmittelbare und nimmt ihr jede Tiefe und Dauerhaftigkeit. Übrig bleibt nur eine armselige Dialektik von Organisation und Markt (Unternehmen), von Freiheit und Zwang (Individuum).

Da diese abstrakten Zeiten den Grundstoff selbst der gesellschaftlichen Verhältnisse bilden, trüben sie die Vision einer wirklich humanen Zeit — und alle um das menschliche Handeln zentrierten Begriffe verlieren ihre Bedeutung: Arbeitszeit, historische Zeit, Zeit der Erinnerung.27

4. Die Menschen reproduzieren „Arbeit als Wert" als reine Fiktion. Um diese Fiktion beizubehalten, liefern sie zunehmend Arbeit, die keine Güter produziert (Dienstleistungen) oder aber Arbeit, die reine Zeit produziert (Kommunikation, Information), und sie versuchen, die letzten vitalen Aktivitäten außerhalb der Zwangszeit in der „Freizeit" auszuüben. Es hat sogar einmal eine französische Regierung gegeben, die die Freizeit ihrer „Untertanen" in einem Ministerium für Freizeit zu organisieren versuchte! Bemerkenswert ist im übrigen, daß seit dem dauerhaften Ansteigen der Arbeitslosigkeit und damit der Ausdehnung einer von den Individuen nicht gewählten freien Zeit die Frage der Freizeit gegenüber einer neuen Verteilung der Arbeit in den Hintergrund gerückt ist. Von Verteilung der Arbeit zu sprechen ist im übrigen mißbräuchlich, wenn man erkennt, daß die unterzeichneten Tarifverträge bestenfalls das gegenwärtige Beschäftigungsniveau in den Unternehmen bewahren. Sich von seiten der etablierten Mächte auf „Verteilung" zu beziehen, bedeutet, glauben zu machen, daß zwischen Beschäftigungsniveau und Umfang der Aktivitäten einerseits und zwischen Beschäftigung, Produktivität und Profit andererseits eine genaue Proportionalität besteht.

Auf dieser Basis, die dem herrschenden ökonomischen Denken widerspricht (siehe z.B. die Aussage des bundesdeutschen Ex-Kanzlers Helmut Schmidt: „Die Profite von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen"), verlaufen die Investitionen von heute parallel zum Stellenabbau — und die Profite sind zwar eine erhoffte Konsequenz, bilden aber keine Funktionsweise mehr. Darüber hinaus bauen die Unternehmen Stellen sowohl in Gewinn- als auch in Verlustzeiten ab, was nicht ohne Konsequenzen für die Beziehungen zwischen Lohnarbeitern und Unternehmen bleibt.28

Es macht nur noch wenig Sinn, die Produktivität eines Faktors der Gesamtproduktion isoliert zu sehen; dies dient zudem weder einem rationalen ökonomischen Kalkül zwischen den Faktoren (neo-klassische Theorien) noch als Grundlage für eine „gerechte" Entlohnung des Arbeitnehmer (reformistische Theorien). Trotzdem steckt hinter der oft geäußerten Vorstellung, daß eine Verteilung der Arbeit von einem obligatorischen Sinken der Löhne begleitet sein müßte, immer der Wille, glauben zu machen, daß die Produktivität mit der Arbeit zusammenhängt; daß man also, wenn man weniger arbeitet, auch weniger verdienen müsse, sonst habe das Unternehmen weniger Profit und daher auch kein Interesse daran. Was auf die Vorstellung von der Proportionalität von Lohn und Produktivität verweist, ist genau dieser Fetischismus der Arbeit. Dieser Fetischismus hat die Lohnarbeiter angesteckt, die anfangen, ihre Löhne mit der real ausgeführten Arbeit zu vergleichen. Daraus resultiert die Meinung, daß die einen ihre Löhne wirklich „verdienen", während die anderen wirklich nicht viel leisten. Was dabei verschwiegen wird, ist die globale Erhöhung der Produktivität (wie das Beispiel Japans zeigt, gibt es zwar keine höhere Arbeitsintensität, aber eine effektivere Gesamtorganisation des Prozesses), die den Rückgang der Arbeitszeit mehr als kompensiert. Darüber hinaus erlaubt die Rede von der Verteilung der Arbeit die Aufrechterhaltung der Ideologie der Arbeit; und dies in einer Gesellschaft, die die Arbeit immer weniger benötigt. Der Bedeutungsverlust der Arbeitskraft auf der ökonomischen Ebene bedeutet aber nicht, daß Arbeit als „Wert" unwichtig wird. Im Hinblick auf die gesellschaftliche Kontrolle und die kapitalistische Kommandostruktur bleibt sie wichtig. Alles verläuft so, als ob man noch Arbeit und Integration, Einkommen und Arbeit verbinden müßte. So muß z.B. das Einkommen entweder mit der aktuell geleisteten Arbeit, der früher geleisteten Arbeit (Rentner und Arbeitslose) oder der zukünftigen Arbeit (Mindestlohnempfänger) eng verbunden werden. Trotzdem wird das indirekte oder soziale Einkommen, das in das globale Haushaltseinkommen einfließt, immer wichtiger, was bisher auch keine besonderen Probleme zu machen schien. Der Wohlfahrtsstaat hatte gemäß dem fordistischen Regulierungsmodell ein indirektes und soziales Einkommen etabliert; daraus entwickelte sich eine völlig neue Struktur der Unterstützung für Arbeitslose, Behinderte und Kranke, die nicht mehr als bloßes Hilfssystem für die Bedürftigsten funktionierte, sondern als Mittel der Vereinnahmung und Kontrolle, das dazu beitrug, potentielle Arbeiter für die kapitalistische Produktion und für die Lohnarbeit in Reserve zu halten. Diese Arbeiter, die zwar außerhalb, aber nicht am Rande standen, bildeten weder eine „Reservearmee" noch neue „gefährliche Klassen". Durch ihr Ersatzeinkommen, das ihnen eine minimale Teilnahme an der „Konsumgesellschaft" gestattete, wurden sie integriert. Diese spezielle Struktur einer besonderen historischen Periode (den „glorreichen dreißig Jahren") wird seit Ende der 70er Jahre in Frage gestellt. Soziale Kontrolle und eine Sozialordnung sind immer notwendig, aber sie lassen sich nicht mehr um die Produktion und die Arbeit flechten. Man hat daher neue Maßnahmen ergriffen, um die Entwicklung einer Armut einzudämmen, die in den traditionellen Solidaritäts- und Transferleistungen keinen Platz findet. Wir erleben eine entsprechende sprachliche Anpassung; so spricht man immer weniger von „Arbeitern" als vielmehr von „Armen" und „Ausgeschlossenen". Wie in allen großen Übergangsperioden gehen Tendenzen und Gegentendenzen ineinander über und gleichen sich aus: Geld für die Ausbildung auf der einen Seite, Geld für die „Armen" und Kredite für die Vorstädte auf der anderen Seite. Die Schaffung des gesetzlichen Minimallohns stellt so etwas wie die gegenwärtige Synthese dieser beiden widersprüchlichen Bewegungen dar: es ist Einkommen außerhalb der Arbeit, dient aber der Eingliederung und einer hypothetischen zukünftigen Arbeit.

5. Die Verflüchtigung der gelebten Zeit zugunsten einer abstrakten und zerschnittenen Zeit wird parallel dazu begleitet von einer Entterritorialisierung der Individuen. Dem Mythos der Erde und des Landes folgte der Mythos der Stadt, die Stadt als Symbol der Modernität. In beiden Fällen aber waren die Individuen durch soziale Nachbarschaftsbeziehungen und eine Arbeit, die in einem umgrenzten Raum angesiedelt war, örtlich gebunden. Heute dagegen hat das symbolträchtige Bild der Stadt den ausufernden Vorstädten mit einer nahezu totalen Homogenisierung des Raumes Platz gemacht, die die Realität des Landes und das Abenteuer der Stadt verschwinden läßt.29 Die Stadt spricht nicht mehr zu den Individuen — allenfalls vermittelt durch Erinnerungen, mit musealen Städten und Stadtteilen, die man wie seltene Spezies zu schützen sucht. Was jedoch die Gegenwart angeht, so sind die Individuen allenfalls dafür empfänglich, sich in ihre urbane Umgebung als vom Fließband beherrschtes Territorium zu integrieren (siehe die Verkehrs- und Transportprobleme, die Ideologie und die Praktiken der Kommunikation). Ob mit Hilfe des Flugzeuges, des Hochgeschwindigkeitszuges oder der unendlichen Autoschlangen: Der zwischenliegende Raum leert sich und Verbindungen haben nur noch das Ziel, Räume möglichst zu reduzieren.

Abstrakte Zeit auf der einen und homogener und reduzierter Raum auf der anderen Seite: Die Hindernisse auf dem Weg zur Allmacht des abstrakten Menschen scheinen beseitigt! Es gibt zwar Stimmen und Aktionen, die sich gegen diese Entwicklung richten — zumeist aber ist der Widerstand, insofern er sich zu bestimmten Zeiten auf bestimmte Dinge konzentriert, vereinzelt, oder aber er operiert mit dem zwar realistischen, zugleich aber defätistischen Argument, daß man sich den objektiven Zwängen der kapitalistischen Welt zu stellen habe und keine tabula rasa ins Auge fassen könne.

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Anmerkungen

1 – Zum Beispiel war unter dem Feudalregime die Anzahl der Feiertage sehr hoch: Am Vorabend der Französischen Revolution waren es 141.

2 – Pierre Lantz, Valeur et richesse : une approche de l'idée de nature : Aux marges de l'économie politique, Paris, 1977.

3 – Rentabilität verstanden sowohl als Wirksamkeit einer mit einer möglichst geringen Anzahl Menschen durchgeführten Produktion als auch als Suche nach strategischer Macht. Profit verstanden im liberalen Sinn, d.h. als Bezahlung des Kapitals, heute ist es die Bezahlung von Aktionären.

4 – Marx kam dem schon sehr nahe, auch wenn es seiner Theorie des Mehrwerts widersprach. Die naturalistische Redeweise von Marx über die angeblich natürliche Eigenschaft der Arbeitskraft, Werte zu schaffen, verdient es, festgehalten zu werden. Darin läßt sich ein darwinistischer Einfluß erkennen, der sich bei vielen seiner Zeitgenossen findet.

5 – Marx hat dieses Problem gesehen, aber darauf bestanden, daß die Arbeitskraft Wert schafft. Dies hängt mit der historischen Situation und seiner politischen Position zusammen: der Notwendigkeit, für die Arbeiterklasse als produktive und den Sozialismus tragende Klasse Partei zu ergreifen, für die Klasse, die das revolutionäre Projekt trägt, weil sie eben die produktive Klasse ist. Man kann dies gut dann erkennen, wenn das, was unter dem Kapitalismus „falsch" war, im Sozialismus „richtig" wird.

6 – François Vatin, La Fluidité industrielle : essai sur la théorie de la production et le devenir du travail, Paris 1987, analysiert dies für die Fließband-Industrien. Der „Arbeiter" ist Kontrolleur des Fließbands und er greift ein, wenn die Produktion stoppt. Alles, was nicht Kontrolle ist, wird tendenziell nach außen und an Untergebene geschoben. Die Reduktion der Belegschaft wird hier nicht bloß zur damit verbundenen Verringerung der Kosten, sondern auch zum Selbstzweck. Anders als im Taylorschen System und seinen Verwandten kann es hier keine mechanische Verbindung zwischen Arbeit und Lohn geben. Die Lohnkosten hängen von der organischen Logik des Unternehmens (siehe das Beispiel in der Chemie) und von der Struktur der Einrichtungen ab. Sie sind Fixkosten. Ein Sinken oder die Steigerung der Produktion wird dadurch erreicht, daß man mehr oder weniger „die Hähne aufdreht", aber dies beeinflußt weder die Zahl des notwendigen Personals noch die Arbeitsintensität.

7 – Auch wenn Marx die Zeit des Kapitalumlaufs untersucht hat, scheint er, vom Standpunkt des Wertes aus, zwischen „toter Arbeit" (grosso modo das fixe Kapital) und lebendiger Arbeit nichts plaziert zu haben. Der Begriff der toten Arbeit ist Anzeichen einer statischen Sichtweise, mit der Marx gelegentlich beweisen will, daß selbst das Kapital Produkt der Arbeit ist, in diesem Fall der vergangenen Arbeit.

8 – Philippe Zarifian, La Nouvelle productivité, Paris 1990, zeigt, daß man dies auf nachrechenbare Weise durch den relativ geringen zugefügten Wert (im Sinne des „Nationalen Instituts für Statistik und ökonomische Studien", d.h. im Verhältnis zwischen zugefügtem Wert und eingesetzter Arbeit) und der daraus resultierenden „offensichtlichen Produktivität" zeigen kann. Diese Interpretation ist insofern sehr diskussionswürdig, als sie dem widerspricht, was sonst gesagt wird, z.B. indem sie die Produktivität der Arbeit von der des Kapitals trennt, da die Produktivität zunehmend eine globale Produktivität wird. Tatsächlich ist der Begriff des zugefügten Werts selber kritisierbar (und sollte besser durch den Begriff des Mehrwerts ersetzt werden), da ansonsten Wert und Reichtum verwechselt werden. Nehmen wir nur ein Beispiel: Zahlreiche Großunternehmen akzeptieren eine Erhöhung ihrer Produktionskosten, um den Wert ihrer Produkte zu steigern — in dem Maße allerdings, in dem sie sicher sind, ihre Produkte teurer verkaufen zu können. Wenn das Unternehmen auf mikroökonomischem Niveau auf seine Rechnung kommt, verläuft auf dem makroökonomischen Niveau alles so, als ob einer Erhöhung des Wertes zwangsläufig eine Erhöhung gesellschaftlichen Reichtums entspräche. Umgekehrt hat in den traditionellen Theorien über Wert/Kosten der Produktion und besonders über Wert/Arbeit ein Produkt desto weniger Wert, je mehr Arbeitsquantität in ihm enthalten ist (s. z.B. die Theorie des „ungleichen Tauschs" mit den Ländern der 3. Welt). Daß hier dem nachprüfbaren Wert die Priorität gegeben wird über die reale Produktion von Reichtum, ist ein Zeichen einer immer größer werdenden Distanz gegenüber der kapitalistischen Produktionsweise. Ähnelt diese Methode nicht der, die in der sowjetischen Buchhaltung angewendet wurde? Darüber sollte man nachdenken.

9 – Diese Analyse gilt für die herrschenden Kapitalien der kapitalistischen Zentren. Das „Zentrum" vergibt aufgrund seiner maschinellen Macht und seiner organisatorischen Kapazitäten die produktive Arbeit im klassischen Sinne nach außen und errichtet sich als leitendes Zentrum der Arbeit anderer. Aber selbst diese auferzwungene Teilung der Arbeit verliert im Weltmaßstab ihren Nutzen. Das Zentrum hat nicht mehr viel Bedarf an produktiver Arbeit der Immigrierten in seinen Fabriken, und es wird auch bald kein besonderes Bedürfnis mehr nach einer Auslagerung dieser gleichen Arbeiten haben. Das geringe Lohnniveau ist nicht mehr der Hauptgrund für industrielle Investitionen im Ausland, denn der Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten der Produktion sinkt ständig. Dagegen wird es, allerdings in geringerer Zahl, einen Bedarf nach billigen intellektuellen Qualitäten aus den beherrschten Ländern geben, wie die gegenwärtige Plünderung osteuropäischer und asiatischer Gehirne beweist. Das Modernitätsniveau ist weltweit praktisch auf gleicher Ebene, und der, der es nicht erreicht, wird auch nicht mehr für die anderen arbeiten — er wird sterben (siehe Afrika). Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß die Großunternehmen ihre größten Profite nicht aus der Ausbeutung der Arbeit bei sich selbst ziehen, sondern aus der Beherrschung, die sie nach unten (Herrschaft über Rohstoffe und Zwischenhandel) und nach oben (über ihre Kunden) ausüben. Dabei ist die Gesamtrationalität weniger ökonomisch als vielmehr finanziell. Die herrschenden Unternehmen legen die Höhe ihrer Investitionen teilweise außerhalb ihrer Kosten fest und die Staaten haben die Aufgabe, die Löcher zu stopfen (Umverteilung von Ersparnissen, Subventionen, Inflation etc.).Es handelt sich um einen globalen finanziellen Kreislauf, in dem es die wichtigste Aufgabe der Unternehmens-chefs ist, Kapital zu verteilen, ohne daß die relativen Arbeitskosten ihre Hauptsorge bilden. Deshalb werden heute trotz aller Verlagerungen die meisten Investitionen der industrialisierten Länder in anderen industrialisierten Ländern getätigt.

10 – Marx versuchte auf der Ebene des unmittelbaren Prozesses zu bleiben, weil sich zu seiner Zeit der Unterschied zwischen kapitalistischer Produktionsweise und einfacher Warenproduktion auf dieser Ebene ausdrückte. Noch nicht alle Arbeit war Lohnarbeit und nicht jede Warenproduktion war zwangsläufig kapitalistisch. Der einzige gemeinsame Nenner all dieser verschiedenen Arbeiten war das Maß: der Wert.

11 – In der marxistischen Theorie wird mit ihm nur ein Teil der aufgewendeten Arbeit bezahlt.

12 – 26 Gesellschaften haben die Auflösung des Giganten „Eastern Air Lines" für 86 Milliarden Dollar geleitet (Quelle: „Le monde diplomatique", Februar 1992). In gleicher Geisteshaltung hat ein Großkrankenhaus in North-Carolina aus wirtschaftlichen Gründen (!) für das Wochenende einen Notdienst eingerichtet und die Personalgehälter eingefroren, während es gleichzeitig für 40 Millionen luxuriöse Wohntürme, Parkplätze und einen Landeplatz für Hubschrauber errichtete, um berühmte Chirurgen und eine reiche Klientel anzuziehen.

13 – John Maynard Keynes, Essais sur la monnaie et l'économie: les cris de Cassandre, Paris 1990, S. 54.

14 – Das Sinken bestimmter öffentlicher Ausgaben entspricht einer Blockade des Wachstums der Kosten gesellschaftlicher Arbeit. Die öffentlichen Ausgaben werden nun zu einem kohärenten Element einer politischen Strategie (vgl. die Umgestaltungen der Arbeitslosenunterstützung, des Gesundheitswesens, der Pensionen) und ihr Sinken kann nicht als bloße Rückkehr zum Wertgesetz in einer schwierigen Zeit betrachtet werden.

15 – Man muß diese Bewegung auf weltweitem Niveau betrachten. Natürlich werden einige Posten und Sektoren geopfert; „Kleine Chefs" werden Opfer des Endes der Taylorschen Hierarchie in den neuen Arbeitsprozessen, durch die Informatik werden Büroangestellte überflüssig, Militärausgaben werden gesenkt etc. Aber was am einen Ende abgebaut wird, wird häufig genug am anderen wieder aufgebaut — und immer mehr Leute sind nicht in der Lage zu erklären, was sie eigentlich machen und vor allem, was man von ihnen wirklich verlangt (s. das Auseinanderklaffen zwischen zunehmend raffinierteren und für die Bewerber immer undurchschaubarer werdenden Einstellungsmethoden einerseits und der Realität der zu verwirklichenden Aufgaben für diejenigen, die das Hindernis überwunden haben, andererseits.).

16 – Die durchschnittliche Profitrate bestimmt den Marktpreis. Der Extraprofit entsteht zwar aus dem Unterschied zwischen Marktpreis und Produktionspreis, setzt jedoch voraus, daß dieser Herstellungspreis für die herrschenden Kapitalien viel geringer ist.

17 – Tatsächlich erfolgte für die Kapitalien der beherrschten Länder die ehemalige Anbindung an den weltweiten Wirtschaftskreislauf im Rahmen der Entwicklung von Enklaven (eine Art von Inseln innerhalb des Kapitalismus). Gegenwärtig jedoch werden diese Kapitalien außerhalb der großen Achsen der Kapitalzirkulation und außerhalb der Fließbandnetze aufgegeben. Und die Tatsache, daß diese Länder privatisieren, was möglich ist, wird daran nichts ändern (so bleibt das indische Kapital in einer schlechteren Stellung als das koreanische oder thailändische).

18 – Marx war sich dessen zwar bewußt, aber er sah darin die Möglichkeit der Errichtung einer neuen Produktionsweise, die den Austausch zwischen menschlicher Gesellschaft und Natur regeln würde und die den Austausch zwischen den Menschen, dessen Wertgesetz die Grundlage des Kapitalismus ist, aufheben würde. Auf theoretischer Ebene führte dies zur Idee der Ersetzung des Staates durch die „Regierung und Verwaltung von Sachen" (St. Simon und Marx). In den Abenteuern der Praxis jedoch gab es vor allem die sowjetische Planwirtschaft. Trotzdem stimmen Theorie und Praxis in einem Punkt überein: die Herrschaft der Ökonomie wird beibehalten.

19 – Der Gold-Maßstab bedeutete immerhin noch die Materialität des Reichtums sowie, in dem Maße, in dem das Gold produziert worden war, daß es immer noch einen impliziten Bezug zur Arbeitszeit gab. Die Theoretiker der Beibehaltung dieses oder eines anderen Maßstabes mußten jedoch erleben, daß ihre Theorien durch inflationäres Wachstum, schwankende Austauschraten, schwankende Kapitalien und die Sonderziehungsrechte des Weltwährungsfonds als Triumph der Zeichen des Reichtums über den Reichtum selbst aufgehoben wurden.

20 – Genau diese Ungleichheit wird von Marx nicht erkannt, wen er von einem gleichen Tausch zwischen Vertragspartnern redet. Anfänglich sah er diese Ungleichheit im Tausch sehr wohl, und ein wenig wie Proudhon sah er den Profit als aus der Zirkulationssphäre stammend, aus dem Handel, der als Diebstahl aufgefaßt wurde. Diese Position aber war unvereinbar mit der Theorie des Mehrwerts, und folglich gab er sie auf, um seine Konzeption eines Profits zu entwickeln, der aus dem Mehrwert und damit aus der Ausbeutung herrührte. Nach dieser neuen Position gibt es eine Gleichheit im Austausch, da die Arbeitskraft zu ihrem Wert bezahlt wird und Marx wies, gegen Proudhon und die Annahme Ricardos vom natürlichen Recht auf das gesamte Arbeitsprodukt, jede Verbindung zwischen Wert und Ausbeutung zurück. In seiner Konzeption der Ausbeutungsrate wird die Arbeitskraft als reine Ware betrachtet (vor allem im „Kapital") — und deshalb hat sie einen Wert und wird zu ihrem Wert bezahlt. Wie bei jeder Ware kann dieser Wert in Abhängigkeit von den Preisschwankungen der zu seiner Reproduktion nötigen Waren gesenkt werden; so entstand die Verelendungstheorie. In dieser Optik ist es auch logisch, den Klassenkampf zu vernachlässigen, denn eine Ware kämpft nicht! („Lohn, Preis und Profit" bildet eine Ausnahme, aber dabei handelt es sich um ein Propagandawerk für das Arbeitermilieu!) Der Wert der Arbeitskraft hängt also dementsprechend für Marx eher von langfristigen Entwicklungen ab, die von dem abhängen, was man „historisches und gesellschaftliches Lebensminimum" nennen könnte. Dahinter steckt implizit eine Theorie der Bedürfnisse, die Marx zwar niemals entwickelt hat, die aber leider von den Marxisten wieder aufgegriffen wurde.

21 – Dies gilt nicht für die zurückliegende Arbeit der Immigranten, denn diese wurde nur als reine Arbeitskraft anerkannt, und ihre Reproduktion außerhalb der Arbeit wurde vollständig auf gesellschaftliche Verpflichtungen verschoben (Arbeitserlaubnis, Aufenthaltsgenehmigung).

22 – Wenn auch die neoklassischen Wirtschaftswissenschaftler die von den Klassikern vertretene Idee des Zusammenhangs zwischen Wert und Arbeit aufgegeben haben, so haben sie doch die Smithsche Vorstellung von „Arbeit-als-Ware" — und damit die entsprechende Vorstellung vom Arbeitsmarkt — beibehalten. Arbeit und Kapital sind für sie zwei Waren, die im Bereich der Produktion völlig austauschbar sind. Die moderne neoklassische Theorie vervollständigt mit ihrer Theorie des „menschlichen Kapitals" diese Konfusion, indem sie tendenziell aus jedem Angestellten den Besitzer eines persönlichen Kapitals macht, wobei die Arbeit als Gebrauch und das Gehalt als Zins dieses Kapitals gilt.

23 – Während die für gesellschaftliche Bewegungen und Ereignisse fruchtbaren 60er und 70er Jahre gute Möglichkeiten für eine ziemlich weitgehende „Vermischung" von Herkunftsmilieus bildeten und zu offenen und instabilen „Milieus" führten, erleben wir seit Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre eine gewisse Rückkehr zur Betonung sozialer Herkunftsmilieus, eine Rückkehr zu geschlossenen und nach Gruppen geordneten Milieus.

24 – Ende 1992 hat die „Agence nationale pour l'emploi" („Nationale Beschäftigungsagentur") 800 Personen neu eingestellt, die dazu ausgebildet wurden, Arbeitslose auf den Arbeitsmarkt hin orientieren zu können — während doch eben dieser Arbeitsmarkt nicht mehr über diese Organisation vermittelt wird, die zur bloßen Unterstützungs-, Kontroll- und Statistikstelle geworden ist. Dies ist ein gutes Beispiel für die Absurdität der staatlichen Strategie der „Anstellung für die Anstellung".

25 – Vgl. Zarifian, La Nouvelle productivité, a.a.O.

26 – Vgl. Jean-Marie Vincent, Critique du travail : le faire et l'agir, Paris 1987.

27 – Es ist kein Zufall, wenn Regierungen dies zu kompensieren suchen, indem sie „Gedächtnisfeiern" gesellschaftlich organisieren. Zu fragen wäre, ob der Erfolg von Büchern sowie von Radio- und Fernsehsendungen über die Geschichte in die gleiche Richtung geht oder einen Widerstand gegen das Einfrieren der historischen Zeit bildet.

28 – Während man seit zehn Jahren immer wieder erklärt, daß die Franzosen endlich mit den Unternehmen „versöhnt" seien, erleben wir gegenwärtig eine tiefe Spaltung von Gesellschaft und Wirtschaft. Vor dreißig Jahren betrachteten die Unternehmensführungen den Personalabbau als Zeichen eines wirtschaftlichen und persönlichen Scheiterns — und er wurde daher auch nur als letzte Zuflucht angesehen. Heute gelten Entlassungen gegenüber den Aufsichtsräten der Gesellschaften als Garantie für eine gute Unternehmensführung.

29 – Vgl. Claude Raffestin, Travail, espace, pouvoir, Lausanne 1979.